Zürich gehört ein Stück vom Vrenelisgärtli

Der Stadt gehören 250 Parzellen in der ganzen Schweiz – Wir zeigen, wo.

Hier gehören der Stadt Zürich zwei Quadratmeter Fels: Blick vom Schwandner Grat auf das 2903 Meter hohe Vrenelisgärtli oberhalb Glarus. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Hier gehören der Stadt Zürich zwei Quadratmeter Fels: Blick vom Schwandner Grat auf das 2903 Meter hohe Vrenelisgärtli oberhalb Glarus. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Zürich ist gross: Stolze 91 Quadratkilometer misst die Fläche der Stadt, inklusive des Seeabschnitts zwischen Wollishofen und Riesbach. So steht es jedenfalls auf der Website der Stadt Zürich. Doch eigentlich ist das Stadtgebiet noch etwas grösser. Und zwar um mehr als 3,2 Quadratkilometer, was immerhin der Fläche des gesamten Stadtkreises 4 entspricht – oder jener des berühmten Central Park in New York.

Der Grund für den Flächenzuwachs: Abgesehen von ihren zahlreichen Liegenschaften und Landflächen in Zürich selber verfügt die Stadt auch ausserhalb ihrer Grenzen über einen ansehnlichen Grundbesitz. Dieser umfasst mehr als 250 Parzellen in der ganzen Schweiz, vom bündnerischen Bergell über das Tessin bis nach Mettmenstetten.

Kiesgrube, Parkplätze, Sitzbank

Eine Liste mit dem gesamten Grundeigentum ausserhalb der Stadtgrenze hat das Stadtzürcher Finanzdepartement von Daniel Leupi (Grüne) auf Anfrage von baz.ch/Newsnet zusammengestellt. Der auswärtige Grundbesitz ist nicht nur weit verstreut, sondern auch sehr verschiedenartig. Da finden sich Wohnhäuser in Castasegna GR, Land in Wettswil, Familiengärten in Birmensdorf, eine Sportanlage in Adliswil, ein Schwimmbad in Oberengstringen, ein Strassengebiet in Opfikon, Gleisanlagen in Bülach und Parkplätze in Schlieren.

Zum städtischen Portfolio gehören auch eine Baumschule in Schlieren, eine Kiesgrube in Stäfa, ein Schopf in Adliswil und ein Bienenhaus in Dübendorf, ebenso wie ein öffentliches WC in Zolli­kon – und zwei Quadratmeter Fels auf dem 2900 Meter hohen Vrenelisgärtli im Glarnerland. Darauf thront eine Sitzbank, welche die Gemeinde Glarus Süd 2011 Zürich geschenkt hat.

«Wiesen, Wald oder Grünflächen machen den grössten Teil der Gesamtfläche aus», sagt Patrick Pons, Sprecher des Finanzdepartements. Die Grundstücke würden entsprechend land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Daneben dienten einige Landreserven auch Wohn- oder Gewerbezwecken.

Schlummernde Millionen

Der Gesamtwert der städtischen Grundstücke ausserhalb der Stadtgrenzen lässt sich nicht exakt beziffern, ist aber beträchtlich. Laut Pons liegt allein der Buchwert des von der Stadtzürcher Liegenschaftenverwaltung bewirtschafteten Bodens ausserhalb der Stadt bei mehr als 210 Millionen Franken. Nicht mit einberechnet sind dabei die Liegenschaften des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ). Dieses nennt den Wert seiner Liegenschaften nur gegenüber Kaufinteressenten, da sonst der Handlungsspielraum bei möglichen Verkaufsverhandlungen eingeschränkt ist.

«Grundsätzlich ist kein Verkauf von Arealen ausserhalb der Stadtgrenzen vorgesehen», betont Finanzvorsteher Daniel Leupi. Das städtische Land bilde eine wichtige Kapitalreserve. Im Einzelfall seien Baurechte vorstellbar. Infrage kommt laut Leupi allenfalls auch der Tausch von Landflächen ausserhalb der Stadt mit Bauland oder Liegenschaften auf Stadtgebiet.

Solche Tauschgeschäfte sollen auch dazu beitragen, das Drittelziel im gemeinnützigen Wohnbau zu erreichen. 2011 hatten die Stimmberechtigten den wohnpolitischen Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung verankert, wonach bis 2050 der Anteil von gemeinnützigen Wohnungen auf ein Drittel erhöht werden soll.

