«Eine Belohnung von Glück lässt sich nicht wirklich rechtfertigen»

Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman erläutert, wieso gerade an der Wallstreet der Druck zur Selbstüberschätzung besonders hoch ist – und wie Politiker geschickt, aber ohne Zwang regieren können.

Nicht völlig rational: Oft machen wir extreme Voraussagen auf der Basis von sehr wenig Informationen, sagt Daniel Kahneman.

Nicht völlig rational: Oft machen wir extreme Voraussagen auf der Basis von sehr wenig Informationen, sagt Daniel Kahneman. Bild: Nicole Pont

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Herr Kahneman, Sie haben als Psychologe in Ihren Studien gezeigt, dass Menschen viel weniger rational handeln, als dass die Ökonomie annimmt. Haben Sie in den Wirtschaftswissenschaften ein Umdenken bewirkt?
Die Ideen waren eine Herausforderung. Aber die Ökonomen sind toleranter gegenüber unseren Ansätzen geworden. Zu Beginn wurde unsere Arbeit ja weitherum abgelehnt. Es herrschte die Meinung, Psychologie sei nicht wirklich relevant in der Ökonomie. Das hat sich geändert. Aber es dominiert weiterhin die herkömmliche Form von Rationalität. Nicht zuletzt weil es einfach praktischer ist.

Was sagen jene Ökonomen, die Ihren Erkenntnissen gegenüber offen sind?
Es gibt heute innerhalb der Ökonomie eine Bewegung, die sich Verhaltensökonomie nennt. Diese wird von meinem besten noch lebenden Freund Richard Thaler angeführt. Er hat kürzlich in einem Buch beschrieben, wie sich diese Ideen auf die Wirtschaftspolitik auswirken, etwa in den USA oder in Grossbritannien.

Und welche Implikationen hat es für die Politik, ob die Bürger völlig rational handeln oder eben nicht?
Wenn man davon ausgeht, dass Menschen völlig rational sind, wie das etwa die Ökonomen der Chicagoer Schule tun, hat das wichtige Konsequenzen auf die Gesetzgebung. Zentral ist: Sie müssen in einer solchen Welt als Regierung die Leute nicht gegen die Folgen ihrer eigenen Entscheidungen schützen, weil die Menschen ja automatisch das tun, was für sie am besten ist.

Zum Beispiel?
In der Chicagoer Schule ist die Idee der öffentlichen Altersvorsorge nicht gerechtfertigt. Denn vernünftige Leute werden ja wohl etwas sparen fürs Alter. Aber sobald man davon ausgeht, dass die Menschen eben nicht komplett rational handeln, wird man auch nicht mehr annehmen, dass die Leute die besten Entscheidungen treffen.

Was muss der Staat dann tun?
Er muss ein Umfeld schaffen, das einerseits die persönliche Freiheit gewährleistet und das andererseits die Leute dazu bringt, Entscheide zu treffen, die sie später nicht bereuen.

Und wie schafft er das?
Zum Beispiel dadurch, dass gewisse Entscheidungen für die Bürger vorgespurt werden. Aus der Verhaltensökonomie ist bekannt, dass Leute, wenn sie die Wahl haben, in den meisten Fällen die vorgegebene Grundeinstellung («default option») wählen. Zum Beispiel wenn es um Organspenden geht. Ist die Organentnahme grundsätzlich erlaubt, ist die Spenderquote drastisch höher, als wenn sie grundsätzlich nicht erlaubt ist und sich willige Spender aktiv als solche deklarieren müssen mit einem Ausweis. Hier muss die Politik die Grundeinstellung so konstruieren, dass die Leute ohne gross zu überlegen die optimale Lösung wählen.

Laufen diese Ideen nicht auf eine Bevormundung des Individuums hinaus?
Natürlich zielte die Kritik an unseren Erkenntnissen auch darauf ab. Eine andere Kritik ist es, dass die Regierung und die Beamten ja auch nicht vollkommen rational sind – warum sollten wir ihnen also vertrauen?

Ja, warum sollten wir?
Wir wissen, dass in der Regel jemand, der uns einen Rat gibt, eine bessere Entscheidung trifft, als wir es selbst tun. Denn solche Ratgeber – das kann ein Freund sein oder eben ein Politiker – können die Sachen objektiver betrachten. Denken Sie an das Beispiel der «informed consent» in der Medizin, also wenn Leute etwa einer Amputation zustimmen müssen und im Vorfeld darüber informiert werden. Seien wir ehrlich, auch wenn sie die Informationen haben: In der Realität haben die Leute keine Ahnung, was da auf sie zukommt.

Es ist doch gefährlich zu sagen, Aussenstehende treffen bessere Entscheide als die Person selber. Damit kann man ja jede Diktatur rechtfertigen.
Selbstverständlich kann das missbraucht werden. Was ich aber sage, ist nicht, dass alle Ratgeber immer die besten Entscheidungen treffen. Sondern ich sage, sie haben das Potenzial, das zu tun, weil sie mehr Informationen haben. Und ja, natürlich will man ein System, in dem die Leute auch die Freiheit haben, Fehler zu machen. Diese Balance zu finden, ist schwierig. In China sagt der Staat, wie viele Kinder Sie haben dürfen, aber es gibt keine Helmpflicht auf dem Motorrad. In anderen Ländern ist es gerade umgekehrt.

Nicht nur Politiker müssen Entscheide treffen, auch Manager. Was haben Sie über deren Psychologie gelernt?
Ein sehr wichtiger Aspekt ist das Vertrauen, das Leute in ihre eigenen Entscheidungen haben. Die traditionelle Sichtweise war es, dass Leute aufgrund vorliegender Beweise entscheiden. Wenn ich in meinem Buch recht habe, ist dieses Selbstvertrauen aber eher ein Gefühl.

