Der rätselhafte Herr Supino

Clan-Chef, Multimillionär, Enthusiast aus Pflicht und Neigung – das ist der VR-Präsident des Medienkonzerns Tamedia. Eine Annäherung.

«Der Mensch ist auch sich selbst ein Rätsel.» Pietro Supino kann sich selbst nicht ganz ergründen.

«Der Mensch ist auch sich selbst ein Rätsel.» Pietro Supino kann sich selbst nicht ganz ergründen. Bild: Keystone

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Da war dieser Handschlag, vor dem mich mehrere Leute warnten. Handschlag, von einem respektablen Verleger in adretten italienischen Anzügen? Wird es tatsächlich zu dieser kumpelhaften Geste kommen? Einer sagte, die Hand werde regelrecht «verquetscht». Ich musste mich also in Acht nehmen.

Erst einmal wartete ich im Tamedia-Gebäude, bis etwas entgegenstrahlte und mit federndem Gang auf mich zukam: Pietro Supino. «Grüezi …» Supino holt mit der Rechten aus und drückt, nun ja, vielleicht ein bisschen stärker, ein bisschen bewusster zu. Die Leute übertreiben. Man könnte sagen, er kompensiere mit diesem Händedruck seine schmächtige Gestalt, die selbst in den massgeschneiderten Anzügen irgendwie verloren wirkt. Es wäre vielleicht billige Hauspsychologie.

Pietro Paolo Supino (48) ist der mächtigste Mann in der Schweizer Medienlandschaft: Urenkel von Otto Coninx- Girardet, des Gründers von Tamedia, Verwaltungsratspräsident von Tamedia, Vorstand des Coninx- Clans, dessen Vermögen die «Bilanz» auf 1,75 Milliarden Franken schätzt. Sein Grossvater hiess Werner Coninx. Dessen Freund Max Frisch schrieb über ihn: «Eigentlich habe ich mich an meinen Erzeugnissen immer nur freuen können, indem ich W. vergessen habe.» Werner Coninx finanzierte Frischs Architekturstudium, vermachte ihm seine englischen Massanzüge und ein lebenslanges Gefühl der Minderwertigkeit. Ansonsten sammelte er Kunst. Er war ein Intellektueller ohne Werk. Sein ziviles Leben kam nie in bürgerliche Bahnen. Pietro Supino gehört also zum Stamm Werner.

Hächlers Turnhalle

Wir setzen uns in einen Raum mit einer gewaltigen Polstergruppe und genug Platz, um eine beliebige Gruppensportart einigermassen regulär auszutragen. Es ist das Büro von Pietro Supino. Er nennt es «Turnhalle» und mit Unterton «eine durchaus nachhaltige Investition». Tatsächlich hat es einen gewissen musealen Charakter, denn hier ist der Geschmack von 1990 konserviert. Der Raum entsprach den Bedürfnissen des damaligen Tamedia-Managers Heinrich Hächler, der zusammen mit dem Attribut «napoleonisch» durch die Firmengeschichte geistert. Selbst der Schreibtisch ist noch ein originaler Hächler.

Supinos Mutter, Rena Coninx Supino, wuchs ausserhalb des Coninx-Clans bei einer Pflegemutter im Engadin auf. Irgendwann heiratet sie einen Ugo Supino. Als Antifaschist und Partisan suchte der Italiener während des Zweiten Weltkriegs Asyl in der Schweiz. Internierung in Huttwil, später Studium der Politikwissenschaft in Genf. Er arbeitete für Pirelli, für Alfa Romeo. Kein Manager, sondern eher ein Intellektueller, «auf Italienisch gesagt, war mein Vater ein ‹dirigente›».

Pietro Supino wuchs in Mailand auf, bis er sechs Jahre alt war. Im Herzen 
sei er auch Italiener geblieben. Seine Eltern trennten sich, und er kam in die Schweiz. Keine einfache Zeit sei das gewesen für ein italienisches Kind. Hakt man nach, spricht er von einer «gewissen Fremdenfeindlichkeit». Beklagen will er sich nicht.

Einfache Verhältnisse

Es waren einfache Verhältnisse in Zürich, ohne Berührungspunkte zum Coninx-Clan. Die Mutter hatte kein eigenes Vermögen, der Vater zahlte die bescheidenen Alimente für ihn und seine Schwester. «Meine Mutter hat im Wohnzimmer geschlafen. Es war nicht so, dass wir unter irgendeinem Mangel gelitten hätten. Meine Mutter war wunderbar, und ich hatte eine glückliche Kindheit.» Im Hintergrund sei natürlich irgendeine Sicherheit gewesen. Als kleines Kind beschäftige man sich aber nicht mit solchen Fragen. Rena Coninx kämpfte lange vergebens um die Anerkennung in der Familie. Der Clan wollte sie nicht im Verwaltungsrat haben. Heinrich Hächler bezeichnete sie als «Torpedoboot». Niemand hatte auf sie gewartet.