Doch wie wurde die Stadt überhaupt zur Grossgrundbesitzerin ausserhalb ihrer Grenzen? Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren, als die Bevölkerung stark wuchs, hatte sie zahlreiche Grundstücke in der Agglomeration erworben, auch mit Blick auf eine allfällige dritte Eingemeindung.

Stadt wollte Reserven bilden

Laut Finanzdepartements-Sprecher Patrick Pons geschah dies mit der Überlegung, dass auf Stadtgebiet kaum mehr Land zu vertretbaren Bedingungen erhältlich sei und man angesichts der wachsenden Stadt rechtzeitig und grosszügig stadtnahe Landreserven bilden müsse, vor allem zur Förderung des Wohnungsbaus für untere und mittlere Einkommen.

Die Wende kam 1975, als das Gesetz über die Raumplanung und das öffentliche Baurecht (PBG) in Kraft trat. Damals wurden im ganzen Kanton Zürich Siedlungsgebiete ausgeschieden, die innert nützlicher Frist tatsächlich benötigt wurden, um raumplanerisch einer weiteren Zersiedelung vorzubeugen. In ihren Nutzungsplanungen wiesen die Gemeinden das Stadtzürcher Land dann überwiegend der Landwirtschaftszone zu. Darauf verabschiedete sich die Stadt mehr und mehr von der Strategie eines quantitativen Wachstums zugunsten einer qualitativen Entwicklung. Und sie begann, Land ausserhalb zu verkaufen.

Altersheime am Waldrand

Der Expansionsdrang der Limmatstadt beschränkte sich früher nicht nur auf Bau- und Industrieland. So betreibt sie bis heute etwa Alterszentren in Zollikon, Uster und Pfäffikon. «Früher war man der Überzeugung, dass alte Menschen nicht mitten in der Stadt wohnen wollen, sondern es ihnen besser am Waldrand gefällt, wo sie ihre Ruhe haben», erklärt Rosann Waldvogel, Direktorin der Alterszentren Stadt Zürich.

Noch Mitte der 1940er-Jahre, als die Stadt das Altersheim Doldertal im Kreis 7 kaufte, habe sich der Stadtrat fast entschuldigt, dass man alten Menschen zumute, den Lebensabend in der Stadt zu verbringen.

Das änderte sich in den 70er-Jahren, als unter Stadträtin Emilie Lieberherr zahlreiche Alterszentren in der Stadt entstanden. «Der Wunsch der alten Menschen war eben gerade nicht, im Alter wegzuziehen, sie wollten vielmehr in ihrem angestammten Quartier bleiben», so Waldvogel. Die Tage der auswärtigen Alterszentren sind gezählt. Mittelfristig will die Stadt die Plätze in den Aussengemeinden durch solche in der Stadt ersetzen.

Zu den Ländereien der Stadt gehören auch Ferienheime in Charmey FR, Chexbres VD, Lavin GR, Valbella GR, Sonvico TI und Stabio TI. «Klassen- und Ferienlager bieten Kindern und Jugendlichen pädagogisch wie sozialpädagogisch einmalige Lernfelder», sagt Marc Caprez, Sprecher des Schul- und Sportdepartements. Deshalb werde man die Häuser behalten.

Einiges zum Grundbesitz ausserhalb der Stadt trägt das EWZ bei. Ihm gehören nicht nur mehrere Kraftwerke vorab im Kanton Graubünden, sondern auch Wohnliegenschaften. «Damit früher bei den Kraftwerksstandorten Mitarbeitende gewonnen werden konnten, mussten wir Wohnraum in der Nähe anbieten», sagt EWZ-Sprecher Harry Graf.

Heute bestehe der Bedarf an manchen Häusern nicht mehr, weshalb das EWZ Ende 2016 dem Stadtparlament einen Verkauf beantragte, den dieses knapp absegnete (siehe Co-Text). Auch die Wasserversorgung verfügt über ausserkantonalen Grundbesitz: die Sihl- und Lorzequellen im Kanton Zug.

