Lebenskluges Kino

Mia Hansen-Løve aus Frankreich dreht emphatische Spielfilme, geschöpft aus ihren Erfahrungen. In «L’avenir» spielt mit Isabelle Huppert erstmals ein Star mit.

Viel Platz für das Spiel mit den Nuancen: Isabelle Huppert in «L’avenir». Foto: PD

Viel Platz für das Spiel mit den Nuancen: Isabelle Huppert in «L’avenir». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man liest ja Bücher, wenn man noch jung ist, um die Welt zu verstehen und zu verändern. Später möchte man die Veränderungen, die von aussen kommen, zumindest überstehen. Man schaut zurück auf die Jugend, es kitzelt einen etwas, aber man hat nun nicht mehr eine Vorstellung vom Ganzen, sondern eher eine Idee von sich selbst, die man in die Zukunft projiziert. So hat man sich eingerichtet, vielleicht mit einem Ehepartner in einer Wohnung voller Bücher, und das Problem ist eigentlich nur, dass der Partner eines Tages mit ernster Miene zu einem sagt: «Ich habe jemanden kennen gelernt.» Und dann denkt man: Was bin ich blöd.

Ausschnitt aus «L’avenir». Quelle: Cine maldito/Youtube

Nathalie, Philosophielehrerin an einem Pariser Gymnasium, spricht den Gedanken laut aus, als ihr Mann ihr eröffnet, dass er ausziehen wird. Auch er ist Philosophielehrer, eher der Empiriker im Vergleich zur früheren Marxistin Nathalie. Und zusammen leben sie zwischen Schulzimmer und Sachbuchverlag ein bourgeoises, aber engagiertes Routineleben für die Wissensvermittlung. Doch als der Mann sein Ich-muss-dir-­etwas-sagen-Gesicht zieht, macht Nathalies Herz einen Sprung. Plötzlich geht es sehr schnell, alles Bekannte wird umgestürzt, und wer kriegt denn nun die Levinas-Bände?

Nicht dass sich in «L’avenir» der französischen Regisseurin und Autorin Mia Hansen-Løve die Ereignisse überschlügen. Aber der Takt zieht an, so wie das Herz einen Sprung macht: Hansen-Løve beherrscht das besonders gut, diese leichte Beschleunigung. Weil sie ihr Filmdrama aus klug gewähltem Alltagsmaterial zusammensetzt, braucht sie wenig mehr als Momente. Sie springt rechtzeitig aus ihnen heraus, lässt manches aus oder im Nichts verlaufen: Es entsteht der Hansen-Løve-Flow, in dem die Zeit vorwärtsgetrieben wird, aber klar erkennbar bleibt als Lebensfluss. Darin hat Isabelle Huppert viel Platz für ein Spiel der Nuancen. Als Nathalie wahrt sie die Fassung, belügt sich selbst, spürt den Schmerz und die Wut, woraus einige Szenen von herber Komik entstehen. Und schöpft wieder Kraft auf dem Land, wo sie ihren Lieblingsdoktoranden und seine linksradikale Gruppe besucht. Sie erkennt sich nicht mehr in ihrem Denken, aber sie spürt ein Begehren für den jungen Mann. Man sieht es, weil sie es verbirgt.

«Der Film hätte leicht ein Melodrama werden können, aber ich wollte, dass er dem Leben so nah wie möglich kommt.» Mia Hansen-Løve

Aber wie ist es zu erklären, dass die 35-jährige Mia Hansen-Løve ein solch ­lebenskluges Kino macht, ohne in die Falle des Schematischen zu tappen? Ihre Eltern sind beide Philosophielehrer, die sich getrennt haben, so wie alle ihre Filme einen persönlichen Hintergrund haben: «Le père de mes enfants», das Porträt eines Filmproduzenten, der fürs Kino brannte und daran starb, war ­inspiriert von Humbert Balsan, der Hansen-Løves Debüt «Tout est pardonné» ­finanzieren sollte, sich aber umbrachte, bevor es dazu kam. «Un amour de jeunesse» handelte vom Ende einer Jugendliebe, wie es die Regisseurin erlebt hatte; «Eden» von einem House-DJ, wie Hansen-Løves Bruder einer ist.

