«Das Böse klingt meistens nicht böse»

Christoph Waltz besuchte das Zurich Film Festival als IWC-Botschafter. Der Schauspieler spricht über seine Rolle als Bösewicht im James-Bond-Film «Spectre».

«Ich sehe Sie schon ziemlich genau»: Für Christoph Waltz ist das Beobachten zur Selbstverständlichkeit geworden. Foto: Urs Jaudas

«Ich sehe Sie schon ziemlich genau»: Für Christoph Waltz ist das Beobachten zur Selbstverständlichkeit geworden. Foto: Urs Jaudas

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Wenn man Sie als SS-Mann in Tarantinos «Inglourious Basterds» sieht: Gibt es für Sie eine stabile Ressource, von der aus Sie Musikalität und Phrasierung der Sprache gestalten können? Ist es die Bildung? Die Erfahrung? Einfach die Ausbildung als Schauspieler?

Es sollte die Ausbildung sein, aber es ist mehr die Ausbildung eines Menschen. Nur: Eine stabile Ressource habe ich natürlich nicht. Ab wann wäre diese Ressource stabil? Sie sprudelt vielleicht als Quelle, aber sie ist eben nicht stabil. Ich wünsche mir, dass sie stabiler wäre. Obwohl ich mich manchmal frage, ob mit der steigenden Stabilität nicht auch die sprachliche Flexibilität schwindet.

Das heisst?

Sprache ist ja immer der Ausdruck dessen, was vor der Sprache liegt – auch wenn da die Meinungen auseinandergehen. Man kann sich fragen, ob Sprache nicht eigentlich die Bildung des Gedankens ist. Was nicht heisst, dass man in Sprache denkt. Aber deswegen ist es wichtig, sich immer der Grammatik zu erinnern. Eine Grammatik, die durch SMS und E-Mails immer mehr schwindet und die Präzision des Gedankens hinter sich lässt. Man nennts Kommunikation, aber es ist weniger Kommunikation als ein sorgsam geschriebener Brief. Je schneller SMS hin und her gehen, desto rudimentärer wird der Ausdruck. Am Schluss ist es nur mehr das Bellen eines Kommandos, das Winseln eines Wunsches oder das Quetschen eines Gefühls. Ein sorgfältiger Gedankengang ist nicht mehr zu erkennen.

Wie verstehen Sie da die Grammatik des Schauspiels? Wie viel davon ist mühselige Gedankenarbeit?

Interessant ist ja, dass man die Möglichkeit hat, sich die Arbeit zu erleichtern oder sie zu befestigen, indem man sich umhört, umschaut, umliest. Was ich nicht weiss, interessiert mich. So bin ich konstruiert, mich interessiert es, Dinge herauszufinden. Das ist das Vergnügen. Das tatsächliche Ausdrücken ist dann mehr das Ergebnis, um das ich mich dann gar nicht mehr so sehr zu kümmern brauche. Natürlich gibt es handwerkliche Dinge, die man beherrschen muss. Aber wirklich interessant ist das Draufkommen auf Dinge, die einem sonst verschlossen geblieben wären.

Haben Sie überhaupt noch Zeit, sich umzusehen und umzulesen? Man bewegt sich ja oft in denselben Bahnen, sodass die Quelle der Beobachtung gar versickern kann.

Stimmt schon. Aber da ich das als meine Aufgabe empfinde, geht mir die Aufmerksamkeit dafür nicht zu sehr verloren. Die Beobachtung findet statt, ob man will oder nicht. Ich mache das jetzt so lange, da kann man sich bestimmten Vorgängen nicht mehr entziehen. Ich sehe Sie schon ziemlich genau. Das heisst nicht, dass es genau genug ist. Aber wenn man sich auf etwas eingeschossen hat, steht einem das zur Verfügung. Man bezeichnet das ja immer so verschwommen als «second nature». Ich weiss nicht, ob es die zweite Natur gibt, ich denke, es gibt nur eine. Aber darin dafür so viele Facetten. Das hat aber schon mit Bildung im wahrsten Sinne des Wortes zu tun. In der Schauspielerei ist das Sprachliche ein essenzieller Vorgang, nicht nur wegen des Literarischen eines Textes. Sondern mehr wegen der Formation eines Gedankens. Der muss möglicherweise gar keinen Ausdruck finden. Aber ein Gedanke verändert Verhalten, und um Verhalten gehts. Das ist meine Aufgabe: Geschriebenes in aktives Verhalten zu übersetzen.

