Oje, mein Papa

Der Film «Toni Erdmann» der deutschen Regisseurin Maren Ade gilt in Cannes als Favorit. Ist er wirklich so gut?

Noch findet Ines (Sandra Hüller) es nicht witzig, dass ihr Vater ihr Leben mit einem irrwitzigen Rollenspiel durcheinanderbringt. Aber bald. Foto: PD

Noch findet Ines (Sandra Hüller) es nicht witzig, dass ihr Vater ihr Leben mit einem irrwitzigen Rollenspiel durcheinanderbringt. Aber bald. Foto: PD

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Man würde nun am liebsten auch als Toni Erdmann über die Croisette in Cannes laufen. Verkleidet wie er, mit Perücke und Fasnachtszähnen, und irgendeinem VIP die Hand schütteln und sagen: «Ich meld mich dann!» Einfach nur, weil Toni Erdmann solche Dinge tut in «Toni Erdmann». Und weil das einer dieser Filme ist, die das Gefühl auslösen, als könne man ein wenig fliegen. Selbst die Kritik ist sich einig, von der «New York Times» bis zum strengen Michel Ciment der Zeitschrift «Positif». Szenenapplaus, Gelächter, das in Gekreisch umschlug: Vielleicht, heisst es jetzt, hatten die Deutschen ja schon immer Humor. Man hat ihn einfach nie verstanden.

Bildstrecke – Eleganz und Blödelei in Cannes:

Sicher hatte ihn Maren Ade immer schon, die 39-jährige Regisseurin aus Karlsruhe. Bereits in ihrem Abschlussfilm «Der Wald vor lauter Bäumen» (2003), in dem eine einsame Lehrerin keine Peinlichkeit auslässt, um mit ihrer Nachbarin Freundschaft zu schliessen. In «Alle anderen» (2009) auch, Lars Eidinger und Birgit Minichmayr stritten da als Liebende in den Ferien nicht nur miteinander, sondern auch mit einem älteren urlaubenden Paar – mit allen schreiend komischen Folgen. Beide Filme handelten von Spiegelungen, in denen man sich selbst sieht oder nur einen Schatten davon. Beide Filme lebten von einer Komik, die wehtat, weil Maren Ade sie dorthin führte, wo es nicht mehr lustig war – und darüber hinaus. Die Briten nennen diesen Humor «toe-curling»: Man lacht und verkrampft sich vor Scham, bis es einem die Zehen aufrollt.

Kluges Spiegelspiel

Womöglich ist das ein Grund, weshalb in «Toni Erdmann» Zehennägel eine Nebenrolle spielen, besonders in einer sehr schmerzhaften Szene. Aber man will alle diese Einfälle gar nicht verraten. Man will nur sagen, dass sie sehr erfinderisch sind und klug. Es ist jetzt vielleicht mehr auf die Pointe hin gespielt, weniger auf die Peinlichkeiten. Aber noch immer geht es Maren Ade um eine Spiegelung, die ist wie ein Blick in ein dunkles Loch: Der geschiedene Klavierlehrer Winfried (Peter Simonischeck) hat die Angewohnheit, sich schiefe Plastikzähne in den Mund zu schieben. Dann wird er zu Toni Erdmann und spielt jedem einen Streich, der sich in der Nähe befindet. Seine Tochter Ines (Sandra Hüller) sieht er kaum mehr, sie arbeitet für eine deutsche Beratungsfirma in Bukarest, wo sie ein Projekt für eine Ölfirma betreut. Er besucht sie dort, sie haben sich kaum etwas zu sagen. Doch dann beschliesst Winfried zu bleiben –als Toni Erdmann.

Der Weg von Demütigung und Verlegenheit

Der Vater sieht in seiner Consulting-Tochter einen Schatten von dem, was sie einst geteilt hatten: den Spass. Also kreuzt er nun plötzlich während Apéros und Büropausen auf, erzählt grandiosen Unsinn, gibt sich in seiner lächerlichen Verkleidung als Coach aus. Niemand glaubt ihm, aber alle spielen ein wenig mit, und so geht auch die erst überrumpelte Tochter auf das Rollenspiel ein. Und was für eine «Illusio» da folgt! Ein fast dreistündiger, gekonnt getimter Täuschungstanz, in dem alles aufgespiesst wird, weil sich der Spiess immer wieder um die eigene Achse dreht: Toni führt Ines ihre eigene kalte Geschäftswelt vor, diese nimmt ihn in ein Meeting mit, wo er in die Falle tappt. Ines bereitet sich auf eine Präsentation für kritische Kunden vor, Toni performt mit den Mitteln von Improvisation und Bluff (für ihn ist eine Limousine einfach ein teureres Requisit). Tonis Faxen verletzen das soziale Skript, Ines findet bald eigenen Spass daran, Grenzen zu überschreiten. Sie sind sich ähnlich, aber sie leben in verschiedenen Welten. Und «Toni Erdmann» geht den Weg von Demütigung und Verlegenheit, um zu fragen, wie man eine Liebe zwischen Vater und Tochter wachkitzeln könnte.