Stets geht es um die Selbstsuche von Verwundeten, die merken, dass die Erzählung, die sie von sich selber haben, nicht mehr aufgeht. «L’avenir» aber tippt noch weit mehr an: die Verbürgerlichung der Revolte und die Passion der Pädagogik, die Demonstrationen der ­Jugend für die Bewahrung der Renten und die politische Radikalität nach den utopischen Projekten. Immer gestaltet mit emphatischem Blick auf jugendliche und nicht mehr so jugendliche Leidenschaften und selbst im Soundtrack vorurteilslos, wo sich E und U vermischen.

Rhythmus versus Übertreibung

Mia Hansen-Løve teilt sich solche Motive mit ihrem Ehemann und Regisseur ­Olivier Assayas («Sils Maria»). Aber die ­feministische Sensibilität und die Kunst der Zeitmanipulation im Schnitt sind ihr eigen: «Wahrheit im Rhythmus» nannte es Hansen-Løve, als man sie an der letzten Berlinale traf, wo «L’avenir» den Silbernen Bären gewonnen hat. «Der Film hätte leicht ein Melodrama werden können, aber ich wollte, dass er dem Leben so nah wie möglich kommt.» Und nicht ins Pathos kippt, weshalb sie Rhythmus immer interessiert habe, als Gegen­gewicht zur Übertreibung. Man ahnt, was sie meint: eine musikalische Fluidität, nicht eine Gefühlspauke.

Wobei Hansen-Løve nicht davor zurückschreckt, Emotionen zu konzentrieren oder eine nicht unsymbolische schwarze Katze durch den Film zu scheuchen. Die Effekte des Pop sind ihr nicht fremd, und mit Isabelle Huppert arbeitet sie zum ersten Mal mit einem Star. Im Gespräch wirkt die Regisseurin schmal, fast zerbrechlich, aber vor ­allem gescheit auf französisch belesene Art. Bei ihrer Mutter habe sie eine Kraft ge­sehen, als diese verlassen wurde: «Ich glaube, ich würde zusammenbrechen. Aber bei meiner Mutter hatte es vielleicht auch mit Philosophie zu tun. Vernunft beeinflusst, wie man an sein eigenes Leben herangeht.»

Sprich: Denken hilft, nur sagen nicht immer alle, was sie denken. Eine Tat­sache, die sie ins Kino übertragen wolle: «Oft sagt Nathalie Unwahrheiten über sich. Mich ärgern sowieso Filmfiguren, die so selbstbewusst reden, als gäbe es kein Unbewusstes.» Sie aber wolle das Unbewusste am Werk lassen, damit es sich äussern kann. Wie die Sinnlichkeit hinter Nathalies Fassade. Und vielleicht auch wie die Reste des politischen ­Widerstands, die durch «L’avenir» geistern – die Demos gegen Bildungsreformen, der Traum von der wahren Alternative, die Debatten um Texte ohne ­Autor: Elemente einer kollektiven Umwälzung, die eingelassen sind in Nathalies Alltag und denen sie den Versuch entgegensetzt, eine Zukunft für sich selber zu gestalten, eine andere Erzählung von sich zu geben. Am Ende von «L’avenir» schaffen sich die Radikalen auf dem Land ein paar Esel an, und Nathalie hält eine neue Zukunft in den Händen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2016, 18:53 Uhr

Artikel zum Thema

Was Sie sich in Locarno ansehen sollten

Heute beginnt das 69. Festival del film Locarno. Ein kleiner Wegweiser durchs Programm. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gold für die Wohnung

Mamablog Ein Smartphone mit 10?

Die Welt in Bildern

Nichts für Gfrörlis: Ausserhalb der sibirischen Stadt Krasnoyarsk wurden Minus 17 Grad gemessen. (10. Dezember 2017)
(Bild: Ilya Naymushin) Mehr...