Schulen in Zürich, Internatszeit in Samedan und Zuoz, Ferien beim Vater in Rom. Dann Studium der Rechtswissenschaften in St. Gallen. Es war 1991, als Pietro Supino im Rahmen eines neuen Familienvertrages in den Verwaltungsrat gewählt wurde. Mit 26 Jahren war er zwar der jüngste Anwalt im Kanton Zürich, aber für den Verwaltungsrat doch ein absolutes «Greenhorn», wie auch Supino einräumt.

Der Mentor

Charles von Graffenried, Bankier und Verleger aus Bern, hatte als Mediator in der zerstrittenen Familie Coninx gewirkt und Supino in die Familie eingemeindet. Mit dem Unternehmen habe er sich damals nicht speziell verbunden gefühlt, sagt Supino, er sei vielmehr «so fast aus einer oppositionellen Sichtweise dazugestossen». Von Graffenried muss für ihn eine Art Vater gewesen sein. 2012 starb der Patrizier aus Bern, der zuletzt wie eine Figur aus einer vergangenen Epoche wirkte. 2007 verkaufte er seine Espace Media Groupe (unter anderem «Bund» und «Berner Zeitung») an Tamedia. Supino sagt, er habe ihm viel zu verdanken.

Die Stimmung in der Familie war damals, will man dem wortstarken Hächler glauben, denkbar schlecht: «Man redet nicht wirklich miteinander in dieser Familie Coninx. Küsschen hier, Küsschen da! ‹Sali, wie geits›, ohne eine Antwort abzuwarten, und jeder hat den Dolch im Gewande.» «Das sind Klischees», winkt Supino ab, «aber wir sind natürlich auch keine Heiligen.» Die Beziehungen hätten sich in den Jahren darauf verbessert. Der Börsengang im Jahr 2000, den Supino initiierte, habe viel dazu beigetragen. Entgegen Befürchtungen führte er nicht zu einer Entfremdung, sondern zu einer Annäherung der Familienmitglieder. Der Clan garnierte geschätzte 750 Millionen Franken aus dem Börsengang. Die meisten, so Supino, hätten das Geld «konservativ» angelegt. «Das gibt 
Sicherheit und wirkte auch positiv auf die menschlichen Beziehungen.»

Proteste aus der Redaktion

Supino führt das Unternehmen in fünfter Generation. Er sagt: «Unser Angebot und unsere Situation waren noch nie so gut wie heute.» Es ist kein Zynismus. Er sieht das Unternehmen in historischer Perspektive, über 120 Jahre. All diese Jahre hatten «die Buddenbrooks von der Werdstrasse» – erfolgreich – überdauert. Das jüngste Protestschreiben der «Tages-Anzeiger»-Mitarbeiter an ihren Verleger ist da lediglich eine Fussnote in der Firmengeschichte. Supino nimmt die Fussnote ernst, aber nicht zu ernst. Das Konvergenzprojekt, die Zusammenlegung der Redaktion für Print und Online, könne gut noch vier weitere solche Briefe nach sich ziehen, meint er. Der Druck auf die Journalisten nehme zu, der Freiheitsgrad nehme ab. Das könne keine Diskussion aus der Welt schaffen. «Im Brief werden aber auch Themen angesprochen, die hinten und vorne nichts mit der Konvergenz zu tun haben, beispielsweise die alte Leier über übermässige Renditevorstellungen oder dass zu viel in Akquisitionen investiert werde, welche dem traditionellen Geschäft nichts bringen.» Das seien «eher klassenkämpferische Ansätze und ungerechte Schuldzuweisungen». Sie würden in dieser Diskussion nicht weiterhelfen. Später sagt er, Veränderungen seien einfach eine Realität, sich zu beklagen, bringe nichts. Dann unterbricht er sich selbst: «Das ist aus meiner Warte natürlich leicht gesagt: Ich hocke da in dieser Turnhalle, die Heinrich Hächler hinterlassen hat, und kann mir gute Sprüche ausdenken.» 2007 übernahm Supino das VR-Präsidium von Onkel «Hans- Heiri». Wie lange will er dieses Amt eigentlich führen? «Hey, ich habe erst grad angefangen! Mein Vorgänger hat das für eine Ewigkeit gemacht, da gibt es keine Grenzen.» Es heisst, dass man seinen Urgrossvater Otto auf der Bahre aus dem Büro tragen musste. Ein denkbares Szenario auch für seinen Urenkel. Sein Blut ist Werner, sein Arbeitsethos aber eher Otto. Seine Arbeit sei ein «Riesenprivileg» und «wahnsinnig interessant», gleichzeitig spricht er von der Verantwortung: «Jemand aus der Familie sollte diese Funktion wahrnehmen.» Er sage dies mit Freude.

Den Stolz, den er fühlt, gibt es nur als Pfand für den Druck, der auf seinen Schultern lastet. Supino mäandriert im Stile eines betriebswirtschaftlichen 
Michel de Montaigne durch seine Gedanken: «Man sollte nicht grundlos Optimismus verbreiten. Ich hoffe, dass mein Optimismus nachvollziehbar ist. Was wahr ist, ich betrachte es als Teil meiner Arbeit, zuversichtlich und stolz zu sein. Stellen Sie sich einmal das Gegenteil vor.»

