Stromfresser Bitcoin

Das «Schürfen» der digitalen Währung im Internet verbraucht mehr Energie als Marokko.

Nachtschicht in der Bitcoin-Mine: Ein chinesischer Mitarbeiter inspiziert eine defekte «Schürfmaschine».

Nachtschicht in der Bitcoin-Mine: Ein chinesischer Mitarbeiter inspiziert eine defekte «Schürfmaschine». Bild: Keystone

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Satoshi Nakamoto hat fast alles richtig gemacht. Der unbekannte Erfinder von Bitcoin, der dieses Pseudonym benutzt, wollte eine Währung schaffen, die von Staaten unabhängig ist und deren Besitzer anonym bleiben. Mittlerweile ist der Preis für Bitcoins explodiert. Damit wurde das «Schürfen» neuer Münzen in den letzten Monaten attraktiver. Immer mehr stromhungrige Computer tun nichts anderes mehr.

Der enorme Energiebedarf hängt damit zusammen, wie das System funktioniert: Wem welche Münze gehört, wird in einem verteilten Netzwerk verbucht, und die Bitcoin-Besitzer werden nur durch eine Bitcoin-Adresse, aber nicht mit deren Namen identifiziert. Dazu werden alle zehn Minuten die letzten Transaktionen mit allen Bitcoins in einem Block festgehalten. Aus der Kette aller dieser Blöcke gehen folglich alle vergangenen Transaktionen mit jeder Münze und jedem Münzbruchteil hervor. Die Bitcoin zugrundeliegende Technologie nennt sich denn auch «Blockchain» (zu Deutsch: «Block-Kette»).

Damit genügend Computer für den Unterhalt der Blockchain zur Verfügung stehen, werden deren Besitzer belohnt: Für ihre Rechenleistung bekommen sie frisch «geschürfte» Bitcoins. «Bitcoin ist eine Demokratie mit Stimmengewicht nach Rechenleistung. Diese kann man nicht vortäuschen – man hat sie, oder man hat sie nicht», erklärt Luzius Meisser, