«Wir machten Terrorismus der Komik»

Der amerikanische Regisseur John Waters besuchte in Zürich seine Kunstausstellung und trat als Stand-up-Komiker auf. Dass er heute zu den Insidern gehöre, sei die letzte Ironie in seinem Leben.

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Sie haben geschrieben, die Schweiz sei das einzige Land, in dem die Reichen wüssten, wie man sich benimmt. Was heisst das?
Die Schweiz macht es richtig, wenn es um Reichtum geht. Die Reichen haben hier keine Midlife-Krise. Sie kaufen sich keinen Sportwagen, sondern eine Zeichnung von Cy Twombly. Sie genieren sich fast für ihren Reichtum, es ist das Gegenteil von Nouveau riche. Sie spielen ihr Vermögen herunter und geben Geld für Dinge aus, die sie arm aussehen lassen. Sie sind heimlich modisch und tragen keine grosse Chanel-Labels. Warhol trug unter seinem Gap-Rollkragenpullover Schmuck, der Hunderttausende Dollar kostete. Nur er wusste, dass er ihn trug. Das ist für mich die Schweiz.

In Zürich wurde 1974 die Kopie von «Pink Flamingos» beschlagnahmt. Nun stellen Sie im Kunsthaus ihre Fotoarbeiten und Plastiken aus. Es hat sich einiges verändert.
Ja. Bald werde ich sagen können, dass einige meiner Fans noch nicht geboren waren, als ich meinen letzten Film «A Dirty Shame» gedreht habe. Das ist ja auch schon zehn Jahre her. Und dann werden die Kids auf mich zukommen und sagen: «Meine Eltern haben mir deine Filme empfohlen.» Und ich werde sagen: «Echt? In meiner Jugend haben die Eltern die Polizei gerufen, wenn es um meine Filme ging!»

Man kennt Sie vor allem als Regisseur. Bewegen Sie sich elegant zwischen Kunst und Kino?
Was die Leute in der Kunstwelt nicht ausstehen können, sind Celebrities. Das ist für sie die letzte Obszönität. Ich trenne die zwei Welten klar voneinander, arbeite sogar an verschiedenen Orten, je nachdem, ob es um Kunst oder Film geht. Meine künstlerischen Ideen kommen in den Kunstordner, und wenn ich eine Ausstellung habe, arbeite ich nicht nebenher an einem Film. Ich sitze aber nicht allein zu Hause vor einer Töpferscheibe. Sondern habe Leute, die mir helfen.

Wie Jeff Koons?
Ja! Allerdings wohl nicht auf diesem Level. Ich mag Jeff, für mich ist eine Kunstausstellung wie Filmemachen. Alle meine Kunst ist Konzeptkunst, ich denke sie mir aus, bevor ich sie erschaffe.

Ein Werk trägt den schönen Titel «Contemporary Art Hates You».
Und das stimmt! Solange man nicht einen Schritt zurückgeht und sich dazu bringen kann, den Zauber zu sehen. Weil gute Kunst zerstört, was vorher war. Das geht aber nicht, wenn man sich weigert hinzusehen. Bei den Anonymen Alkoholikern nennt man es «Missachtung vor Erkundung». Daran leiden viele Leute, die moderne Kunst betrachten. Ich verstehe nie, wenn jemand sagt: «Mein Kind hätte das machen können.» Nun, es hätte es besser tun sollen, das Werk wurde gerade für 18 Millionen Dollar verkauft! Du bist der Idiot! Und überhaupt: Dein Kind könnte es nicht. Ich habe mal Fünftklässlern Twombly-Zeichungen gezeigt, die liebten die, haben selber angefangen zu kritzeln und wunderbare Zeichnungen gemacht – ohne dabei Witze zu reissen.

Sie sammeln ja auch selbst Kunst.
Ja, und ich liebe den Elitismus der Kunstwelt. Ich bin nicht der Meinung, Kunst sei fürs Volk – das ist eine furchtbare Idee. Ich mag es, wie undurchdringlich über Kunst geschrieben wird. Das ist höchst vergnüglich! Die Kunstszene ist wie die Hells Angels: Sie hat eigene Regeln, eigene Outfits, eigene Gesetzwidrigkeiten, gar illegale Preisabsprachen! Es gibt ein Geheimvokabular, man liebt das Wort «rigoros». Kürzlich war ich an einer Messe, an der seltene Skulpturen von Richard Tuttle gezeigt wurden. Es war wirklich nichts anderes als zwei Stücke verbogenen Drahts. Das haben sich zwei Sammler angeguckt, und einer sagte: «Wie viel?» – «150 000» – «Kein schlechter Preis.» Grossartig! Und er hatte recht, wenn man bedenkt, was Tuttles Kunst heute kostet.

«Kunst ist nicht fürs Volk»: John Waters im Kunsthaus neben seinem gelifteten Lassie sowie «Beverly Hills John». Foto: Doris Fanconi

Was unterscheidet Kunst und Kino?
Kunst ist Magie, Film ist eher Wissenschaft, sehr technisch. Deshalb mag ich die grossen Hollywoodfilme nicht mehr, das sind nur noch Wissenschaftsprojekte. Es kommen darin nicht mal mehr Leute vor. Aber auch die Welt des unabhängigen Films, meine Welt, hat sich verändert. Meine Filme kosteten 6 oder 7 Millionen Dollar, heute kosten Filme entweder eine Million oder hundert Millionen. Viele werden für China gedreht, weshalb Hollywood Komödien nicht mag, da sich diese schlecht übersetzen lassen. Und weil man keine Dialoge will. Sondern Gegrunze, Effekte und Thrills. Schaue ich mir im Kino die Trailer an, denke ich: Das sind ja alles Warnungen. Alle diese Filme werden Milliarden ­einspielen, niemand wird sich an sie erinnern.

Dagegen tut die Szene in «Pink Flamingos» noch immer weh, in der Hühner zwischen zwei vögelnden Menschen zerquetscht werden.
Das würde ich heute wohl nicht mehr drehen, auch wenn wir das Huhn danach gekocht haben. Ich habe viel gekifft, als ich «Pink Flamingos» geschrieben habe. Man muss wissen: Anfang der Siebzigerjahre kam «Deep Throat» ins Kino, die pornografische Darstellung wurde legal, und ich habe mich gefragt: Was könnte man noch tun, gegen das es kein Gesetz gibt? Deshalb die Szene, in der die Heldin Divine Hundekot isst. Es war Anarchie, ein Schlag gegen die Tyrannei des guten Geschmacks. Damals fast ein politischer Schritt. Wenn wir zehn Seiten Dialog draussen bei null Grad abgedreht haben, waren wir wie eine politische Zelle. Heute nennt man das Terrorismus. Wir haben eine Art Terrorismus der Komik gemacht.

In «Female Trouble» nahm das eine Form der Gehörattacke an, mit der Schrillheit der Dialoge.
Das war mein Fehler, wir hatten so eine schlechte Tonausrüstung. Und ich wollte wohl sichergehen, dass man versteht, was ich geschrieben habe. Aber selbst ich finde es schwierig, mir den Film heute anzusehen. Vielleicht hatte es auch damit zu tun – jetzt werde ich intellektuell –, dass ich damals Artauds «Theater der Grausamkeit» aufgesogen habe. Vielleicht ist es in den Film eingeflossen. Oder die Tonausrüstung war schlecht.

Auch interessant: Alle Ihre Langfilme dauern neunzig Minuten.
Weil es so was wie einen guten langen Witz nicht gibt. Comedy sollte immer neunzig Minuten dauern. Damals hatte ich 16-mm-Filmrollen, die dreissig Minuten dauerten. Weil ich immer Anfang, Mitte und Ende drehte, wurden die Filme neunzig Minuten lang. Ich denke noch heute, Filme sollten diese drei Teile haben. Sogar Experimentalfilme.

In Ihren späteren, verdaulicheren Filmen zeigen Sie immer mehr von der Normalität in Suburbia. Hat das damit zu tun, dass Sie ein Bild des Feindes zeichnen mussten in dem Moment, in dem Sie als Regisseur breit akzeptiert waren?
Kann sein. Suburbia war der Feind, davor bin ich geflüchtet. Ich suchte Beatniks, Schwule, Schwarze. In den 60er-Jahren herrschte ein Kulturkampf, es war ein Wir gegen sie. Meine Karriere beruht ja auf Verrissen von Kritikern, die von meinen Filmen entsetzt waren. Das würde heute nicht mehr passieren. Die Kritiker sind zu hip und zu smart, als dass sie einen zerstören wollen würden. Ich kann mich aber nicht beklagen, ich werde nicht als Geheimtipp sterben. Die Leute haben meine Filme verstanden, sogar besser, als ich es mir vorstellen konnte. Ich bin ein Insider geworden. In meinem Leben ist das die letzte Ironie.

Sie haben auch wie kein anderer die Nobilitierung des schlechten Geschmacks erlebt. Sehnt man sich da nach alten Zeiten zurück?
Es ging ja nur schrittweise. Und ich hoffe schon, dass ich einen schlechten Einfluss hatte! Hoffentlich macht man mich nicht verantwortlich für all die vulgären Hollywoodkomödien. «Hang­over» oder «Trainwreck» mochte ich, aber der Rest ist unlustiger Burschenschaftshumor.

Heute kann man auch Pornos studieren für eine Seminararbeit . . .
Man könnte ein Snuff-Movie drehen und kriegte eine 6! Aber nur in einer Schule für reiche Kids, im Ghetto ginge das nicht.

Aber was korrumpiert uns heute noch? Wie füllt man das Loch, wo früher der Feind war?
Gibt es denn dieses Loch? Vielleicht gibt es das gar nicht mehr, weil heute alles akzeptiert wird. Vielleicht ist die Akzeptanz heute dieses Loch. Wir brauchen die Outlaws, aber das ist die Verantwortung der Jugend. Ich denke: Wer einen Film drehen kann, der zensiert wird, aber weder Sex noch Gewalt enthält – der hat die Antwort gefunden. Vielleicht ist Religion noch das, was übrig ist und die Gesellschaft verrückt spielen lässt.

Die Welt, die alles akzeptiert, ist ja nichts anderes als die Hölle.
Ja. Aber man wird nie alles akzeptieren. Die Leute werden älter, aus Linken werden Reaktionäre, und sobald man denkt, man habe es damals besser gemacht als die Jugend von heute, und sich nicht mehr dafür interessiert, was geschieht – dann ist das Leben vorbei. Man muss sich dafür interessieren, was jetzt geschieht. Die Hacker haben heute genauso viel Spass, auf ihren Computern die Regierungen runterzufahren, wie wir es hatten auf Anti-Kriegs-Demonstrationen. Es ist einfach eine andere Art von Jugendkriminalität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2015, 21:42 Uhr

«This Filthy World» oder die Unmöglichkeit, mit 3-D-Brillen zu masturbieren

Die Kritiker nahmen ihm vieles übel. Am meisten aber wohl, dass er ihnen an der Schreibmaschine zuvorgekommen ist, wie John Waters zu sagen pflegt. Ein nicht kleiner Teil der Waters-Exegese besteht aus treffender Selbstinterpretation, und das erlebte man gestern Abend im ausverkauften Vortragssaal des Kunsthauses in allem Glanz und Gaga: In seiner Stand-up-Show «This Filthy World» ging dieser nette und ungemein lustige 69-Jährige chronologisch seine eigene Filmografie durch, von den Schmalfilmanfängen bis zur Musicalvorlage. Aber viel mehr noch feuerte da ein Schausteller seiner selbst in assoziativem Fluss grossartig getimte Pointen ab – über die Taxonomien des schwulen Sex, das Unding der Onanie mit 3-D-Brillen (die Reflexionen lenken ab) und das klassische Lieblingsthema aller Bühnenkomiker: Flugzeug­reisen. Dazwischen ein unübersetzbar fantastischer Witz über Nekrophilie. Der «gag reflex» seiner Trash-Epen verwandelte sich da in eine Gag-Reflexion über Leben und Werk eines gepflegten Anarchisten, und was kann dieser John Waters eigentlich nicht? (blu)

(Tages-Anzeiger)

John Waters

Das Schundluder

Man nannte ihn den «Prince of Puke» und
den Ayatollah der Arschlöcher: John Waters, 1946 in Baltimore geboren, hat mit Filmen wie «Pink Flamingos» oder «Female Trouble» in Amerikas Unterleib gestochen und mit seinem zärtlichen wie urkomisch überzeichneten Midnight-Kino nicht nur Zensur und Leute schockiert, sondern auch den Weg bereitet für einen Kanon des Trash. Seine hintersinnig böse Ausstellung im Kunsthaus dauert bis 1.?11.; eben ist sein Buch «Carsick» (Ullstein, ca. 14 Fr.) erschienen, worin der begnadete Autor seine Reise per Autostopp durch die USA beschreibt. Ab Oktober zeigt das Filmpodium eine Retrospektive. (blu)

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