Sapore di mare

Rein optisch passe Supino nicht in diese Familie, sagt mir ein Manager am Telefon. Auf Familienfotos steche er aus dem Bild wie ein Latino in der deutschen Luftwaffe. Er kam als Fremder in die Schweiz, in diese Familie, in dieses Unternehmen und schaffte den Durchbruch. Supino verhehlt nicht, dass ihn diese Geschichte mit Genugtuung erfüllt. Plötzlich wird das Gespräch von schallender Musik unterbrochen: «Sapore di sale, sapore di mare …» (Geschmack nach Salz, Geschmack nach Meer). Die italienische Schnulze dröhnt durch Supinos Handy. Es ist, als ginge für einen kurzen Augenblick ein Fenster auf mit überraschendem Ausblick. Amusement, Genuss, Leichtigkeit scheint möglich. In Italien soll er eine grosse Jacht haben. Natürlich empfindet Supino den Vorfall als Indiskretion. Er wird verlegen, entschuldigt sich – seine Frau. Nur sie habe seine Nummer, sagt der Sammler italienischer Canzoni. «Sapore di sale» ist sein Lieblingslied.

Supino ist ein rätselhafter Mann. Da ist die Familie, die zu Diskretion verpflichtet, da ist das börsenkotierte Unternehmen, das zum Schweigen rät, und da ist vor allem Supinos persönliche Skepsis vor Geschichten, vor «Narratives», die nichts anderes als Märchen seien. «Es gibt kein Schwarz oder Weiss», sagt er. Oder: «Der Mensch ist auch sich selbst ein Rätsel.» Er sei vorsichtig, weil die Bilder, die wir uns machen, nicht der Realität entsprechen würden. Einen Verleger mit einem stärkeren Unbehagen gegenüber der Information kann man sich nicht vorstellen. Einst wollte er beim «Tages-Anzeiger» eine strikte Trennung von Kommentar und Bericht einführen. Mein Text muss ihm ein Gräuel sein.

Die grosse Privatsphäre

Wiederholt beklagt sich Supino scherzend, das Gespräch sei wie eine Psychoanalyse. Bei unserem zweiten Treffen deutet er auf eine Liege im Büro: «Soll ich gleich Platz nehmen?» Er ist heiter und das Plaudern macht dem Mann, der laut «Bilanz» den Smalltalk hasst, Spass. Trotzdem: maximal zwei Interviews pro Jahr! Manchmal stelle ich Kinderfragen, wie «Warum gehen Sie nicht gerne ins Kino?» – «Wer sind Ihre Freunde?» Gerade diese scheinen ihn am nachdenklichsten zu machen, gerade diese möchte er in diesem Porträt nicht behandelt haben. Niemand soll wissen, ob er im Heimkino Popcorn isst oder nicht, ob er auf dem Heimweg auf den Zürichberg ein Puch-Töffli oder einen Bentley fährt. Zum einen ist dies alles privat, zum anderen könnten sich Menschen einen falschen Reim darauf machen. Denn Supino denkt, dass er ein anderer ist, als alle denken und denken könnten, und er denkt, dass er ein anderer ist, als er selbst denkt. Kurz: Supino ist eine hochkomplexe Materie. Auch für ein Porträt.

Ich glaube, er würde gerne Klartext sprechen, aber da macht sein Kopf nicht mit. So redet er in Abstrakta, Schachtelsätzen, mit allerlei Relativierungen. Ein Hauptsatz ist ihm zu wenig für die Wirklichkeit. Er sagt Dinge wie: «Was im Rückblick bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Fragen des materiellen Wohlergehens und die Frage des Glücklichseins teilweise sicher einen Zusammenhang haben, aber in ganz vieler Hinsicht auch unabhängig voneinander sind.» Wie er ansetzte, wollte er sagen: «Das Glück hängt nicht vom Geld ab.» Aber das geht nicht. Er müsste sich verbiegen, bis zur Kenntlichkeit oder Unkenntlichkeit, vielleicht.

Werner Catrina, Roger Blum, Toni Lienhard: «Medien zwischen Geld und Geist – 100 Jahre Tages-Anzeiger». Werd Verlag, Zürich 1993. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.02.2014, 13:11 Uhr

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Pietro Paolo Supino (48) ist der Urenkel von Otto Coninx-Girardet, des Firmengründers der heutigen Tamedia AG. Supinos Familienzweig hält 13,2 Prozent des Aktienkapitals. Seit 2007 ist er VR-Präsident von Tamedia. Supino ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger, verheiratet mit einer italienisch-stämmigen Frau und Vater zweier Kinder im Schulalter. Er studierte Jus in St. Gallen, machte das Anwaltspatent und doktorierte zum Thema «Trusts». Unter anderem arbeitete er für die Zürcher Anwaltskanzlei Bär & Karrer und das Beratungsunternehmen McKinsey. 1999 gründete er eine Privatbank, aus der er mittlerweile ausgestiegen ist. Seit diesem Jahr sitzt er auch im Beirat der RCS MediaGroup (der Herausgeberin des «Corriera della Sera») und knüpft so auch beruflich an Italien an. ben

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