Zum Menschen geworden

Sonita war 18, als ihre Mutter sie in Afghanistan zwangsverheiraten wollte. Aus Protest stellte sie einen Rapsong auf Youtube. Ein Treffen mit dem zarten Star des Films «Sonita».

«Ich will niemanden traurig stimmen – nur mitteilen, was in anderen Ländern geschieht», sagt Sonita. Foto: Sophie Stieger

«Ich will niemanden traurig stimmen – nur mitteilen, was in anderen Ländern geschieht», sagt Sonita. Foto: Sophie Stieger

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«Das bin ich», sagt Sonita und zeigt auf Rihanna. Sie nimmt ein Foto der Popgöttin – Sexpose auf der Bühne, rote Perückenmähne, irgendein superkurzes Teil – und klebt ihr eigenes Gesicht über das ihre. «Ein bisschen klein.» Aber es passt schon, man muss ja vom Überlebensgrossen träumen, solange man klein ist. Oder klein gemacht wird, so wie Sonita Alizadeh, in deren Zimmer es aussieht wie bei einem typischen Teenager, an der Wand hängt ein Justin-­Bieber-Poster, im Notizbuch kleben Starfotos.

Aber Sonita wurde 1996 in Afghanistan geboren, während des Bürgerkriegs und des Taliban-Terrors. Sie flüchtete nach Teheran, Iran, wo sie als illegale Immigrantin lebte, ein Popfan in einem Land, in dem es Frauen offiziell verboten ist, in der Öffentlichkeit zu singen. Die Mutter will Sonita in die Heimat zurückholen, sie möchte sie zwangsverheiraten, um ihrem Sohn mit den 9000 Dollar Brautgeld eine Frau zu kaufen.

Trailer zum Dok-Film «Sonita». Video: IDFA

Mit der überklebten Rihanna beginnt «Sonita», der Dokumentarfilm über das Leben der jungen Afghanin im Iran. Das Bild wird am Schluss gespiegelt, nun ist es Sonita, die vor Publikum auftritt. Dann wird ein Traum Realität. Dann hat ein Mädchen, dank der Selbstvergrösserung durch Fantasie, seine Umstände gesprengt. Und heute kommt Sonita vielleicht alles etwas sehr gross vor.

Zum Interview in Zürich fliegt die mittlerweile 19-Jährige direkt aus San Francisco ein, im Gespräch wirkt sie müde und zerbrechlich und hungrig dazu. Ein zartes Wesen, man will es gar nicht zu sehr belästigen. Jeden Satz beginnt Sonita mit einem bedachten «So ...». «So, it’s a bit strange.» Ihr neues Leben in den USA nämlich, wo sie heute dank einem Stipendium an die progressive Wasatch Academy in Utah gehen kann.

Dorthin wurde sie eingeladen, nachdem Sonita ein Musikvideo auf Youtube hochgeladen hatte. In «Daughters for Sale» klagt sie den afghanischen Brauch der Zwangsheirat an. Es ist der atemlose autobiografische Rap eines Mädchens, das seine Stimme erhebt, um als Mensch wahrgenommen zu werden. Eine Brandrede als Befreiungsschlag, im lyrischen Fluss des persischen Dialekts Afghanistans.

«Daughters for Sale» mit englischen Untertiteln.

Im Clip trägt Sonita einen Strichcode auf der Stirn, ihr zerschundenes Gesicht steckt im Brautschleier. Ein bisschen dick aufgetragen, ja, aber Subtilität muss man sich erst einmal leisten können. Sonita hatte diesen Luxus nicht. Die Zwangsehe in Afghanistan sei für viele Mädchen aus armen Familien eine Realität, sagt sie. «Sie erzählen alle dieselbe Geschichte wie ich.»

Publikumspreis beim Sundance

Sonita aber hat sie gerappt. Die iranische Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami stellte ihr für den Clip ihre Kamera zur Verfügung. Zuerst wollte sie den Alltag von Strassenkindern in Teheran zeigen, stiess dann aber auf das rappende Mädchen aus Afghanistan. Maghami filmte Sonita in einer Einrichtung für Sans-Papiers, wo sie in einer Rollenspielstunde, genannt «Psychodrama», auf erschütternde Art eine Begegnung mit den Taliban nachstellt.

Als die alte Mutter nach Teheran kommt, um Sonita mitzunehmen und zu verheiraten, tickt ein Countdown wie im Thriller – und die Regisseurin fragt sich, was es bringt, ein tristes Leben abzufilmen, wenn man es in der Hand hat, dieses Leben zu ändern. Sie zahlt der Mutter 2000 Dollar, dafür kriegt Sonita ein paar Monate Aufschub. In dieser Zeit dreht sie ihr Video.

