Warum Amerikaner in den Panama Papers fehlen

Amerikaner werden verschont, US-Gegner ans Messer geliefert, hinter den Enthüllungen steckt die CIA: So lautet eine Theorie. Doch es gibt plausiblere Gründe, warum kaum US-Bürger in den Dokumenten auftauchen.

Zu Fall gebracht: Während die Panama Papers Mächtige rund um die Welt in Bedrängnis gebracht haben, sind reiche Amerikaner bisher weitgehend unversehrt davongekommen.

Zu Fall gebracht: Während die Panama Papers Mächtige rund um die Welt in Bedrängnis gebracht haben, sind reiche Amerikaner bisher weitgehend unversehrt davongekommen. Bild: Reuters

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Wie überall erregen die Panama Papers auch in den USA Aufsehen, aber das Publikum wirkt ein bisschen enttäuscht: Noch fehlen Hinweise auf Berühmtheiten aus Amerika, auf Sportler, Schauspieler oder gar Präsidentschaftskan­didaten. Während in Island der Premier stürzte, fand sich in den USA nicht einmal die Briefkastenfirma eines Footballstars. «Das Bemerkenswerte an den Panama Papers ist das, was fehlt», befand der Sender NBC News: «Amerikaner.»

Wer zu Verschwörungstheorien neigt, vermutet bereits, der US-Geheimdienst CIA habe die Panama-Papiere lanciert, um Gegnern wie Wladimir Putin und Bashar al-Assad eins auszuwischen. Das aber widerspricht nicht nur jeder Erfahrung, es gibt auch viel plausiblere Erklärungen – und die lassen die USA durchaus nicht nur gut aussehen.

Amerikaner in Panama Papers genannt

Zunächst einmal stimmt es gar nicht, dass Amerikaner in den Papieren gänzlich «fehlen». Die USA waren schon immer eine Grossquelle versteckten Vermögens, das beweist allein der einstige Skandal um amerikanische Kunden der Schweizer Bank UBS. Natürlich tauchen auch in den Panama Papers etliche Amerikaner auf: Die Reporter der Zeitungsgruppe McClatchy haben in der Datenbank die Kopien von mindestens 200 US-Pässen entdeckt. 3500 Anteilseigner von Offshorefirmen besitzen US-Adressen. Und knapp 3100 Gesellschaften in Steuerparadiesen weisen Spuren zu Anwälten und Finanzexperten in Miami, New York und anderen US-Städten auf. Mindestens vier Amerikaner, denen die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca mit Briefkastenfirmen geholfen hat, wurden von der US-Justiz wegen schwerer Finanzkriminalität verurteilt oder angeklagt.

Auch berühmte Namen sind bereits aufgetaucht, ohne dass dies unbedingt auf eine Straftat hindeutet. Der Hollywood-Mogul David Geffen zum Beispiel soll ein Firmenkonstrukt verwendet haben, um eine Jacht zu verkaufen; die Hotelerbin Liesel Pritzker Simmons wiederum steht als Anteilseignerin einer Gesellschaft in Panama fest, über die in ein kolumbianisches Agrarprojekt investiert wird.

Mit grösster Akribie haben die McClatchy-Reporter die Unterlagen nach Politikern durchsucht. «Wir haben in die Datenbank die Namen sämtlicher Abgeordneter und Senatoren im Kongress eingegeben, die ihrer Mitarbeiter, die von Regierungsmitgliedern, Präsidentschaftskandidaten, deren Geldgebern, von Lobbyisten und allen Spendern der globalen Clinton-Stiftung», sagt Kevin Hall, einer der Rechercheure und ein ausgewiesener Wirtschaftsexperte.

Englischsprachige Steuerparadise bevorzugt

Daraus sollte man keineswegs folgern, dass die Politik sauber ist. Wo­möglich ist eine einschlägige Firma trotz methodischer Suche in den elf Millionen Dokumenten nur noch nicht gefunden worden.

Und so gross das Aktenkon­volut aus Panama auch ist – es gibt auch nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit wieder. In der Nähe der USA liegen etliche englischsprachige Steuerparadiese wie die Cayman-Inseln oder die Britischen Jungferninseln mit zahllosen Anbietern dubioser Verschleierungstechniken.

Es besteht also aus US-Sicht keine Notwendigkeit, ins spanischsprachige Panama zu gehen. Ausserdem leisten sich die USA selbst ihre dunklen Winkel, etwa in Delaware oder Wyoming.

Senatoren sind meist Millionäre

Aber es gibt noch eine Erklärung dafür, warum US-Politiker nicht in den Akten zu finden sind: Womöglich haben es die allermeisten schlicht nicht nötig, ihre Vermögensverhältnisse in einer Steueroase zu verschleiern. Erstens ist es in Amerika sehr verbreitet und akzeptiert, dass Politiker reich sind – anders als in Europa. Bis auf wenige Ausnahmen sollen alle US-Senatoren Millionäre sein.

In Washington ist es auch üblich, ein paar Jahre in der Politik zu arbeiten, ob im Parlament, in einem Ministerium oder im Weissen Haus, dann ein paar Jahre in der Wirtschaft, wo man sich seine guten Kontakte vergolden lässt, und dann wieder in die Politik zurückzukehren. Ausserdem hat es der Supreme Court erlaubt, dass Reiche und Konzerne unbeschränkt Geld für Wahlkämpfe spenden können. Die amerikanische Politik also ist vom grossen Geld durchsetzt, das weiss jeder, und es wird im Wahlkampf zurzeit auch wieder einmal beklagt. Nur: Verheimlichen muss man das längst nicht mehr.

Für die Reichsten in Amerika ist der Anreiz auch deutlich geringer als in Teilen Europas oder Lateinamerikas, Vermögen im Ausland zu verstecken: Die Gesetze begünstigen sie nämlich ohnehin. Wenn die Einkünfte aus Geldanlagen stammen, ist der Steuersatz deutlich geringer als bei Angestellten. «Wenn man Mitt Romney heisst oder ­Donald Trump und seine Einkünfte aus Investitionen bezieht, ist der Steuersatz so niedrig, dass man eine ferne Oase gar nicht braucht. Ausserdem nutzen die Reichen etliche legale Steuerschlupf­löcher», sagt der Reporter Kevin Hall. Das bestätigt die These des demokra­tischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, wonach «das System» in Amerika allein den Reichen in die Hände spielt.

Das Dramatische ist: Nach immer neuen Steuersenkungen seit den Achtzigerjahren sind die USA, jedenfalls für die Reichsten, längst selbst ein Steuerparadies.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2016, 09:52 Uhr

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