Steile Karriere, durchzogene Bilanz

Joe Jimenez hat heute Mittwoch nach acht Jahren an der Spitze von Novartis seinen letzten Arbeitstag.

Das Unternehmen neu positionieren: Joe Jimenez präsentiert sich an der GV vom 26. Februar 2010 zum ersten Mal den Novartis-Aktionären.

Das Unternehmen neu positionieren: Joe Jimenez präsentiert sich an der GV vom 26. Februar 2010 zum ersten Mal den Novartis-Aktionären. Bild: Roland Schmid

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«You are crazy» – «Du bist verrückt», antwortete Joe Jimenez, als Daniel Vasella ihn fragte, ob er bereit sei, von ihm das Mandat als Novartis-CEO zu übernehmen. Das war Anfang 2010, Jimenez damals 50-jährig. Sein Weg an die Spitze eines der grössten Pharmakonzerne der Welt war un­gewöhnlich. An der Elite-Universität Stanford hatte der Kalifornier mit spanischen Wurzeln als Wettkampfschwim­mer ein Stipendium erhalten. Den MBA-Abschluss holte er an der University of California in Berkeley. Danach startete er bei Clorox eine Marketingkarriere. Bereits sein Vater hatte im Verkauf für den Bleichmittelhersteller gearbeitet. Joe wechselte in den späten 90er-Jahren zum Lebensmittel-Konzern Heinz, wo er sowohl das Geschäft in Europa als auch jenes in Nordamerika leitete.

Konsumgüter-Spezialist Jimenez hatte seine «Pharma-Weihen» dem ehemaligen ABB-Dirigenten Percy Barnevik zu verdanken. Dieser holte ihn 2002 in den Verwaltungsrat des britischen Pharmakonzerns Astra Zeneca. Erst dort habe er realisiert, gab Jimenez später zu Protokoll, «was für eine unglaubliche Industrie» das Pharma-Business darstelle. 2007 schaffte er via Headhunter den Sprung in die Novartis-Führung – als neuer Leiter der Division Consumer Health mit rezeptfreien Produkten (OTC). Nur ein halbes Jahr später beerbte er den gleichaltrigen Pharmachef von Novartis, Thomas Ebeling.

Schnell Pharmachef geworden

«Moves» dieser Art resultieren immer aus speziellen Umständen: Ebeling, auch er ursprünglich ein Konsumgüter-Mann (Reemtsma, Pepsi), war seit 1997 bei Novartis an Bord und hatte sich Meriten geholt. Doch 2007 musste der Deutsche nach mehreren Rückschlägen mit neuen Medikamenten – zuletzt mit dem Diabetes-Präparat Galvus – über die Klinge springen. Ebeling willigte in die Divisions-Rochade mit Jimenez ein und verliess das Haus im folgenden Jahr.

«Mister Novartis», Dan Vasella, war 2010 bereit, sein langjähriges Doppelmandat als CEO (seit 1996) und Verwaltungsratspräsident (seit 1999) aufzugeben, um noch zwei Jahre lang das Aufsichtsgremium zu präsidieren. Zur Überraschung vieler machte Jimenez auch diesmal das Rennen. Der Verwaltungsrat gab ihm den Vorzug gegenüber dem weit erfahreneren Novartis-Kadermann, dem Pharmazeuten Jörg Reinhardt. Dieser kehrte Novartis sogleich den Rücken; 2012 sollte er als neuer Präsident des Verwaltungsrats auf den Basler Campus zurückkehren. Vasella meinte damals zu Jimenez, was die Firma aktuell brauche, sei kein Arzt, sondern jemanden, der sich mit der Pharmaindustrie auseinandersetze und Lösungen im Hinblick auf die künftige Positionierung des Unternehmens finde.

