Zeitverschiebung in Tokio

So fühlt sich der Stadtverkehr der Zukunft an: Ohne Lenkrad und ohne Pedale lässt man sich vom Smart Vision EQ durch die japanische Hauptstadt fahren.

Wer drinnen sitzt, fühlt sich wie in einer ferngesteuerten Raumkapsel: Der Smart Vision EQ. Fotos: Smart

Wer drinnen sitzt, fühlt sich wie in einer ferngesteuerten Raumkapsel: Der Smart Vision EQ. Fotos: Smart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist uns Tokio nur um sieben Stunden voraus. Doch in Ecken wie diesen misst man die Zeitverschiebung besser in Jahren. Im Stadtteil Akihabara gehen die Uhren ein bisschen anders. Hier, wo das Herz der japanischen Comic- und Spielewelt schlägt, wo sich Menschen wie Manga-Charaktere kleiden und einem auf der Strasse Roboter begegnen, hier leben sie in ihrer eigenen Zeit, und die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Vision und Wirklichkeit lassen sich nicht immer ziehen.

Genau das richtige Terrain für ein Auto wie den Smart EQ. Schliesslich ist die Designstudie, die Daimler vor ein paar Monaten auf der IAA in Frankfurt enthüllt hat, ebenfalls zwischen den Zeiten gefangen, weil sie eine sehr greifbare und realistische, deshalb aber nicht minder ferne Vision vom Stadtverkehr der Zukunft zeichnet: Natürlich elektrisch soll der Mini dereinst als autonomes Robo­taxi durch die Städte surren und den Verkehrskollaps in Megacitys wie Tokio oder Peking wenn schon nicht verhindern, dann wenigstens noch etwas hinauszögern.

Die Testfahrt beginnt

Während Mercedes das autonome Auto mit Studien wie dem F015 zum Luxusgut macht, steigt Smart in den Markt der Robo­taxen ein, dem Analysten eine ­rosige Zukunft voraussagen. Nicht umsonst prognostiziert Goldman Sachs bis zum Jahr 2030 für autonome Flotten ein Geschäftsvolumen von 220 Milliarden Dollar. Zugleich ist der Smart Vision EQ die blechgewordene Umsetzung der neuen Unternehmensstrategie: «Wir geben den Themen ein Gesicht, mit denen Mercedes-Benz Cars die Vorstellungen von zukünftiger Mobilität beschreibt», sagt Smart-Chefin Annette Winkler mit Blick auf die Trends Connected, Autonomous, Shared und Electric.

Das Auto begrüsst die neuen Gäste.

In der Vision der Daimler-Forscher könnte das bis 2025 so weit sein, weil für das komplett autonome Fahren ohne Lenkrad und Pedale nicht nur sämtliche Gesetze geändert werden müssten, sondern auch die Entwickler noch einiges zu tun haben, um die Sensoren des Autopiloten schlau und sicher genug zu machen. Doch hier in Akihabara geben sie nichts auf Paragrafen oder Algorithmen. Hier haben sie genug Fantasie, um sich mit einer simulierten Jungfernfahrt in die nahe Zukunft beamen zu lassen. Zwar sind deshalb alle neugierig und starren gebannt auf den Winzling, der sich blau erleuchtet und im Schritttempo vorsichtig durch die neonbunte Nacht tastet. Doch Angst vor der Technik kennen sie nicht. Sobald der Smart EQ am Strassenrand steht und sich die grossen Drehtüren öffnen, rutschen die ersten Passanten auf die weisse Sitzbank in der überraschend geräumigen Kugel. Nicht umsonst steht in grossen japanischen Lettern «Willkommen» auf der Leuchtfläche, die bei konventionellen Autos mal der Kühlergrill war.

Und der Grill ist nicht das Einzige, wovon man sich in diesem Fahrzeug verabschiedet. Denn auch wenn der Smart aussieht wie ein Auto und natürlich noch immer vier Räder hat, ist er eher eine Art Raumkapsel. So gibt es zum allerersten Mal in einem Modell von Mercedes weder Lenkrad noch Pedale. Man fühlt sich deshalb ein bisschen unwohl, wenn sich die Türen schliessen und der Smart wie von Geisterhand jenem Ziel entgegenrollt, das man vorher auf dem Smartphone in die App getippt hat – und vor allem fühlt man sich einsam.

Yui steigt zu

Aber in der Vision der Smart-Strategen bleibt man an Bord des EQ nicht lange allein. Denn der EQ ist nicht nur für das Car-, sondern auch für das Ride­sharing konzipiert und deshalb ständig auf der Suche nach Mitfahrern. Damit man dabei nicht ganz so überrascht wird, wenn zum Beispiel plötzlich Yui zu einem auf das Kunstledersofa rutscht, kündigen sich mögliche Mitfahrer vorher auf dem grossen Display mit einem detaillierten Profil höflich an.

Passagiere verlassen sich auf Sensoren.

Doch der zweite Fahrgast spart nicht nur ein weiteres Auto auf den vollen Strassen der Zehn-Millionen-Metropole ein, sondern hebt auch die Stimmung im Smart. Denn je mehr man sich um Konversation bemüht, desto weniger nervös und gespannt verfolgt man die Arbeit des Autopiloten, zieht nicht mehr so ängstlich am Beckengurt, wenn der Smart im Verkehrsfluss bremst oder beschleunigt, und vergisst deshalb irgendwann tatsächlich, dass man der Technik in diesem Auto völlig ausgeliefert ist. Statt ängstlich seine Unabhängigkeit aufzugeben, geniesst man irgendwann die neue Freiheit, lässt den Blick wandern, surft durchs Internet, döst durch seinen Jetlag und fühlt sich so ungezwungen wie in der U-Bahn. Nur dass es im Smart heimeliger und geräumiger ist. Und dass das Robotaxi fährt, wann und wohin der Passagier will.

Während man sich mit der Situation immer mehr anfreundet und man den Taxi-Trip in die Zukunft so langsam zu geniessen beginnt, rollt die buchstäblich smarte Zeitmaschine ganz langsam an den Strassenrand, öffnet automatisch ihre grossen Türen und gibt einem unmissverständlich zu verstehen, dass die Fahrt erst einmal zu Ende ist. Nicht, weil die rund 250 Kilometer, die der 81 PS starke E-Motor bei dem gemächlichen Stadttempo von Tokio aus den induktiv geladenen Akkus aus dem Wagenboden quetscht, schon abgefahren sind. Sondern weil ganz einfach die Realität ruft: Die Zukunft muss noch ein bisschen warten. Selbst hier in den Strassen von Akihabara ist es noch ganz knapp 2017. Und nicht 2025.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 19:08 Uhr

Artikel zum Thema

Das Imperium kehrt zurück

Euphorisch ist die Stimmung nicht beim IAA-Auftritt des Volkswagen-Konzerns. Aber neue Modelle und Milliarden-Investitionen sollen wieder Vertrauen wecken. Mehr...

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Heisser Ritt: Im spanischen San Bartolomé reiten Pferdebesitzer ihre Tiere durch loderndes Feuer. Diese 500 Jahre alte Tradition soll die Pferde reinigen und im neuen Jahr beschützen. (18. Januar 2018)
(Bild: Juan Medina) Mehr...