«Wer Glück erlebt, will es wiederholen»

Warum laufen im Kino so viele Remakes? Filmexperte Henry Taylor sagt, dass Hollywood schon immer Stoffe recycle. Und es heute aus einem bestimmten Grund umso mehr tue.

Das Gleiche, aber mit Frauen: Die Fans sind schon in Aufruhr über das «Ghostbusters»-Remake, das im August in die Kinos kommt. Foto: Sunset Box/Allpix/Laif

Das Gleiche, aber mit Frauen: Die Fans sind schon in Aufruhr über das «Ghostbusters»-Remake, das im August in die Kinos kommt. Foto: Sunset Box/Allpix/Laif

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Diesen Sommer laufen Remakes von «Ghostbusters», «Ben Hur» und «The Magnificent Seven». Wann sind Hollywood die Ideen ausgegangen?
Die Vorstellung, dass Hollywood nur noch Recycling betreibt, blendet das Wichtigste aus: Remakes gibt es seit Beginn der Filmgeschichte. Es ist ein amerikanisches Phänomen, üblicherweise dreht Hollywood europäische oder asiatische Filme neu und nicht umgekehrt. Aber allgemein hat die Filmindustrie einen enormen Bedarf an Stoffen. Von jeher gibt es zu wenig gute Drehbücher. Deshalb bietet es sich an, einen bewährten Stoff noch einmal aufzubereiten. Als Remake oder als Sequel, was Anschlussfilm bedeutet. Beides kann man unter ein Dach bringen: Sequels sind eine Spielart des Remakes.

Aber heute herrscht doch geradezu eine Sequel-Manie: Alles, was Erfolg hat, wird fortgesetzt. Derzeit starten «Ice Age 5», «Independence Day 2» und «Star Trek Beyond».
Man muss sehen: Das Kino ist heute nicht mehr der privilegierte Ort, um sich einen Film anzuschauen. Aber es ist weiterhin wichtig als Anstoss für die Verwertung: Ein Kracher macht den Anfang, dann folgt die Verwertung als DVD und Pay-per-View, auf iPad und Smartphone. Diese Kette hat eine fast serielle Struktur, was sich wiederum in die Filmproduktion einschreibt. Dazu kommt das, was man den «Tarantino-Effekt» nennt: eine komplexe Erzählstruktur wie in «Memento» oder «Inception». Filme, die darauf angelegt sind, dass man sie mehrfach schaut. Hier ist die mediale Verwertungskette bereits in die Erzählung eingebaut. Zusätzlich gibt es Spin-offs, also Games und Themenparks, die auf Filmen beruhen. Man hat heute ein Geflecht – mit ganz verschiedenen Eintrittsmöglichkeiten.

Trotzdem: 1950 gab es bedeutend weniger Fortsetzungen als heute.
Weil sich die Industrie gewandelt hat. Im klassischen Hollywood sagte man: Neun Filme spielen einen kleinen Profit ein, ein Film macht Verlust. Heute ist es umgekehrt: Von zehn Filmen machen einer oder zwei Gewinn. Der Rest ist Verlustgeschäft. Die grössten Blockbuster werden in den USA auf 4000 Leinwänden gestartet und sollen am ersten Wochenende 30 Prozent ihrer Gesamtkosten einspielen. Da kommen schnell solche Faktoren ins Spiel: Franchise, Anschlussfilme, das grosse Spektakel.

Aber weiss noch jemand, was im letzten «Spiderman»-Film passierte?
Man erinnert sich an das Erlebnis, daran, ob man Spass hatte. Der Antrieb ist, dieses Erlebnis zu wiederholen. Bei Fortsetzungen setzt die Filmindustrie auf das «Pre-sold»-Phänomen: Die Zuschauer wissen, worum es geht, weshalb ein Grossteil des Marketingbudgets entfällt. Anschlussfilme enttäuschen dann oft aus dramaturgischen Gründen: Die Figuren im ersten Film durchlaufen eine Wandlung, sie verfolgen ein äusseres Ziel und entdecken dabei ein inneres. Bei Sequels überlebt oft nur die äussere Reise, weshalb man mit den Gefühlen nicht mehr stark involviert ist.