«Farkhundeh». Videoa: Sonita Alizadeh

So nimmt jetzt der Dokumentarfilm «Sonita» eine Wendung, weil die künstlerische Beobachtung an ihr Ende kam und die bürgerliche Pflicht einsetzte. Was hätte es sonst gegeben, mit einem verkauften Kind? Vielleicht eine Problemstudie über Fremdbestimmung im archaischen Land, allenfalls ergänzt um etwas Milde gegenüber den Notwendigkeiten der Armut. Aber Kino wäre daraus nicht geworden, wenn man Kino als Anstalt der Hoffnung versteht. Und «Sonita» hätte am letzten Sundance-Festival kaum den Jury- und den Publikumspreis in der Dok-Sparte gewonnen.

Aber das hat der Film, und das ist er nun: ein Hindernislauf mit Happy End, die Geschichte einer gewonnenen Autonomie. «Manche drehen traurige Filme, weil sie die Realität zeigen», sagt Sonita. «Aber manchmal kann man eingreifen. Dann sorgt man sich nicht mehr um seinen Film, sondern um die Menschlichkeit.»

«Weil der Film mein Leben verändert, kann ich das Leben anderer Mädchen verändern.»Sonita

So kraftvoll klingt bei Sonita das Naive, so richtig das Eindeutige. Auch der Traum von Pop – das waren einfach Vorstellungen von Selbstbestimmung, Bilder, die sie «im Kopf» hatte. Weil sie daran glaubte und sich äusserte, wurden sie wirklich. «Ich wusste, dass ich eines Tages ein Mensch sein werde.» Nur dass es so rasch gehen würde, ahnte sie nicht. «Ich wollte halt über Dinge rappen, die in der Welt geschehen.» Und in eine richtige Schule gehen, weil das viele afghanische Mädchen nicht können. Jetzt, als Schülerin in den USA, engagiert sie sich gegen Kinderehen und nimmt aus Afghanistan Tipps entgegen, worüber sie rappen soll. Da weicht auch ihre Kunst allmählich der Bürgerpflicht: «Weil der Film mein Leben verändert hat, kann ich nun das Leben anderer Mädchen verändern.»

Den Rap nutzt sie als Träger für ihre Botschaften. Viel gelernt habe sie von Eminem, dessen Texte sie nicht verstand, aber der so viele Wörter in einen Satz packen konnte, viel mehr als in einen Popsong, da «passten einfach nicht genug Wörter hinein für das, was ich sagen wollte». Sie studierte seinen hochtourigen Flow und macht nun eine Art von sozialkritischem «conscious rap» – nach dem Vorbild des amerikanischen Hip-Hop, der im Westen längst Mainstream geworden ist und dafür an anderen Orten erst ankommt, als Globalsprache für die Sprachlosen.

«Ich sollte Ruhe geben»

«In den USA schreiben Rapper Lieder über ihre Girlfriends, und viele hören nur diese frohen Songs. Ich will niemanden traurig stimmen, ich will nur mitteilen, was in anderen Ländern geschieht.» Rap sei ein Weg, die Wahrheit zu sagen. In Afghanistan dagegen lebe man noch in der «Welt der alten Ideen», die Jugend aber höre dort auch Rap, und wenn man einen Song aufdrehen würde, sei die Familie im Haus gezwungen zuzuhören.

Ihre eigene Familie habe den Film noch nicht gesehen, aber sie zeige inzwischen ein gewisses Verständnis für die rappende Tochter. «Anfangs sagte meine Familie, es sei nicht gut, ein Mädchen aus Afghanistan solle Ruhe geben und Ja sagen. Dann hat sie mein Video gesehen. Meine Mutter war nicht überglücklich, aber sie sagte nicht, dass ich etwas Schreckliches getan habe.» Unterdessen hat Sonita einen Song über eine Frau aufgenommen, die in Kabul ermordet wurde. Und ihre Familie habe gelernt, dass auch die Tochter «Macht» habe.

Als die alte Mutter kommt, um Sonita mitzunehmen, wird aus dem Dokumentarfilm ein Thriller.

Das Notizbuch, in das sie ihre Träume leimt, hat sie noch immer. Sie nennt es ihr «dreamsbook», es sei voll wie nie. Dieses Jahr will sie eine Organisation gründen, um mit Eltern und Religionsführern in Afghanistan ins Gespräch zu kommen. Am liebsten will sie jetzt eigentlich Anwältin für Frauenrechte werden. Und anderen Mädchen helfen, eine «Vision» ihrer Zukunft zu entwickeln. Damit aus dem Abziehbild ein Bild wird. Und dann ein Vorbild.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2016, 15:45 Uhr

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«Dokhtar Forooshi», das Original.

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