Steuerlos in Sitten

Das autonome Fahren gilt als Megatrend der Autoindustrie. Wie aber reagieren Fahrgäste und Passanten auf einen autonomen Bus? Ein Selbstversuch in engen Gassen.

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Die quietschgelbe Plastikbox wirkt deplatziert in der mittelalterlichen Stadtkulisse. An der Rue du Grand-Pont reihen sich Altbauten an Altbauten, Fensterläden funkeln in der Sonne, die Alpen rahmen das Bild. Dazwischen rollt dieser Fremdkörper gemächlich übers Kopfsteinpflaster.

Seit Juni 2016 verkehrt in Sitten der elektrische Minibus. Der Smartshuttle ist tatsächlich ziemlich clever, denn er kommt ohne Fahrer aus. Wie ein Google-Auto kutschiert er Passagiere autonom durch die engen Gassen – vorerst kostenlos. Organisiert wird das Experiment von der Postauto AG, die etwa 850 Buslinien im In- und Ausland betreibt. Falls alles gut geht, könnte der Versuch den Auftakt zu einem viel grösseren Vorhaben markieren: den Einstieg in den autonomen öffentlichen Nahverkehr. Nicht nur Sitten experimentiert damit: Die Deutsche Bahn testet autonome Kleinbusse, in Mannheim drehte Anfang Januar ein Fahrzeug ein paar Runden um den historischen Wasserturm in der ­Innenstadt.

Der Mensch kann ihn stoppen

Die meisten Passanten haben die gelbe Box schon gesehen, und doch bleibt die Neugier: ein Fahrzeug ohne Lenkrad! Faszinierend und unheimlich zugleich. Im Inneren sieht der Shuttle wie jeder andere Bus aus: elf Plastiksitze, Halteschlaufen und -stangen. Auf den zweiten Blick offenbaren sich die Besonderheiten: Über der Frontscheibe hängt eine Tastatur, an der Wand ein berührungsempfindlicher Bildschirm. Daneben, wie beruhigend, ein roter Nothalte-knopf. Der Mensch kann den Roboter also immer noch stoppen.

Indes: Der Smartshuttle fährt nicht wirklich ohne Fahrer. Zwar navigiert der Minibus selbstständig durch die Stadt, neben dem Monitor steht aber immer noch ein Mensch, der die Technik überwacht. Eine weitere Mitarbeiterin zählt die ein- und aussteigenden Fahrgäste. Zwei junge Männer hasten auf die vorderen Plätze. Ein älterer Herr mustert kritisch den Touchscreen, bevor er sich setzt. Eine Frau steigt ein, befestigt zwei mobile Videokameras und steigt wortlos wieder aus. «Das erste Mal an Bord?», fragt der Begleiter. Alle nicken.

Kein Piepsen, keine Ansage, kein Schnickschnack Surrend kommt der Elektromotor in Gang. Kein Piepsen, keine Ansage, kein Schnickschnack. Mehr als 15 Stunden­kilometer fährt der Shuttle nicht, schon aus Sicherheitsgründen. Sobald jemand im Weg steht, tritt der Computer abrupt auf die Bremse. Danach tastet er sich langsam voran. Anfahren. Bremsen. Anfahren. Obwohl der Smartshuttle nur Schritttempo fährt, ist das Ruckeln deutlich zu spüren.

Ganz normal, beteuert Jürg Michel, der zuständige Postauto-Projektleiter. «Wir stehen mit unserem Versuch erst am Anfang. Plug-and-play ist bei einem solch komplexen System nicht möglich.» Überhaupt sei die Umgebung alles andere als ideal: enge Gassen, viele Fussgänger, dazu Lieferverkehr, Velofahrer, Kinderwagen, parkierte Autos. Und Baustellen. «Wenn eine Strasse gesperrt wird, können wir den Bus nicht einfach umleiten», sagt Michel, denn jede Strasse muss als 3-D-Modell ins System geladen werden. Als im Advent der Weihnachtsmarkt in Sitten startete, brauchte der Smartshuttle ein Update.

Ob sich autonome Fahrzeuge in den Linienverkehr integrieren lassen, weiss Michel noch nicht. Rechtlich gibt es Hürden. So darf der Smartshuttle nur mit einer Ausnahmegenehmigung fahren. Auch in den meisten anderen Ländern sind autonome Fahrzeuge im Strassenverkehr bislang nicht zugelassen. Im Juli 2016 kam ein Tesla-Fahrer in Florida in seinem selbstfahrenden Wagen ums Leben, nachdem der Autopilot einen einbiegenden LKW übersehen hatte. Auch der Smartshuttle hatte schon einen – wenn auch marginalen – Unfall: Bei der Fahrt durch die Altstadt touchierte der Bus die geöffnete Heckklappe eines Lieferwagens. «Unglückliche Umstände», sagt Projektleiter Michel. «Die Sensoren haben das Hindernis falsch interpretiert.» Ernsthafte Schäden gab es nicht, aber der 255 000 Franken teure Bus wurde zum Hersteller zurückbeordert: Software-Update, Einspeisung neuer Hindernisse.

«Nicht sehr komfortabel»

Nach weniger als zehn Minuten ist die Rundfahrt vorbei. Der Computer hat alles richtig gemacht, Kollisionen gab es keine. Die Frau, die zuvor ihre Videokameras befestigt hatte, baut ihre Geräte nun wieder ab. Grace Eden arbeitet als Marktforscherin für das Smartshuttle-Projekt und befragt die Fahrgäste: Was war das Beste an der Fahrt? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf? Würden Sie auch mitfahren, wenn kein Begleiter an Bord wäre? Gary Leonard lässt sich darauf ein. «Der Bus hat bei jeder Kleinigkeit überreagiert», findet der 63-Jährige. «Nicht sehr komfortabel.» Sein Vorschlag: Die Maschine sollte von einem echten Fahrer lernen. Extra bezahlen würde er für das neuartige Verkehrsmittel jedenfalls nicht. «Als Teil des öffentlichen Nahverkehrs wäre es okay», sagt Leonard. «Aber dann sollten die Betriebszeiten stimmen.» Noch verkehrt der Bus nur ein paar Stunden am Tag.

Die meisten Passagiere zeigen sich dagegen begeistert und sehen Potenzial im autonomen Nahverkehr – trotz der technischen und juristischen Hürden. «Wir wollen vorbereitet sein, wenn es mal so weit ist», sagt Jürg Michel. Noch ist dafür ausreichend Zeit: In Sitten läuft das Experiment bis Oktober 2017. Eine Frau fragt zum Schluss, ob man den Smartshuttle im Notfall auch per Hand steuern könne. Der Begleiter nimmt ein Steuergerät zur Hand: «Das ist ein X-Box-Controller», erklärt er. «Damit lässt sich der Bus steuern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2017, 16:59 Uhr

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