Wer ist der Boss?

Keine Spur von Altersmilde: Der Lamborghini Aventador geht mit mehr PS, dem Namenszusatz S und entscheidend verbesserter Fahrdynamik in die zweite Runde.

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Am Tag des Fotoshootings war Petrus noch entspannt. Wird schon nichts dabei sein, wenn ein paar bonbonfarbige Autos in der Sonne posieren, dachte er wohl und zeigte sich von seiner heiteren Seite. Doch seither ist er wütend, und man kann sich, den Startknopf unter der roten Schutzklappe drückend, schon denken, wieso. Der V12 erwacht mit einem finsteren Donnergrollen, die LED-Scheinwerfer entsenden Lichtblitze, und die windschnittige Karosserie warnt vor einem bis zu 350 km/h schnellen Sturm. Jetzt, da es zur Erprobungsfahrt auf die Rennstrecke geht, kontert der Heilige des Wetters mit einer einzigartigen Machtdemonstration. Der Wind lässt den Regen waagrecht gegen die Windschutzscheibe peitschen, auf der Piste droht Aquaplaning. «Wer ist der Boss?», scheinen die entfesselten Naturgewalten zu brüllen.

2,9 Sekunden auf Tempo 100

Mit dem Lamborghini Aventador in der nach sechs Baujahren nachgereichten Evolutionsstufe S hat sich Petrus allerdings mit dem Falschen angelegt, denn der ist auch ziemlich wütend – um nicht zu sagen: rasend. Das 6,5-Liter-Triebwerk leistet nunmehr 740 statt 700 PS, die Maximaldrehzahl wurde von 8300 auf 8500 U/min angehoben, und mit 690 Newtonmetern auf allen vier Rädern geht es in 2,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Beeindruckender noch: in 8,8 Sekunden auf Tempo 200. «Ich!», schallt es darum bei jedem Gangwechsel des sequenziellen Getriebes aus den drei Endrohren, lauter, bestimmter als je zuvor: «Ich! Ich! Ich bin der Boss!» Und wie das so ist, wenn sich zwei streiten: Da freut sich der Dritte.

Zugegeben, der respektive die Dritte ist zuweilen auch – na ja, nicht gerade wütend, nennen wir es lieber: missmutig. Der aktive Heckflügel passt sich in drei Stufen der aktuellen Fahrsituation an? Durch die aerodynamischen Anpassungen konnte der Abtrieb an der Vorderachse um 130 Prozent verbessert werden? Die Pushrod-Radaufhängung wurde überarbeitet, und ein neues, variables Dämpfungssystem mit Echtzeitregelung optimiert die Rad- und Karosseriekontrolle? Prima, aber was hat man bei diesen Wetterbedingungen davon? Zumal der Rennprofi im Führungsfahrzeug in gemässigtem Tempo vorausfährt, weil Petrus eben doch der Boss ist, wenn Nichtprofis in über 400'000-fränkigen Geschossen hinterherfahren.

Modus «Ego»

Andererseits: Wie käme man dazu, Missmut anstelle von Unwohlsein oder bei strömendem Regen gar Angst zu verspüren, wenn der 4,8 Meter lange Mittelmotorsportler keine derart traumwandlerische Sicherheit vermitteln würde? Die Balance: herausragend. Die Sitzschalen: passen wie angegossen. Ganz zu schweigen von der neuen Vierradlenkung, bei der die Hinterräder bei hohen Tempi bis hin zur Höchstgeschwindigkeit mitlenken, um für mehr Stabilität zu sorgen und bei niedrigen Tempi in entgegengesetzter Richtung zeigen, was den Radstand virtuell verkürzt.

Der Neue reagiert in Kombination mit der neu justierten Lenkung praktisch auf Gedankenimpulse.

Verhielt sich der Vorgänger staksig, ungelenk in engen Kehren, wirkt der Neue deutlich handlicher und reagiert in Kombination mit der neu justierten Lenkung praktisch auf Gedankenimpulse – eine Erkenntnis, die sich auch bei Regen machen lässt. Erstmals bei Lamborghini gibt es ein Fahrprogramm, das die Konfiguration von Lenkung, Antriebsstrang und Dämpfern individuell regeln lässt. Der Modus heisst «Ego» und ist – Zylinderabschaltung und Stopp-Start-System hin oder her – selbstverständlich nicht zu verwechseln mit «Eco». Der Praxisverbrauch auf 100 Kilometer bleibt an dieser Stelle unerwähnt, um nebst Petrus nicht noch andere zu verärgern.

Selbst im Stand wütend

Als es später über die Landstrasse in die Stadt hineingeht, ist Petrus etwas milder gestimmt, und auch der Aventador S zeigt sich von seiner gemässigten Seite, grummelt ruhig vor sich hin, federt einigermassen kommod, gibt Gelegenheit, das neu gestaltete, digitale Instrumentenpanel zu mustern. Aber seien wir ehrlich, mit seinem Tarnkappenbomben-Look wirkt der Wagen selbst im Stand wütend, und ist es nicht so, dass der, der ihn sich – gerade in der Schweiz – kauft, genauso wütend ist? Auf die Gesellschaft mit ihrem Understatementzwang? Auf den Zeitgeist, dem ein freisaugender V12-Motor ganz und gar widerspricht? Wütend sein, wenn auch nur ein bisschen, das hat schliesslich eine kathartische Wirkung.

Das Lächeln wird einem am Steuer dieses Autos jedenfalls automatisch auf die Lippen gezaubert. So mancher Passant lächelt dann mit, fordert zu einem gehässigen Motorgrollen auf, lächelt danach umso mehr. Und Petrus, der alte Griesgram, wird sich auch wieder einkriegen. Ist ja nichts dabei, wenn ab diesem Frühling ein paar bonbonfarbige Autos in der Sonne posieren – viel mehr als die 37 Exemplare des Aventador, die 2016 in der Schweiz neu zugelassen wurden, dürften es 2017 auch von der neuen S-Version nicht sein.

Nina Vetterli fuhr den neuen ­Lamborghini Aventador S vom 19. bis 21. Januar auf Einladung der Automobili Lamborghini S.p.A. in Spanien. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.03.2017, 17:41 Uhr)

Lamborghini Aventador S

2-türiger Supersportler

Masse: Länge 4797 mm, Breite 2030 mm, Höhe 1136 mm, Radstand 2700 mm.
Kofferraum: 140 Liter.
Motor: 6,5-Liter-V12-Benziner mit 740 PS (544 kW) und 690 Nm.
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 2,9 Sekunden. Höchstgeschwindigkeit 350 km/h.
Verbrauch: 16,9 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangabe).
CO2-Ausstoss: 394 Gramm pro Kilometer.
Markteinführung: Ab sofort.
Preis: Ab 399'000 Franken (exkl. Steuern).
Infos: www.lamborghini.com

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