Wieso wollen wir immer wieder das Gleiche erleben?
Weil wir naiv sind. Nach einem Glückserlebnis wollen wir die Wiederholung. Das ist das Lustprinzip. Man hat schöne Tage in Paris erlebt, hatte sogar eine Urlaubsromanze. Im nächsten Jahr kehrt man zurück an dieselben Orte, aber der Zauber ist weg. Kierkegaard hat drei Formen der Wiederholung unterschieden: die ästhetische, die ethische und die religiöse. Slavoj Žižek hat das übersetzt in die imaginäre, die symbolische und die reale. Die einzige Wiederholung, die für ihn funktioniert, ist die reale: die Erfahrung des Scheiterns.

Vom «Ghostbusters»-Remake hat man erst den Trailer gesehen, aber die Fans schimpfen bereits im Netz: Weil im neuen Film alle Geisterjäger Frauen sind, wittern sie Verrat am alten Film. Woher diese Wut?
Es gibt den sogenannten Primäreffekt. Nehmen wir Literaturverfilmungen: Sie enttäuschen oft, weil man zuerst das Buch gelesen hat. Schaut man sich aber zuerst den Film an und liest danach den Roman, findet man unter Umständen das Buch schlechter. Bei «Ghostbusters» von 1984 könnte dieser Effekt spielen. Es war ein Film, den viele mit ihrer Jugend verbinden.

Dabei merkt man dank des ­Remakes: Das Original war ein Film, in dem fast nur Männer mitspielten.
Jede Generation schreibt die Vergangenheit um, so ist es auch mit Filmen. Warum gibt es, vor allem unter Fans, all diese Top-Ten-Listen? Sie geben dem Universum Stabilität. Und wenn man aufwächst und eine neue Liste schreibt, ist man konfrontiert mit der eigenen Veränderung. Und muss sich fragen: Wie stabil ist eigentlich meine Identität? Das ist etwas, was uns allen Angst macht.

Das heisst: Jede Neuverfilmung stellt mit dem Original etwas an.
Die Filmwissenschafterin Katrin Oltmann hat dafür den Begriff «Premake» geprägt. Sie stört sich an dem hierarchischen Verhältnis zwischen Original und Kopie, da ja erst die Kopie das Original zum Original macht. Sie löst das so auf: Das Original ist das Premake, die Kopie das Remake, und das Verhältnis ist nicht mehr chronologisch, sondern zirkulär. Das Remake wirkt auf das Premake zurück, dieses sieht man dann als «un­finished business». So wie Hitchcock «The Man Who Knew Too Much» noch einmal gedreht hat, weil er fand, er wolle es besser machen.

Einige Regisseure wollen Filme von anderen verbessern, von den ­Neuverfilmungen seines Thrillers «Carrie» aber hat Brian De Palma gesagt: Die machen alles falsch, was ich richtig gemacht habe.
Eine Variante davon ist der Director’s Cut: «Dances With Wolves» von Kevin Costner dauerte drei Stunden, die Director’s-Cut-Version war noch einmal länger und verdeutlichte alles, was zuvor ausgelassen wurde. Nicht nur war die neue Fassung eine Enttäuschung. Auf gewisse Weise ruinierte sie auch den ­ersten Film, der in der Erinnerung lebt.

Gus Van Sant dagegen fand, er drehe «Psycho» noch einmal in Farbe, weil sich die jungen Leute keine Schwarzweissfilme mehr ansehen.
Er meinte, die Leute wissen, dass es «Psycho» von Hitchcock gibt, aber sie haben den Film vielleicht gar nie gesehen. Also drehte er ein Update in Farbe und möglichst an denselben Schauplätzen. Er hat auch dazuerfunden: Im Original beobachtet der Mörder durchs Guckloch, wie sich sein weibliches Opfer auszieht. Im Remake masturbiert er dazu noch. Wobei man Slavoj Žižek recht geben muss, der sagte: Wenn er da schon masturbieren kann, muss er sie eigentlich nicht mehr umbringen.

Fehlt jüngeren Leuten heute das Bewusst­sein für Filmgeschichte?
Man hat heute viel mehr Zugang zu Filminformationen. Gleichzeitig konnte man früher voraussetzen, dass bei Film­studenten gewisse Filme bekannt sind, «Star Wars» oder «Jaws». Heute ist das ganz anders. Viele haben von «Star Wars» gehört, aber den ersten Film von 1977 nie gesehen. Die neue Fortsetzung «Star Wars: The Force Awakens» ist ein Versuch, die Zuschauer im Rahmen des neuen Films mit dem alten vertraut zu machen. Ein Remake, das sich als Sequel ausgibt. Ich nenne das ein «Requel».