Der offizielle Trailer von «Toni Erdmann». Video: Youtube

Dabei ergibt sich auch ein Generationenbild: Ade treibt ihre ambitionierte, oft um die Ecke gedachte Komödie auf jenen wunden Punkt zu, an dem die Rebellion der 68er umschlägt in die Kalkulationen des internationalen Managements. Jene Übergangsstelle von der Boheme zum Unternehmertum, wo aus dem Sit-in die Sitzung wird und aus dem Einsatz für eine Sache die «performance», die ständig «feedback» braucht. Wo sich der Streich unter Freunden in den Tanz vorm Kunden verwandelt. Wo der 68er-Ruf nach Autonomie und Kreativität verwirklicht wird – in Form eines 24/7-Beratungsjobs, in dem man unter Einsatz aller Einfälle sein eigenes Projekt durchzieht.

Die grosse, unlustige Pointe

Winfried hat mit seinen Scherzen ein engagiertes Leben aufgelockert, für Ines ist die Arbeit selbst die permanente Inszenierung ihrer Talente. Die beiden sind auch Figuren eines gesellschaftlichen Wandels, das ist die grosse, unlustige Pointe in «Toni Erdmann». Und im Grunde stellt die Komödie die Frage vieler Eltern um die sechzig: Weshalb zum Teufel hat unser Kind Ökonomie studiert?

Weil es nicht mehr reicht, die Ausbeutung oder die Verschmutzung anzuklagen. Man muss die neuen wirtschaftlichen Abhängigkeiten untersuchen. So hat wohl auch Ines gedacht, nur scheint sie sich verloren zu haben in der Mikrophysik der Macht, die ihren sexistischen Büroalltag bestimmt. Und im Consulting-Jargon: Als einmal der Satz «Das ist dein ‹partner project›!» fällt, sitzt Toni gleich danach auf ein Furzkissen. Maren Ade spiegelt nicht nur die Lebensentwürfe, sondern auch die Idiotien. Und der Vater sendet die Signale und fragt: Bist du noch da?

Einmal schaut er die Tochter an und denkt: Da ist sie ja wieder. Es war die Szene, die in Cannes mehrfachen Szenenapplaus bekam. Während eines Überfallbesuchs bei einer Apéro-Bekanntschaft setzt sich Toni ans Keyboard und spielt Whitney Houstons «Greatest Love of All» – ein Song über eine Abnabelung und ein Kitsch, der trotzdem Gefühle auslöst (man sieht nur schon daran, wie gezielt Maren Ade vorgeht). Und Ines steht daneben und singt das ganze Stück aus vollem Hals. Dann geht sie schleunigst ab, flüchtet vor ihrem Vater, der sie an etwas erinnert, was in ihr schlummert. Man lachte Tränen. Weil der Witz ernste Folgen hatte.

«Toni Erdmann» läuft in der Schweiz im Juli an. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2016, 20:15 Uhr

Zuchetti und Kartoffelkopf

Schweizer Trickfilm in Cannes

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Der Junge nennt sich «courgette», also Zucchetti, der Bully im Heim ruft ihn aber Kartoffelkopf, und eigentlich haben alle Riesenhäupter, die auf schmächtigen Puppenkörpern schaukeln. Das Drehbuch von Céline Sciamma («Bande de filles») holt viel Humor aus dieser Ode an die kleinen Vergessenen, auch wenn die ernsthafte Beschäftigung mit Missbrauch und Vernachlässigung bald unterzugehen droht in einer stark gesüssten Niedlichkeit. Doch die Kinderstimmen sind toll, und dem Applaus nach ist dieser Animationsfilm auch ein Hit beim erwachsenen Publikum.
Pascal Blum; Foto: Praesens Film

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