Wie macht das Auto?

Synthie-Akkorde von Pink Floyd, Hirschröhren oder Raumschiffrauschen: Wie Sounddesigner Elektrofahrzeugen eine Stimme verleihen.

Leise ist angenehm, aber zu leise kann gefährlich sein: Der BMW i3. Fotos: PD

Leise ist angenehm, aber zu leise kann gefährlich sein: Der BMW i3. Fotos: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal hört er ein Geräusch im Kopf. Es fängt ganz leise an; wie ein anschwellender Synthesizerton. Es summt und hallt und schnurrt und macht «Ooouuppffhhhh». Gegen Ende klingt es wie ein gestreckter Akkord aus dem Frühwerk von Pink Floyd. Und damit ganz anders als in jenen Jahren, als Autos noch Verbrennungsmotoren hatten und «Brrrrruuumm» machten.

Emar Vegt ist Sounddesigner bei BMW. Und weil Elektroautos nicht mehr «Brrrrruuumm», sondern akustisch eigentlich gar nichts mehr machen, ausser eben mit ihren Pneus über den Asphalt zu rollen und ein bisschen mit der Batterie zu summen, muss der Niederländer ihnen jetzt eine neue Stimme geben. Im Grunde wolle man ja, «dass diese Autos leiser tönen als ihre Vorgänger», sagt er. Aber so ganz still wird es eben doch nicht im schönen neuen Zeitalter der Elektromobilität.

Noch können Kunden in Europa wählen, ob ihr Elektroauto Geräusche macht. Den BMW i3 zum Beispiel kann man auch ganz geräuschlos fahren, was vor allem diejenigen glücklich macht, die schon lange hoffen, dass mit dem Ende der Verbrennungsmotoren und Auspuffrohre endlich Ruhe einkehrt in den Städten. Aber Menschen verlassen sich im Strassenverkehr nicht nur auf ihre Augen, sondern hören auch gut zu, was passiert. Wenn Autos, Lastwagen oder Töffs um die Ecke biegen, dann sind sie kaum zu überhören. Elektroautos schon. So angenehm ihr geringer Lautstärkepegel auch sein mag: Wenn das Umfeld sie nicht akustisch wahrnehmen kann, werden sie zur Gefahr.

Eine Richtlinie sieht für die nach Regularien der Europäischen Union zugelassenen Elektroautos die Einführung eines akustischen Fahrzeugwarnsystems für Neuwagen vor, beginnend im Juli 2019. Bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde müssen die Autos dann etwas von sich geben, das irgendwie an die Geräusche eines Autos erinnert. Jenseits von Tempo 20 erzeugen die Pneus so laute Rollgeräusche, dass man keine Sonder-Sounds mehr braucht. Europa folgt damit den USA, wo die nationale Verkehrsaufsichtsbehörde von 2019 an künstliche Autogeräusche für neue Elektro- und Hybridautos vorschreibt. Die Frage ist allerdings: Wie soll so ein Auto klingen?

Nissans Elektromodell Leaf piepst wie ein Lastwagen beim Rückwärtsfahren, Renaults elektrischer Zoe rauscht wie der Warp-Antrieb des Raumschiffs Enterprise. Könnte man dem BMW i3 das Gebrüll eines Lamborghini aufspielen? Oder das Röhren eines Hirschs? Liesse sich gar wie beim Smartphone ein ganzer Klangkatalog anlegen? «Der Ton muss harmonisch sein, zum Auto passen und darf nicht nach Spielzeug klingen», sagt Sounddesigner Vegt. «Der i3 schaut futuristisch aus. Da ergibt es keinen Sinn, ihm beim elektrischen Fahren das Geräusch eines Verbrennungsmotors zu verpassen.»

Ständig piepst irgendetwas

Neulich hat Vegt Komponisten ins BMW-Studio auf dem Werksgelände in München geholt, zur Inspiration. «Mood-Music» nennt er, was da gespielt wurde. Ambient, sphärische Klänge. Man brauche eben auch mal «echte Musik, um die Stimmung eines Autos zu ergründen». Kopfhörer, ein Keyboard, Lautsprecher – hier wurden schon viele Soundschnipsel komponiert: schrille Auffahr-Warntöne oder akustische Gurtsignale – solch ein Auto macht ja ständig Geräusche. Erst, wenn man darauf achtet, merkt man, wie häufig es piepst und klingelt. Rund 300 Mitarbeiter beschäftigen sich mit dem Auto-Wohlklang, vom Motorengeräusch bis zu der Frage, wie Kofferraumdeckel oder Türen schliessen sollen. Für den künstlichen Elektroauto-Sound hat BMW dem i3 einen Lautsprecher hinter die Frontschürze gebaut und ihn nach unten hin ausgerichtet. Wenn kein Auspuff mehr da ist, der den Ton vorgibt, muss man erfinderisch sein.

Und wie es aussieht, werden sie demnächst noch viel zu tun haben. BMW will im nächsten Jahr insgesamt 100 000 elektrifizierte Autos verkaufen. Bisher ging es vor allem um Fahrzeuge der Elektro-Marke i, bald aber sollen auch einige der klassischen Modelle eine Batterie fürs elektrische Fahren erhalten. Bei jedem Auto, das dann geräuschlos auf die Strasse kommen soll, wird es wieder von vorne losgehen: rein ins Tonstudio, fahrenden Autos auf Bildschirmen zuschauen und an Töne denken.

«Wie klingt ein Mini ohne Verbrennungsmotor? Gibt es einen Mini-typischen Sound, den wir nachbilden müssen?», fragt Vegt. Kenner identifizieren heute ein Fahrzeugmodell allein am Klang seines Verbrennungsmotors – solch ein akustisches Alleinstellungsmerkmal wünschen sich die Marketingstrategen der Autoindustrie auch für die Zukunft: Wie tönt ein E-Audi? Wie ein elektrischer Mercedes? Die Frage ist dann, ob die verschiedenen Automarken am Ende tatsächlich unterschiedliche Töne von sich geben werden. Und wenn ja: Wird das überhaupt irgend­jemand noch heraushören können?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 09:31 Uhr

Artikel zum Thema

Das Auto denkt jetzt selbst

Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel zum autonomen Fahren. An der Elektronikmesse CES in Las Vegas standen Neuerungen im Bereich der Sprach- und Bilderkennung im Zentrum des Interesses. Mehr...

Rücksicht statt Rowdytum

Mit der neuen Generation des Q5 beginnt Audis mexikanisches Abenteuer – dort läuft das Mittelklasse-SUV für Amerika und Europa vom Band. Mehr...

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Blogs

Geldblog Softwarefirma profitiert von Banken unter Druck
Sweet Home Japandi statt Skandi
Mamablog Beisshemmung vor der Zahnspange

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...