Steht die Intellektualität dem Schauspiel nicht auch im Weg? Wann muss man sie wegdrücken?

Absolut, aber wegdrücken? Ich weiss nicht, ob das der ideale Vorgang ist. Eher ist es so, dass man sie eine Weile lang nicht so sehr beachtet. Ich glaube nicht, dass jede Bewegung einer Hirnwindung schon gleich Intellektualismus bedeutet. Man kann durchaus emotional sein und gleichzeitig das Gehirn angeschaltet lassen. Ich sehe im Denken keinen Widerspruch zum Fühlen.

Und zum Handeln?

Nein. Der Witz ist, dass alle diese Dinge gleichzeitig passieren. Dazu sind wir Menschen, dadurch unterscheiden wir uns von Maschinen. Nur die logischen Gedankengänge, die kann der Computer mittlerweile besser.

Wenn die Quelle nicht stabil ist, greift man da auch auf fixe Ideen zurück? Anders gesagt: Wann wird aus Kunst Gekünsteltes? Wann wird eine Idee zum Tick?

Es gehört zur Aufgabe, dass man versucht, das im Auge zu behalten. Erfolg ist da wahnsinnig gefährlich. Nur ist der Mensch so konstruiert, dass sich sein Verhalten von frühster Kindheit an nach Rückmeldung richtet. Als Kind steht einem alles offen. Ein bestimmtes Verhalten löst eine spezifische Reaktion aus. Man wird belohnt für etwas, das den Eltern gut gefällt. Wobei ich kein Befürworter der amerikanischen Methode bin, alles toll zu finden, was die Kinder machen. Konstruktive Kritik ist wichtig. Aber überkritisch, wie ich es manchmal bin, ist auch nicht gut. Aber zurück zur Frage: Wenn wir von vornherein auf Rückmeldung angewiesen sind, warum sollte sich das im Erwachsenenalter verändern? Das, was es erwachsen macht, ist ja, dass wir uns auch einmal selbst Rückmeldung geben können. Und da kann es manchmal ein bisschen blockieren. Speziell auf der Bühne ist es problematisch: Wenn man alles immer checkt – dazu habe ich geneigt –; wenn man jedes Detail gleich überprüft, kann es auf Kosten des Flusses gehen. Das ist aber noch nicht Intellektualität. Sondern vielleicht eine Neurose.

«Wenn Sie auf 200 Meter Entfernung einen Menschen sehen, können Sie ihn nicht erkennen. Bis er sich bewegt.»

Überkritisch, sagen Sie. Braucht es eine Art Moderation der Intelligenz, wenn man wie Sie von Europa nach Hollywood kommt und Erfolg hat in einer anderen Welt?

Moderation ist ein ziemlich guter Ausdruck. Dem Irrtum zu erliegen, dass die alle blöd sind, wäre nicht nur arrogant, sondern idiotisch. Im Wortsinn idiotisch: Dass ich glaube, meine Art sei die einzige. Wir hängen ja gern dem Irrglauben an, Amerika sei uns ähnlich. Weil die meisten Menschen so aussehen wie wir, weil wir die Sprache sprechen, weil wir die Kultur zu kennen glauben, weil wir überfüttert sind mit dem, was von dort kommt. Das heisst aber nicht, dass das stimmt. Die Amerikaner sind grundverschieden von uns. Da brauchts natürlich Moderation. Wenn man dem Klischee aufsitzt, man könnte jetzt einfach mitziehen, macht man es sich sehr schwer. Es ist auch nicht interessant: Wenn es dort eh so ist wie hier, wozu soll ich dann hin? Das Andersartige ist ja die Herausforderung, dadurch kann man das eigene Verhalten auch besser einstellen. Wenn ich von Österreich in die Schweiz komme, muss ich ja auch mein Verhalten moderieren. Das ist auch gut so, ich empfinde das als Gewinn.

Wie äussert sich das? Als Änderung in den Körperbewegungen?

Woher sind Sie so wahnsinnig gut informiert in all diesen Details?

Ich denk sie mir aus?