Man streicht also ausdrücklich heraus, dass die Idee nicht neu ist.
Im Gegensatz zu früher, ja. Während der Zeit des klassischen Hollywood hat man es geradezu vermieden, zu sagen, dass ein Film ein Remake ist. Die Industrie war vertikal integriert, die Abläufe von Produktion über Verleih und Aufführung fanden also unter einem Dach statt. A-Pictures wurden als eigenständige Produkte beworben. Beispiel: 1940 hat Thorold Dickinson in England «Gaslight» gedreht, einen Thriller aus weiblicher Perspektive. Das MGM-Studio hat diesen Film aufgekauft und 1944 unter demselben Titel eine eigene Version mit Ingrid Bergman gedreht. Dass es einen englischen Film gab, wurde verschwiegen. Heute dagegen ist der Film Teil einer globalen Unterhaltungsindustrie und nicht mehr vertikal integriert, sondern horizontal: mit einer Linie von Produkten über Bücher, Musik und Games. Das heisst: Die Tatsache, dass es sich um eine Neuverfilmung handelt, wird hervorgehoben, um auf die anderen Produkte in der Kette hinzuweisen. Auf der DVD von «Gaslight» findet man als Bonus die englische Fassung von 1940.

Gedankenexperiment: Die grossen Utopien sind verschwunden, kehren aber in perverser Zwergform wieder zurück – als Remake und Sequel. Die teilen sich ja eine Grundidee mit der Utopie: das Gleiche, aber anders.
Auffällig ist doch, dass es seit zehn, fünfzehn Jahren eine Schwemme von Filmen über die Apokalypse gibt. Das Ende der Welt ist gekoppelt an extreme Schauwerte und nimmt Züge einer Kosmologie des posthumanistischen Zeitalters an. Dadurch wird auch die Erwartung des Zuschauers trainiert, dass jeder Blockbuster galaktische Dimensionen annimmt. Riesig muss es sein, die Welt muss immer untergehen. Vielleicht führt der Mangel an Utopien zu solchen dystopischen Visionen.

Man hat sich heute auch daran gewöhnt, dass technische Dinge ständig optimiert und aktualisiert werden. Bieten Fortsetzungen und Remakes eine ähnliche Erfahrung?
Kennen Sie das Coolidge-Prinzip? Calvin Coolidge, US-Präsident in den 20er-Jahren, beobachtete einmal mit seiner Frau einen Hahn, der sehr aktiv mit diversen Hühnern kopulierte. «Guck mal, wie ­aktiv dieser Hahn ist», provozierte ihn seine Frau. «Schon, aber tut ers immer mit derselben?», gab er zurück. Dem­zufolge sagt das Coolidge-Prinzip: Führt man einem sexuell aktiven Menschen immer wieder willige Geschlechtspartner zu, steigt die sexuelle Performance markant an. Im übertragenen Sinne tun das auch Remakes und Sequels: Sie bieten uns einen Mehrwert durch Rekontextualisierung. Und wir springen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2016, 18:08 Uhr

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Rund 30 Jahre ist es her, seit Bill Murray in «Ghostbusters» mit dem Staubsauger Jagd auf Geister machte. Anfang August läuft das Remake von Paul Feig an; die Besetzung, unter anderen mit den US-Komikerinnen Melissa McCarthy und Kristen Wiig, ist rein weiblich. Die Neuverfilmungen von «Ben Hur» und «The Magnificent Seven» starten im September. Zur geistigen Vorbereitung kann man im Juli in die Remake-Reihe im Filmpodium gehen; dort laufen «Die Sieben Samurai» von Akira Kurosawa und «The Magnificent Seven» von John Sturges, aber auch «King Kong» von 1933 und 2005 und «Psycho» in den Versionen von Hitchcock und Gus Van Sant. Und heute um 18.15 Uhr hält dort Henry Taylor einen Vortrag über Remakes, illustriert mit Filmausschnitten. (blu)

Der Filmwissenschafter Henry Taylor (51) wurde im englischen Kent geboren und ist heute Dozent für Medien­wissenschaft an der Universität Konstanz. Zudem lehrt er Drehbuchschreiben.

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