Teurer Mini-Fiesling aus der Schweiz

Der «Meanie» auf Basis des legendären Mini entstand als Bachelorarbeit, doch der 847 Kilogramm leichte und 220 PS starke Prototyp überzeugte derart, dass daraus eine Kleinserie wurde.

Äusserlich unterscheidet sich der «Meanie» nicht vom Ur-Mini, doch im Innern erinnert nichts an früher. Deutlich zu sehen ist hier der leichte Stahlrohrrahmen. Fotos: PD

Äusserlich unterscheidet sich der «Meanie» nicht vom Ur-Mini, doch im Innern erinnert nichts an früher. Deutlich zu sehen ist hier der leichte Stahlrohrrahmen. Fotos: PD

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Der Ur-Mini ist wieder da. Doch nicht als beschaulicher Kleinwagen, sondern als 220 PS starker, strassentauglicher und 847 Kilo leichter Supersportler, der in weniger als vier Sekunden von null auf Tempo 100 sprintet. Der Wagen sieht aus wie der legendäre Brite, spricht sich fast gleich aus – «Meanie», Englisch für Fiesling –, doch er ist «Made in Switzerland». Der Name steht für den nach aussen unspektakulären Auftritt, das Logo zeigt mit dem Wolf im Schafspelz aber die wahren Stärken des Kleinen. Hergestellt werden gerade mal fünf Exemplare, alle in Handarbeit. Deshalb auch der Preis in der Höhe eines gut ausgestatteten Porsche 911 Carrera 4S von fast 200'000 Franken.

Support vom Mini-Importeur

Hinter dem Auto steht Raffael Heierli, ein 28-jähriger Maschinenbauer aus dem Zürcher Oberland. 2012 stand seine Bachelorarbeit an der HSR Rapperswil an. Titel: «Strukturanalyse zur Konstruktion eines Mittelmotor-Sportwagens in Oldtimer-Optik, zulassungsfähig und in kleiner Serie umsetzbar». Tönt eigentlich ganz einfach. Heierli wählte für sein Projekt einen Mini aus den späten 90er-Jahren mit dicken Radläufen aus. Mit seiner Arbeit überzeugte er die Prüfungsexperten.

Tüfteln in Hinterhofgarage

«Sicher freute ich mich riesig über das Diplom», sagt Heierli, «doch mein grosser Traum war es, das nur auf dem Papier existierende Auto auch tatsächlich in einer Strassenversion zu bauen.» Was machen? Heierli kontaktierte den langjährigen Mini-Importeur Walter Frey. Als ehemaliger Rennfahrer auf einem Mini Cooper S fand dieser sofort Gefallen am verwegenen Projekt. Der Unternehmer sicherte die Übernahme der Materialkosten zu.

Ende 2013 mietete sich Raffael Heierli mit seinen beiden Studienkollegen Marc Bernhard und Adrian Spindler in einer Hinterhofgarage ein. «Wir investierten rund 1000 Arbeitsstunden», erinnert er sich. Nach 17 Wochen war der Prototyp fertig. Anstelle von Hinterbank und Kofferraum setzten die Tüftler einen Mittelmotor und eine eigens konstruierte Abgasanlage ein. Äusserlich unterschied sich der «Meanie» aber nicht vom Ur-Mini: Kühlergrill, Beleuchtung, Stossstange, Aussenspiegel, Scheiben und Scheibenwischer sind vom Kultauto. Doch unter der Karosserie erinnert nichts mehr an frühere Zeiten: Die jungen Maschinenbauer wählten den durchzugsstarken Turbomotor aus der sechsten Generation des VW Golf GTI, einen Rohrrahmen aus Chrom-Molybdän-Stahl und eine Vierkolben-Bremsanlage aus Aluminium. «Immer wieder mussten wir knifflige Hürden überwinden», erzählt Heierli. «Was machen, damit sich der Motorraum nicht übermässig aufheizt? Oder wie den Lärm in der Kabine auf ein erträgliches Mass reduzieren?»

«Eine einmalige Chance»

Der Prototyp ist das eine. Und um mit dem «Meanie» auf Schweizer Strassen herumzufahren, hätte eine behördliche Einzelabnahme oder Sondergenehmigung gereicht. Doch der Appetit kam mit dem Essen. Walter Frey bot schliesslich Hand für den nächsten Schritt: die Produktion einer limitierten Auflage mit Zulassung als Neuwagen in ganz Europa. Heierli konnte es kaum fassen: «Eine solche Chance hat man nur einmal im Leben. Ein solch verwegenes Projekt von A bis Z durchziehen zu können, ist fantastisch.»

Mühselige EU-Zertifizierung

Heierli nutzte die Spielwiese. Er investierte all seine Zeit und Energie in den «Meanie». Es ging darum, den Beweis zu erbringen, dass es auch heutzutage möglich ist, in der Schweiz die Zulassung für den Bau und den Betrieb eines neuen Autos zu erhalten. Die Emil Frey Classics AG und die Roos Engineering Ltd. wurden als Hersteller ins Projekt miteingebunden. Die Macher strebten eine EU-Kleinserien-Zertifizierung an. Diese erlaubt die Produktion von jährlich bis zu tausend Fahrzeugen. «Dafür brauchten wir anderthalb Jahre», sagt Heierli. Manchmal sei er kurz vor der Verzweiflung gewesen. «Oft machten wir einen Schritt vorwärts und gleichzeitig zwei zurück. Wir hatten in all diesen Monaten nie die Gewissheit, ob es tatsächlich klappen wird.»

In Zahlen ausgedrückt: Um die Homologisierung zu erreichen, mussten Heierli und seine Mitstreiter total 17'000 Seiten mit verschiedensten Richt­linien und Anforderungen durchkämmen. Dann musste er selber eine 200-Seiten-Dokumentation für die Genehmigung verfassen, hinzu kamen 500 Seiten Prüfungsunterlagen und eine 300-seitige Wartungs- und Serviceanleitung. «Das war ein ständiges Hin und Her», erklärt Heierli. «Oft erhielten wir vom Prüfamt ein Okay. Dann warteten wir 14 Tage. Dann kam von der Genehmigungsbehörde ein Mail mit einer langen Beanstandungsliste.» Und dann hiess es wieder Köpfe zusammenstecken, rechnen, tüfteln.

Doch der Durchhaltewille hat sich gelohnt. Derzeit läuft in Safenwil die Produktion. Bis März 2018 sind alle fünf «Meanies» fertig. Vier Minis made in Switzerland sind bereits in der Schweiz verkauft, mehrere Interessenten buhlen um den fünften und letzten Fiesling.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2017, 18:06 Uhr

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