Daten sollen öffentlich werden

Die Wohnliegenschaften der Stadt Zürich sind bereits seit einiger Zeit im Züriplan eingetragen. In Zukunft soll auch das städtische Grundeigentum ausserhalb der Stadtgrenzen öffentlich einsehbar sein. Andere Städte, wie zum Beispiel Bern, haben solche Liegenschaften im Finanzvermögen bereits im Internet publiziert. «Im Rahmen von Open Government Data prüfen wir, dies künftig auch zu tun», sagt Finanzdepartements-Sprecher Patrick Pons. Ein konkreter Publikationszeitpunkt steht allerdings noch nicht fest.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2018, 07:43 Uhr

Bodenpolitik

Kampf ums Tafelsilber

Bodenpolitik ist in Zürich ein heisses Eisen. Das zeigen die Querelen um das Stadion, den Kauf der Gammelhäuser oder den Verkauf eines Wohnhauses im Säuliamt. Jahrelang galt ein Konsens: Demnach sollten kleine Landstücke («Briefmarkenflächen») ausserhalb der Stadt zu einem guten Preis verkauft werden, dafür sollte die Stadt Land auf Stadtgebiet kaufen. Dieser Kompromiss ist brüchig geworden, das zeigt das Beispiel zweier Wohnhäuser des EWZ in Sils im Domleschg GR. Nur knapp stimmte der Gemeinderat Ende 2016 dem Verkauf an zwei regionale ­Gewerbebetriebe zu. SP und Grüne waren dagegen: Boden sei ein knappes Gut und dürfe nicht privatisiert werden. Die Bürgerlichen sagten Ja und warfen der SP Gewerbefeindlichkeit und städtische Arroganz vor. Das EWZ brauche diese Häuser nicht mehr, das lokale Gewerbe sehr wohl. GLP und CVP kritisierten, die städtische Wohnbaupolitik solle sich auf die Stadtgrenzen beschränken und nicht ins Domleschg exportiert werden. Die AL enthielt sich der Stimme – sie sei nicht überzeugt, «dass der Kampf um den Boden bis nach Sils ins Domleschg geführt werden muss».

Die Positionen haben sich seither nicht geändert. «Landbesitz ausserhalb der Stadt ist eine wichtige strategische Reserve, etwa für Tauschgeschäfte», sagt SP-Fraktionschef Davy Graf. Dieses Pfand dürfe man nicht leichtfertig aus der Hand geben. Allenfalls komme eine Abgabe im Baurecht infrage. Ähnlich äussert sich Grünen-Präsident Felix Moser. GLP-Fraktionschefin Isabel Garcia will vor allem, dass die Stadt ihr Land innerhalb der Stadtgrenze behält; wegen des Wachstums benötige sie Reserven für Infrastrukturbauten. Ausserhalb der Stadt müsse man von Fall zu Fall entscheiden. Auch die AL will «pragmatisch vorgehen», wie Fraktionschef Andreas Kirstein sagt. Ein Verkauf könne auch sinnvoll sein, etwa wenn es um gemeinnützigen Wohnungsbau gehe.

Die FDP verfolgt die Strategie, dass kleine Grundstücke ausserhalb der Stadt, die keine strategische Bedeutung haben, verkauft werden sollen. Die Stadt brauche diese Landreserven nicht, sagt Präsident Severin Pflüger. Zudem dürfe die Entwicklung umliegender Gemeinden nicht behindert werden, indem die Stadt dort Land hortet. Auch die SVP ist für den Verkauf auswärtiger Landreserven. Es sei nicht Aufgabe der Stadt, solche Grundstücke zu bewirtschaften, sagt Fraktionschef Roger Bartholdi.

Eine Kontroverse löste 2007 der Verkauf des Schlosses Oetlishausen TG aus. Die Stadt veräusserte es für 2,8 Millionen Franken an den damaligen Flughafenchef Josef Felder. Auch anderswo sorgt die Immobilienpolitik für Diskussionen. In Uster will eine Initiative der Grünen dem Stadtrat verbieten, städtisches Land zu verkaufen. Auf nationaler Ebene gibt es Kritik am Verkauf von öffentlichem Grund. Laut «SonntagsBlick» veräusserten SBB, Post, Swisscom, ETH, Ruag, Armee und das Bundesamt für Bauten und Logistik in den letzten zehn Jahren Boden und Immobilien im Wert von 2,7 Milliarden.

Martin Huber

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