Der Generationenwechsel

Zeitsprung. Morgen, am 1. Februar 2018, gibt Jimenez die Verantwortung des CEO ab und leitet damit einen Generationenwechsel ein: Mit Vasant (Vas) Narasimhan übernimmt erneut ein Amerikaner den Lead, diesmal einer mit indischen Wurzeln. Narasimhan ist Mediziner und arbeitet seit 2005 für Novartis, zuletzt als Pharma-Entwicklungschef. Mit 41 Jahren ist er der jüngste der bisher drei Novartis-Chefs. Er ist der nächste Hoffnungsträger. Obwohl offiziell noch nicht «in charge», repräsentierte er Novartis vergangene Woche in der von US-Präsident Trump eingeladenen hochkarätigen Konzernchefrunde am WEF in Davos.

Firmenwert klar gestiegen

Ein «Good luck» erhielt Vas von seinem Vorgänger Jimenez im Rahmen der jüngsten Bilanzmedienkonferenz mit auf den Weg. Jimenez zeigte sich all die Jahre als effizienzorientierter, disziplinierter und stark imagebedachter Manager. Wie fällt die Bilanz des zweiten Novartis-Chefs aus? Resultatmässig ist das Bild recht solid: Der Unternehmenswert ist innert acht Jahren um 53 Prozent auf 229 Milliarden Franken gestiegen. Zum Vergleich: Der Swiss Market Index legte 47 Prozent zu, der Genussschein von Roche verteuerte sich um 29 Prozent. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung wurden über dem Branchenschnitt gehalten. Die Reingewinne sprudelten, die Dividende wurde stetig leicht erhöht, Management und Verwaltungsräte weiterhin fürstlich entlöhnt.

Die organische Umsatzentwicklung ist ab 2012 bescheiden ausgefallen. Dabei muss man in Rechnung stellen, dass es Jimenez’ Team war, das mit den Folgen des Ablaufs wichtiger Patentrechte konfrontiert wurde. Novartis selber hatte ursprünglich für 2013 bis 2015 eine Wachstumsbeschleunigung in Aussicht gestellt und mehr neue Milliarden-Medikamente («Blockbuster») versprochen, als tatsächlich geliefert wurden. Jetzt wird dem scheidenden CEO gutgeschrieben, «die Basis für eine starke Zukunft gelegt» zu haben. Ob Wunschdenken in dieser Qualifikation steckt, wird sich erst in ein, zwei Jahren zeigen. Der herausragende strategische «Move» in Jimenez’ Ära betrifft den Konzernumbau ab 2014 mit der Fokussierung auf noch drei globale Divisionen: Pharmazeutika, Sandoz (Generika) und Alcon (Augenheilkunde). Freilich: Die Nagelprobe für die Richtigkeit dieses Wegs steht noch aus. Weder Sandoz noch Alcon haben sich bisher als veritable Wachstumsplattformen erwiesen.

Das Fragezeichen Alcon

Die Division Alcon, spezialisiert auf Kontaktlinsen und augenchirurgische Instrumente, ist die potenziell teuerste Baustelle, die Jimenez zurücklässt. Noch Vasella hatte den 50 Milliarden Dollar teuren Deal mit Nestlé eingefädelt. Der Entscheid, die Option zur Vollübernahme einzulösen, fiel 2011. Jener finanzielle Kraftakt wurde bisher nicht ansatzweise gerechtfertigt. Offizielle Lesart: Die nötige Reorganisation wurde viel zu spät gestartet. Die inoffizielle Deutung: Die Integration von Alcon in das Novartis-Gefüge erfolgte viel zu starr und schadete der Kultur. Fakt ist, dass es entgegen früheren Ankündigungen bis Mitte 2019 dauern könnte, bis über Alcons Zukunft Klarheit herrscht.

Joe Jimenez wird sein privates Domizil aus dem Baselbiet in seine Heimat, nach Kalifornien, zurückverschieben. Wo er beruflich angeheuert hat, wollte er bisher nicht preisgeben. In seiner letzten Neujahrsbotschaft per Social Media plädierte er noch einmal für «Reskilling», für stetes Lernen, auch im Job. Zumindest als Privatmann wird Jimenez Europa nicht den Rücken kehren: In Spanien hat er jenes Haus erworben, das einst einem seiner Grossväter gehörte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.01.2018, 10:51 Uhr

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