Es ist genau so. Vor ein paar Jahren hat ein französischer Bewegungstherapeut an einem Kongress einen Vortrag über die kulturellen Eigenheiten der Bewegungsprofile gehalten. Sie können ja am Flughafen sitzen und das Spiel spielen: Woher kommen die Passagiere? Früher war das einfach, da hatten Zara und H&M noch nicht überall denselben Mist verkauft. Kein Mensch hat karierte Hosen getragen ausser Amerikaner. Heute ist es viel schwieriger geworden, die Unterschiede zu erkennen. Nur am Bewegungsmuster kann man es noch immer deutlich festmachen. Wenn sie auf zweihundert Meter Entfernung einen Menschen im Gegenlicht sehen, können Sie nicht erkennen, wer er ist. Bis er sich bewegt.

Hat das Böse einen Tonfall?

Es hat keinen Tonfall. Das Böse klingt meistenteils nicht böse. Aber nur meistenteils. Es gibt aber keinen generellen Tonfall für gar nichts.

Ich frage wegen James Bond. Wie viel Freiheit in der Phrasierung von Dialogen bietet so ein Grossprojekt? Oder wartet ein Bond-Film geradezu auf die verschiedenen Arten, wie man «Hello, Mr. Bond» sagen kann?

Ob er drauf wartet, weiss ich nicht. Es sind schon sehr genau umrissene Charakterprofile. Ist auch gut so, James Bond ist wie Volkstheater. In der Commedia dell’arte ist der Arlecchino ja auch der Arlecchino. Die Umrisse sind deutlich gezeichnet, damit die Verhältnisse sofort hergestellt sind. Man braucht sich nicht lange mit Entdeckungsarbeit aufzuhalten, man weiss sofort: Der ist James Bond, für den bin ich. Der Rest liegt im Detail, und natürlich verändert sich das. Schon allein durch die Person, deshalb ist Besetzung wichtig. Weil sich mit der Persönlichkeit des Schauspielers die Persönlichkeit des Charakters verändert, den er spielt. Das ist ja der Witz, sonst könnte man «Hamlet» nach der Uraufführung nicht wieder spielen.

Gibt es eine Werktreue bei James Bond? Oder sind die Arten, wie man auf originelle Art «Ah, Mr. Bond» sagen kann, auch einmal erledigt?

Nicht, solange es ein Publikum findet. Kein Mensch würde behaupten, dass James Bond die Auslotung unserer Existenz bedeutet. Es ist Unterhaltungskino, als solches ist es sehr ehrlich. Es gibt nicht vor, etwas anderes zu sein. Dass es dem einen oder anderen dabei langweilig wird: Das sei ihm gestattet.

Sie müssen aber auch gegen die Bösewichter ankämpfen, die schon gespielt wurden.

Ja, wenn der Kampf etwas bringt. Aber wenn der Kampf um Originalität spürbar und sichtbar wird – was in mehr oder weniger allem, was man sieht, immer häufiger geschieht – dann wird auch die Originalität zum Klischee. Und zur manifestierten Langeweile. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2015, 23:53 Uhr

Christoph Waltz

Der geschmeidige Schurke

Christoph Waltz wurde 1956 in Wien als Sohn einer Künstlerfamilie geboren, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Österreicherin. Zunächst war er vor allem Bühnenschauspieler; Anfang der 1980er trat er am Zürcher Schauspielhaus auf. International bekannt wurde er als SS-Standartenführer Hans Landa in Tarantinos «Inglourious Basterds» (2009); auf den Oscar folgte ein zweiter für die Nebenrolle in Tarantinos «Django Unchained». Am Zurich Film Festival (ZFF) verlieh er am Samstag im Rahmen der IWC-Gala den mit insgesamt 100 000 Franken dotierten «Filmmaker Award» an «Und morgen seid ihr tot» von Michael Steiner und an «Europe, She Loves» von Jan Gassmann. Der Preis unterstützt Filme in einer fortgeschrittenen Produktionsphase. Initiiert wurde er vom Verein zur Filmförderung in der Schweiz, dem die ZFF-Direktoren Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, IWC-Chef Georges Kern, Regisseur Marc Forster sowie Ringier-Chef Marc Walder angehören. (TA)

Video

«Spectre», Trailer. Quelle: Youtube

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