Ein Gefühl?
Ja, ein Gefühl, das von der Geschichte abhängt, die sich die Person selber ­erzählt. Das Problem ist: Man kann sich selber auch mit sehr wenig und schlechten Informationen eine in sich stimmige Geschichte erzählen. Wir basteln uns die bestmögliche ­Geschichte aus den vorhandenen ­Informationen. Wir machen alle immer wieder extreme Voraussagen auf der Basis von sehr wenig Informationen.

Das gilt nicht zuletzt für die Voraus­sagen an den Finanzmärkten …
Ich bin kein Ökonom und gebe auch nicht vor, einer zu sein. Aber ja, der soziale Druck zur Selbstüberschätzung ist gerade dort enorm. In einer Befragung von Finanzchefs, wo sie innerhalb eines Jahres den S&P-Aktienindex sehen, lagen die meisten falsch. Aufgrund der verfügbaren Daten hätten die Befragten im Prinzip sagen müssen, der Index werde mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen minus zehn Prozent und plus 30 Prozent ab- beziehungsweise zunehmen. Oder dann gleich: «Ich habe keine Ahnung.» Aber das sagt niemand.

Damit stellt sich auch die Frage, ob die hohen Löhne an der Wallstreet gerechtfertigt sind.
Wir haben tatsächlich sehr hohe Löhne in jenen Branchen gesehen, in denen die Jahresperformance stark vom Glück abhängt. Das gilt besonders für die Finanzbranche und besonders für kurzfristig ausgerichtete Boni. Aber eine Belohnung von Glück lässt sich nicht wirklich rechtfertigen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.04.2013, 11:28 Uhr

Der Mann, der den Homo oeconomicus widerlegte

Eine Kindheitserinnerung hat Daniel Kahneman, geboren 1934 in Tel Aviv, für sein Leben geprägt: Anfang der 40er-Jahre lebte er mit seinen Eltern im von Nazi-Deutschland besetzen Paris. Eines Abends war er bereits nach der für Juden verhängten Sperrstunde auf dem Weg nach Hause. Er hatte seinen Pullover umgedreht, um den aufgenähten Davidstern zu verbergen. Auf einmal stand vor ihm ein Mann in schwarzer SS-Uniform, jene Uniform, vor der ihm eingebläut wurde, sie zu fürchten. Der junge Kahneman war starr vor Angst.

Doch der Soldat, der den Jungen sofort bemerkt hatte, hob diesen hoch und umarmte ihn. Der SS-Mann sprach emotional aufgewühlt einige Worte auf Deutsch zu dem Buben, öffnete sein Portemonnaie, zeigte ihm das Foto eines kleinen Jungen, gab ihm etwas Geld und liess ihn weitergehen. «Ich ging nach Hause», schrieb Kahneman später, «sicherer als je zuvor darüber, dass meine Mutter Recht hatte: Menschen sind endlos kompliziert und interessant.»

Unter anderem dieses einschneidende Erlebnis liess Daniel Kahneman, der mit seiner Familie den Zweiten Weltkrieg als Flüchtling in Frankreich überlebte, später an der Hebräischen Universität Jerusalem Psychologie studieren. Nach Arbeiten für das Israelische Verteidigungsministerium ging er 1958 in die USA und machte an der Universität von Kalifornien, Berkeley, seinen Doktor.

Als Professor lehrte und forschte er darauf an seiner Alma Mater in Jerusalem, an der Universität von Michigan, in Cambridge und Harvard. Ende der 60er-Jahre begann die kongeniale und ungewöhnlich lange Zusammenarbeit mit seinem 1996 verstorbenen Kollegen Amos Tversky. Zusammen entwickelten sie die «Prospect Theory», im Deutschen auch «Neue Erwartungstheorie» genannt. Durch empirische Studien zeigten sie, dass Menschen ihre Entscheidungen nicht wie von der Wirtschaftstheorie angenommen perfekt rational mit Blick auf die erwarteten Ergebnisse fällen. Vielmehr sind Menschen bei ihren Entscheidungen gewissen Handlungsmustern (Heuristik) und geistigen Verzerrungen (Bias) unterworfen, die irrationales Verhalten verursachen und optimale Ergebnisse verhindern.

Das Bild des Homo oeconomicus geriet ins Wanken und der zur gleichen Zeit dominanten Chicagoer Schule unter Milton Friedman war ein Gegenpart erwachsen. Diese Lehre gewann aber erst in den 90er- und 2000er-Jahren in der Wirtschaftswissenschaft unter der Bezeichnung «behavioral economics» (Verhaltensökonomie) an Bedeutung.

Dafür erhielt Daniel Kahneman, als Nicht-Ökonom und ohne als Student je eine Wirtschaftsvorlesung besucht zu haben, 2002 zusammen mit Vernon Smith den Wirtschaftsnobelpreis. Mit Smith hat er jedoch keinen Kontakt. «Er ist ein sehr radikaler, rationaler Theoretiker – und ich nicht. Wir haben also nicht viel gemeinsam», sagt Kahneman.

Doch nicht nur die «prospect theory» gehörte zu seinen Forschungsschwerpunkten. 2012 erschien Kahnemans Buch «Schnelles Denken, langsames Denken», in welchem er die Ergebnisse eines gesamten Akademikerlebens populärwissenschaftlich niederschrieb. (Valentin Ade)

Daniel Kahneman: Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag, München 2012. 621 Seiten, 37.90 Franken.

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