Wenn du zu den Sternen fliegst

Hollywood setzt auf Filme, die den Traum vom Erfolg reflektieren. Im Musical «La La Land» verlieben sich Ryan Gosling und Emma Stone in ihre Showkarriere.

Keine Romanze für die Ewigkeit, dafür eine für diese Zeit: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian. Foto: Dale Robinette (Ascot Elite)

Keine Romanze für die Ewigkeit, dafür eine für diese Zeit: Emma Stone als Mia und Ryan Gosling als Sebastian. Foto: Dale Robinette (Ascot Elite)

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Wenn man aus Hollywoodfilmen eins gelernt hat, dann das: In Los Angeles steigt man nicht aus dem Auto, denn hier geht kein Mensch zu Fuss. Es sei denn, man steht entnervt im Stau. Dann kann man zum Amokläufer werden wie Michael Douglas in «Falling Down». Oder, und das ist die fröhliche Variante von «La La Land», man springt aus dem Wagen, um zu singen und zu tanzen. In der Ouvertüre des Musicals steht eine lange Kolonne auf dem Autobahnkreuz – typisch L.A.! –, und im nächsten Moment turnen und parcouren die Lenker über die Wagendächer. Der Steadicam-Operateur wieselt durch die Lücken, der Chor singt vom sonnigen Tag, Bläser und Perkussion machen Druck. Dieser Auftakt ist ein millimetergenau geprobter Massentanz ohne einen Schnitt.

Der Trailer zu «La La Land» (2017). Quelle: Ascot Elite

So ein Film ist «La La Land». Einer, der uns glücklich machen will, was er durchaus tut. Einer mit grossen Gefühlen und violetten Sonnenuntergängen. Einer, in dem Ryan Gosling über den Pier schlendert wie sein eigenes Meme: Hey Girl. Einer mit Emma Stone, die das Natürliche so natürlich performt wie derzeit kaum jemand. Viele Gesangsnummern gibt es, die sind so stramm inszeniert wie Videoclips. Es ist kein Film für Leute, die es kaum aushalten, wenn einer beim Gehen zu hüpfen beginnt. Denn wer dreht so etwas heute noch, ein Filmmusical mit neu komponierten Songs, in einer Zeit der Desillusion?

Der Tanz zwischen Palmen

Der Regisseur heisst Damien Chazelle, und bei der Frage, wie es so weit kommen konnte und wieso «La La Land» bei den Golden Globes am Sonntag vermutlich ebenso prämiert werden wird wie auch bei den Oscars Ende Februar, muss man kurz ausholen. Es begann am 5. März 2006. Paul Haggis’ «Crash», ein Ensembledrama über Rassismus in Los Angeles, erhielt den Oscar als bester Film. Es bestärkte Hollywood darin, seine Erzählungen vermehrt in der eigenen Stadt anzusiedeln. In den Zehnerjahren bekamen darauf gleich drei Filme den Haupt-Oscar, die von Hollywood selbst handelten: «The Artist», «Argo» und «Birdman». Sie reflektierten die Effektmaschine Film und schienen gleichzeitig zu sagen: Ist Kino nicht grossartig?

Der ambitionierte Autor und Jungregisseur Damien Chazelle dachte das auch. Bewiesen hatte er sich mit dem Jazzdrummer-Film «Whiplash», jetzt war sein Moment gekommen. «La La Land» ist nicht nur Nostalgie nach dem Hollywood von einst, als Fred Astaire in MGM-Musicals tanzte. Der Film spielt auch in einem sonnenhell leuchtenden Los Angeles, wie man es aus Kino und Tourismusbroschüren kennt: zwischen Palmen, im Griffith Park oder in der Standseilbahn Angels Flight hinauf nach Bunker Hill. Wo «Singin’ in the Rain» die Studiobühnen Hollywoods zum Schauplatz machte, geht «La La Land» ins ­Kulissenquartier der Filmindustrie, wo ­jeder ein potenzieller Star sein könnte.

«Singin’ in the Rain» (1952). Quelle: Youtube/ ozabbavo77

Es ist keine Romanze für die Ewigkeit geworden, dafür eine für diese Zeit. Der Jazzpianist Sebastian (Ryan Gosling) verdingt sich am Barklavier, wo er zu seinem sehr sichtbaren Missfallen Christmas-Carols spielen muss. Dabei träumt er von einem eigenen Club, in der «reiner Jazz» gespielt wird. Mia (Emma Stone) übt den sehr symbolischen Job einer Barista auf dem Gelände der Warner-Brothers-Studios aus. Sie ist eigentlich Schauspielerin, nur bringen ihr die vielen Vorsprechen kein Glück. Mia und Sebastian kreuzen sich zuerst im Stau, dann in der Bar, dann an einer Party. Sie schnauzen sich jedes Mal gegenseitig an. Halt wie zwei, die aufeinander losgehen, weil sie voneinander angezogen sind.

