Reportagen aus Fantastistan

Markus Somm über Vorurteile und ihre Journalisten.

Bis vor kurzem arbeitete Claas Relotius für den «Spiegel». Inzwischen hat er gestanden und gekündigt, seine Karriere ist ruiniert.

Bis vor kurzem arbeitete Claas Relotius für den «Spiegel». Inzwischen hat er gestanden und gekündigt, seine Karriere ist ruiniert.

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Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Claas Relotius, ein Star des deutschen Journalismus, zahllose Repor­tagen verfasst hat, in denen so gut wie nichts stimmte. ­Relotius, ein flotter, wenn auch etwas zu flotter Schreiber, hat offenbar Menschen, Geschichten und Fakten besinnungsloser erfunden, als andere atmen konnten. Was ­diesen Skandal aber für die Medien umso beklemmender macht, ist die Tatsache, dass Relotius solches jahrelang getan hat, ohne je entdeckt zu werden. Kein Dokumentalist und kein Chefredaktor merkte etwas, ja Relotius wurde für seine vielen Werke der Fiktion mit Journalistenpreisen ­geradezu überhäuft.

Bis vor kurzem arbeitete er für den «Spiegel», ein deutsches Nachrichtenmagazin, inzwischen hat er gestanden und gekündigt, seine Karriere ist ruiniert, und der «Spiegel» ein Blatt, das sich einst als «Sturmgeschütz der Demokratie» verstanden hatte, also offensiv, zielgenau und vernichtend, ist seither damit beschäftigt, sich seitenweise zu entschuldigen. Vom Sturmgeschütz ist nicht viel übrig geblieben ausser Schrott und Blindgängern. Ohne Frage gehen die Verantwortlichen des «Spiegels» vorbildlich mit diesem Fall um. Sie entschuldigen sich nicht nur, sondern lassen jeden Artikel von neuem recherchieren, – im Wissen wohl, wie sehr ihr Titel wird leiden müssen ob dieses Skandals in einem Land, wo viele den ­Medien vorwerfen, «Lügen» zu verbreiten.

Vorbildlich und doch betriebsblind: Denn das, was den Skandal erst ermöglicht hat, wird kaum berührt, ja, so scheint es, verlegen beschwiegen. Wäre der «Spiegel», ein linksliberales, oft rechthaberisches Blatt, etwas pluralistischer verfasst; gäbe es auf dieser Redaktion mehr Leute, die konservativ eingestellt sind – hätte man Relotius nicht früher überführt?

«Relotius schrieb, was man hören wollte, er log vor, was seine Vorgesetzten und Kollegen bereits glaubten.»

Dass dieser zum Weltstar aufstieg, hat viel mit den Vorurteilen des durchschnittlichen Journalisten zu tun, die Relotius virtuos bediente. Flüchtlinge sind grundsätzlich bessere Menschen, Krieg ist ein Elend, wofür meistens der Westen die Schuld trägt, progressive Leute leben in der Stadt, Verstockte auf dem Land, und Trump ist ein Desaster. Relotius schrieb, was man hören wollte, er log vor, was seine Vorgesetzten und Kollegen bereits glaubten, weswegen sie sich wohl so angenehm bestätigt fühlten, weil die Wirklichkeit sich ihrer Voreingenommenheit zu fügen schien. Nirgendwo wird das vielleicht deutlicher als in einem Bericht über Fergus Falls, einer Kleinstadt im amerikanischen Staat Minnesota.

Als Relotius hier auftauchte, kurz nach den Präsidentschaftswahlen, um herauszufinden, warum sich die meisten Einwohner des Ortes für Trump entschieden hatten, dürften manche froh gewesen sein, endlich einen Journalisten zu treffen, der sich Zeit nahm. Tatsächlich blieb Relotius über einen Monat. Was er da aber erfahren hatte, ist schwer zu sagen, denn so gut wie alles, was er nachher im «Spiegel» schrieb, war falsch. Andrew Bremseth etwa, den jungen Stadtverwalter, stellte er als typischen Trump-Wähler dar, als einen Waffennarren, der mit seiner Beretta ins Büro fuhr, wo einem ein ausgestopftes Wildschwein begrüsste. Selbstverständlich konnte er mit einem weiblichen Präsidenten Hillary Clinton nichts anfangen, und er freute sich, dass Trump «allen in den Arsch treten» werde. «Andrew Bremseth würde gern bald heiraten, sagt er, aber er war noch nie mit einer Frau zusammen. Er war auch noch nie am Meer.»

Die Zitate, die ihm Relotius zuschrieb, waren erfunden.

Von dieser Schilderung trifft ausser dem Namen nichts zu, wie ausgerechnet zwei linke Bürger von Fergus Falls nachwiesen, die sich über den Artikel schon vor einem Jahr geärgert hatten, ohne dass dem «Spiegel» dies zu Ohren gekommen wäre. Bremseth besitzt weder eine ­Beretta, noch steht ein Wildschwein in seinem Büro. Die Zitate, die ihm Relotius zuschrieb, waren erfunden. Im Übrigen hat er seit Jahren eine Freundin, sie heisst Amber, und schon viele Male war er am Meer.

Um dies zu beweisen, liess er ein Foto in den sozialen Medien erscheinen, das ihn zusammen mit Amber auf Urlaub am Strand zeigte. Sie lachten. Noch ging es ihnen gut. Nachdem Relotius aufgeflogen war, schickte der «Spiegel» abermals einen Reporter nach Fergus Falls, mit dem Auftrag, nun die wahre Geschichte zu erzählen. Relotius hatte seinen Text mit dem Titel «In einer kleinen Stadt» überschrieben. Jetzt hiess es im Spiegel: «In einer fantastischen Stadt», weil der Reporter offenbar ganz begeistert zurückgekehrt war – obwohl eine Mehrheit hier Trump gut fand. Nun stimmte alles. Doch wäre eine solche Geschichte auf der Redaktion je auf Interesse gestossen?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.12.2018, 00:43 Uhr

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