Weil der Mensch ist, was er isst

In einer Sommerserie beleuchtet baz.ch/Newsnet die Debatte rund um das Thema Nahrung.

Herkunft, Fleischanteil, Nachhaltigkeit: Kaum etwas ist derart emotional besetzt wie das Thema Ernährung. Illustration: Marina Bräm.

Herkunft, Fleischanteil, Nachhaltigkeit: Kaum etwas ist derart emotional besetzt wie das Thema Ernährung. Illustration: Marina Bräm.

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Die Erinnerung hat sich eingebrannt: Am Sonntagmittag im verqualmten Wohnzimmer der Grosseltern gab es Berge von Essen. Das Bonmot am Tisch lautete: «Grosi kocht für eine halbe Armee.» Und so war es auch. Der Klassiker, bestehend aus Schweinsschnitzel, Nüdeli und Rahmsauce, wurde haufenweise gereicht. Dabei spielte es überhaupt keine Rolle, woher das Fleisch kam, ob es tiergerecht produziert wurde, wie gross der ökologische Fussabdruck war oder ob es überhaupt eine gute Idee war, sich derartige Mengen Fleisch in  den Mund zu schaufeln. Nach den entbehrungsreichen Jahren in der Nachkriegszeit musste es damals möglichst viel und vor allem möglichst fleischlastig sein. Denn daran fehlte es nach Kriegsende bis ungefähr Ende der 60er-Jahre. Fleisch war Mangelware, die Portionen mussten eingeteilt werden. Als diese Phase vorbei war, wurde aus dem Vollen geschöpft. Der Überfluss wurde zelebriert, nicht nur am Sonntag beim Grosi.

Würde die Grossmutter heute noch immer so viel kochen, würde sie wohl der masslosen Verschwendung bezichtigt – Food-Waste ist der Begriff dazu. Auch Bilder aus den USA von fettleibigen Menschen, die Burger im Dutzend verdrücken und mit Softdrinks runterspülen, rüttelten viele Bürger auf. Sie erkannten mehr als je zuvor, dass Ernährung eng mit der Gesundheit verknüpft ist. Das zeigt etwa die Diskussion um zu salz- und zuckerhaltiges Essen, um künstliche Zusatzstoffe oder die Nahrungsmittelpyramide.

Gefährliche Nähe

Schliesslich ist kaum etwas derart emotional besetzt wie das Thema Ernährung. Die Lebensmittel gehen durch unseren Mund in unsere Mägen und werden dort vom Körper verarbeitet. Das kann im schlimmsten Fall sogar gefährlich werden. Jeder von uns verbrachte schon mindestens eine Nacht auf der Toilette, weil er etwas Schlechtes gegessen hat.

Daher überrascht es nicht, dass seit Anfang des Jahrtausends leidenschaftlich über das Thema Nahrung debattiert wird. Heute geht es eben nicht mehr nur um den Fleischanteil oder die Menge. Heute wird auch über Herkunft und Nachhaltigkeit diskutiert. Geschichten von Kartoffeln, die in Deutschland geerntet, in Italien gewaschen und in der Schweiz verkauft werden, haben zur Sensibilisierung beigetragen. Das leckere Angus-Filet wird nicht mehr einfach aus dem Regal genommen und in den Einkaufskorb geworfen, sondern umgedreht und auf seine Herkunft überprüft. Gleichzeitig machen die vielen Labels – Stichwort Bio, Regio, Vegi – auch skeptisch. Ist wirklich überall das drin, was draufsteht?

Allerdings können diese Debatten in vielen Gesellschaftsschichten oder in Schwellen- und Entwicklungsländern noch gar nicht geführt werden. Ärmere Menschen können sich die nachhaltig oder nach biologischen Standards hergestellten Nahrungsmittel oft nicht leisten, weil sie schlicht zu teuer sind. Eine Lösung für jene, die aufgrund ihres kleinen Portemonnaies auf günstige Nahrungsmittel angewiesen sind, haben die Essens-Avantgardisten dieser Welt noch nicht gefunden.

Die Wirtschaftsredaktion von baz.ch/Newsnet nimmt diese Debatten zum Anlass, um im Rahmen einer mehrteiligen Serie näher auf verschiedene Themen rund um die Ernährung einzugehen. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2016, 23:30 Uhr

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