Einmal, unter einer Strassenlaterne mit Blick aufs nächtliche Lichtermeer, singen sich Sebastian und Mia vor, wie wenig sie sich ausstehen können. Und tanzen dann doch, wie um auszuprobieren, ob das trotzdem gehen könnte, so zu zweit. Gosling und Stone haben beide nicht die expressivsten Stimmen, und sie bleiben Schauspieler auch im Tanz. Aber das macht sie umso sympathischer. Sie scheinen sich ein wenig überwinden zu müssen, um allen Ernstes auf einer Parkbank zu steppen. Gosling hat einen Zug ins Selbstironische mit seinem coolen Minimalismus; Emma Stone ist dann am besten, wenn sie provoziert und grinst.

«The Band Wagon» (1953). Quelle: Youtube/ Bernard Renaud

Fred Astaire und Cyd Charisse allerdings sind sie nicht unbedingt. In Vincente Minnellis «The Band Wagon» (1953) spazierten deren Figuren nach einem Streit durch den Park, bis ein Schritt in eine Drehung überging und diese in ein intimes Versöhnungsduett unter der Laterne in der Nacht: Das Musical ist die Passage vom Trott ins Tänzerische. Chazelle zitiert diese Szene und noch einige mehr, aber bei ihm erzählen die einzelnen Nummern kaum etwas über die Figuren. Eher spannt er einen Bogen über den ganzen Film. Sebastian und Mia nähern sich an, verlieben sich, kommen zusammen und steuern auf eine realistische Krise zu – so ist bei ihm der Überschwang im Alltag verankert.

Gespielt wird das Paar von zwei ehrgeizigen Darstellern. Der Kanadier Ryan Gosling («Drive») war ein Kinderstar beim Disney Channel, Emma Stone kam als Teenager nach Los Angeles, wo sie mehrfach erlebte, wie es ist, nach einem Vorsprechen abgelehnt zu werden. Der Widerspruch zwischen Liebe und Erfolg ist denn auch das Grundthema von «La La Land». Es beginnt damit, dass Sebastian in Mia seine eigene Sehnsucht erkennt und sie die ihre in ihm. Beide sind hungrige Künstler, vor allem auch hungrig nach Geld und schicken Lofts, aber sie suchen nicht die Kollaboration, sondern die Ego-Show: Sebastian spielt fingerakrobatische Klavierläufe am Barpiano, Mia schreibt und inszeniert ein Solospiel im Theater, in dem sie sich selbst besetzt hat. Wenn es gilt, den Durchbruch zu schaffen im harten Los Angeles, ist jeder auf sich allein gestellt.

Die Liebe funktioniert hier wie die Kunst: Es gibt keine zweckfreie Leichtigkeit und kein freies Spiel.

Da wird die Sache mit dem Herzen schwierig, denn Liebe ist wie Fliegen, aber die Beziehung ist Krach am Küchentisch. Sie hält es schlecht aus, wenn nicht beide nach Grossem streben, wenn bei einer Person die Verwässerung und damit der Ausverkauf des inneren Ausdrucks beginnt, so wie es Mia und Sebastian passiert. Verrät man seinen Traum, verrät man auch die Liebe, die nur so lange halten kann, wie man seine Sehnsucht im anderen wiederfindet. Und weil Beziehungen auf gewisse Art Projekte des Zufalls geworden sind, kann man in Los Angeles nicht lange mit jemandem zusammenbleiben, der sein Herz nicht ganz der Idee vergibt, erfolgreich zu werden mit dem, woran er glaubt (und in Zürich und Berlin vielleicht auch nicht).

Für Chazelle funktioniert das Modell der Liebe analog zu dem der Kunst: Es gibt keine zweckfreie Leichtigkeit bei ihm, kein freies Spiel, das man zusammen spielt, um etwas zu erschaffen. Den Zauber produziert der Einzelne aus sich selbst, als schöpferisch-geniale Anstrengung. Denn Kunst ist für Chazelle, wenn das Publikum überwältigt, also niedergezwungen wird. Und Liebe heisst für ihn, dass man mit dem anderen mitfliegt, solange er hoch hinauswill.

