Vom Hamburger zum Hummer

Die Filmbiografie «Straight Outta Compton» erzählt mit vielen Widersprüchen vom Aufstieg der Rap-Crew N.W.A.

Hochstilisierte Filmfiguren: Eazy-E rappt für Dr. Dre. Foto: Jaimie Trueblood (Universal)

Hochstilisierte Filmfiguren: Eazy-E rappt für Dr. Dre. Foto: Jaimie Trueblood (Universal)

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Drogenhütte, Geisterbahnfinsternis. Einer klopft, einer öffnet, was will der Nigger, er will sein krummes Ding machen – plötzlich: Police! Fuck, Chaos, versteck den Stoff! Die Cops fallen ein, brettern mit dem Rammbock in die Hütte; Lärm, Splitter, Flucht. Willkommen in Compton, Kalifornien, wir sind im Jahr 1986, und es geht fulminant los in «Straight Outta Compton», der in den USA enorm erfolgreichen Filmbiografie der Rap-Gruppe N.W.A. Der Name steht für «Niggaz Wit’ Attitude», der Film bringt bereits am Anfang alles zusammen: Gangsterkino und Gangsta-Getue; Elend und Ausbruch; die staatliche Brutalität und die permanente Gefährdung des schwarzen Körpers.

Some dope shit? Some serious shit. N.W.A. war die Crew, aus der Weltunterhalter wie Dr. Dre und Ice Cube hervorgingen. Sie war die Crew, die die Wut auf die Polizeiwillkür kanalisierte, in Wörter fasste und durch das Megafon des Rap brüllte. Die Strasse begann zurückzuschreien: «Fuck Tha Police». Die Strasse begann zu wippen, und N.W.A. rappte: «Life ain’t nothing but bitches and money». Brüllte: «Cause my identity by itself causes violence». Lachte: «You want lobster huh? I’m thinking Burger King». Und das erzählt der Film: die klassische Chronik des Aufstiegs vom Hamburger zum Hummer, vom Bürgerschreck zum Businessriesen.

Brachte N.W.A. den Durchbruch: «Straight Outta Compton». Video: Youtube.

Die Crew N.W.A. wurde im Sumpfgrund von Drogenkriminalität und Bandenkriegen im Südkalifornien der 80er-Jahre geboren, wo die Polizei gnadenlos gegen Crackdealer vorging und jeden mit schwarzer Haut verdächtigte und schikanierte. Der kriminelle Geschäftssinn der Hustler und der Hass auf die Cops floss bei N.W.A. zusammen in der zornigen Anklage – und im virilen Traum vom Überfluss. Aus dem «street knowledge» der Chancenlosen wurde Protestmusik für Namenlose, aus der Lebenswelt in der Vorhölle das Subgenre des goldkettenbehangenen Gangsta-Rap – und daraus ein Millionengeschäft.

Figuren werden angeschrieben

Eazy-E (Jason Mitchell), Kleingangster mit grossem Maul, tut sich mit dem DJ Dr. Dre (Corey Hawkins) zusammen, dazu stossen MC Ren (Aldis Hodge), DJ Yella (Neil Brown Jr.) und Ice Cube (O’Shea Jackson Jr.), der seine Lyrics quasi unter der Dächlikappe hervorzupft. Im Club herrscht erst das Unverständnis gegenüber der Avantgarde, mit dem N.W.A.-Debütalbum «Straight Outta Compton» aber zieht die Erfolgskurve steil an. Dann Montage: Vinyl-Presswerk, Radio-DJ, Turntable-Porno. Auftritt schmieriger weisser Manager (Paul Giamatti), und darauf: Verrat, Gier und das allmähliche Auseinanderbrechen eines Kometen des Rap, der zersplittert zu Solokarrieren und Tophits, in denen sich die Künstler gegenseitig dissen. Man sieht in «Straight Outta Compton» von Regisseur F. Gary Gray, wie der Boden gelegt wird für die rhythmische Prahlerei in eigener Sache, wie sie noch heute im Hip-Hop wütet. Man hört die breit gestellten, aus dem Funk geborenen Beats, zwischen denen laut und klar die Texte des Furors hervorschiessen. Und man vermutet, dass dieser Film doch mehr ist als ein meist flach inszeniertes Biopic über Outsider, die zu Titanen wurden.

Das ist er auch, mit allen Auslassungen und Widersprüchen. Zu Beginn werden die Figurennamen nützlicherweise angeschrieben, die Produzenten Dr. Dre und Ice Cube haben wohl dafür gesorgt, dass ein paar Hässlichkeiten ausgespart wurden. Ihre Figuren sind die Sympathieträger, Ice Cubes Sohn spielt seinen Vater, und der Darsteller von Dr. Dre ist ein sehr gut aussehender junger Mann.

Verformt zum Werbemittel

Der Film legt zudem eine Parallele zur Polizeibrutalität von heute an. Die Rodney-King-Unruhen werden höllisch-malerisch nachinszeniert, die Polizisten sind unberechenbare Agenten der Demütigung. Aber besonders die Sequenz, in der die N.W.A.-Mitglieder in der Pause vor ihrem Aufnahmestudio von Cops gequält werden, macht die Willkür spürbar – und muss in den USA im Zeichen von Ferguson eine unkontrollierbarere Wirkung haben, als sie ein Drehbuch beabsichtigen kann (und seis nur in Form des Kassenerfolgs).

Man will da schon die Cultural Studies hervorkramen, derart kommt die aktive Rolle des Zuschauers in den Blick. Vor allem das (afro-)amerikanische Publikum wird «Straight Outta Compton» wohl mit eigenen Erfahrungen synthetisieren, die Wutgefühle zusammenkochen, private Geldträume addieren. Mag sein, dass Dr. Dre und Ice Cube ihre Anfänge mit allen Gewaltfantasien und ­allem Männlichkeitsgetue nachträglich zum politischen Widerstand hochstilisieren (und zwecks Dramatik einiges dazudichten). Aber die Bilder von der Ungerechtigkeit auf der Strasse erzählen mehr vom Heute als vom Damals. So lässt sich dieses Biopic gegen den Strich lesen wie ein Trompe-l’Œil, das je nach Perspektive die Gestalt ändert.

Es ist eine Affirmation des Kapitals, das den Aufstieg erst ermöglicht – und zugleich ein Bild schwarzer Selbst­ermächtigung. Und auch: das Filetstück der globalen Marketingkampagne des Dr. Dre, der auf seinem neuen Album «Compton» auf die N.W.A.-Zeit anspielt (siehe CD-Kritik). Im Abspann skizziert er sogar noch seine weitere Karriere bis heute – der Film endet mit der Nachricht über den einträglichen Verkauf seiner Kopfhörerfirma Beats an Apple. So weit ist ein Nigga wit’ Attitude also gekommen. Und ein Film, der den Aufstieg vom Dreck in den Olymp des Musikgeschäfts nacherzählt, verformt sich zum Werbemittel, das von den Businesskönigen der Unterhaltung in den realen Dreck von heute hinuntergereicht wird.

Und trotzdem: «Straight Outta Compton» bleibt ein Medium der Wut. Es feiert alle, die sich hochgearbeitet haben. Aber es weiss um den Zorn von jenen, die es nicht geschafft haben.

In Zürich in den Kinos Abaton, Arena, Corso und Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 18:46 Uhr

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