Der Entdecker in der Menge

Wenn Mia und Sebastian im Planetarium im Griffith Park tatsächlich in die Sterne hinaufsteigen, wird das zum Glücksmoment. Aber in Los Angeles ist es ebenso wichtig, dass die Sterne für einen selbst günstig stehen, wie es in einem der Songs heisst, die der Komponist Justin Hurwitz zwischen Showtunes, Jazz und Michel Legrand ansiedelt: «Someone in the crowd could be the one you need to know / The one to finally lift you off the ground.» Wer einen da entdeckt, von wem man da hochgehoben wird, das ist der Talentscout oder Casting-Agent. Ein Gesicht in der Menge, auf das man sein Leben lang gewartet hat, um einen ­guten ersten Eindruck zu machen.

Damien Chazelles postmoderne Cleverness geht weit über das Kopistentum hinaus: Er befragt die Kreativklasse in den Zentren der westlichen Welt daraufhin, wie es um die Möglichkeit der Liebe steht. Die Annäherung von Sebastian und Mia wirkt traumhaft oder erträumt, und doch bleiben sie zwei Chiffren für eine Art von urbaner Ambition.

Das ist kein Film für Leute, die es kaum aushalten, wenn einer beim Gehen zu hüpfen beginnt.

Bei Vincente Minnelli waren die Mondscheintänze noch geprägt von einer riskanten Balance zwischen Beherrschung und Inspiration, die im Zusammentreffen von zwei Darstellern entstand. Chazelle hingegen zeigt eine Generation von Künstlerunternehmern, die diese Dialektik von Disziplin und Ausbruch verinnerlicht haben: Es ist jene Methode, die man braucht, um in der Performance der Selbstpromotion alle in den Bann zu schlagen. Für den Paartanz der Liebe, wo die Bewegung ihren eigenen Gesetzen gehorcht, bleibt da wenig übrig. Als Stone gegen Ende ihr Showstopper-Lied singt – natürlich vor Casting-Leuten –, wirkt es fast gespenstisch, so sehr kontrolliert sie den Kontrollverlust.

Sie hatte ein ähnlich sportliches Solo in «Birdman», als Tochter des abgehalfterten Schauspielers. Wie dieser Film ist «La La Land» eine Feier von Virtuosität und Logistik. Die athletischen Musikeinlagen wirken wie von einem Militärstab geplant. Der Kraftakt des Filmemachens verlässt sich auf viele fehlerlose Einzelleistungen – so wie Sebastian und Mia Soloplayer bleiben in einer Stadt, die für ihre Kreativwirtschaft massenhaft Talente importiert.

In Chazelles vorherigem, fast totalitärem Spielfilm «Whiplash», der wie «La La Land» eine Vorstellung von Jazzmusik pflegte, die über Technik und Standards kaum hinausging, übte der Drummer unter Anleitung seines Einpaukers so lange, bis ihm die Finger bluteten – nur um am Schluss ein so bombastisches Solo zu trommeln, dass alle erledigt waren. Es steckt darin eine Referenz Hollywoods an sich selbst und an all die «creative people» in der Stadt, wo man knallhart enthusiastisch bleiben muss, um sich gegen die anderen durchzusetzen.

Im süssen Gefühlsstrudel

Schaffen es Sebastian und Mia an so einem Ort? Ein Musical über die Leidenschaft des persönlichen Erfolgs läuft natürlich auf den Kummer des Heartbreaks zu – doch wie zur letzten Rettung sucht es am Ende einen alternativen Weg. Der Showdown von «La La Land» ist Chazelles kühner Versuch, die Extravaganz von Vincente Minnellis «An American in Paris» mit der Wiederbegegnung am Ende von Jacques Demys buntem Musical «Les parapluies de Cherbourg» von 1964 – seinem anderen grossen Vorbild – zu vermählen.

«Les parapluies de Cherbourg» (1964). Quelle: Youtube/ Jacques Demy

Dann wird man im schmerzhaft süssen Gefühlsstrudel gehörig herumgewirbelt. Am Schluss ein Stich ins Herz, ausgelöst durch eine gewaltige Kraftanstrengung der Montage. Kann etwas umwerfend sein, wenn man davon überfahren wird?

Ab morgen in Zürich im Lunchkino, im Kino ab 12. Januar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2017, 16:38 Uhr

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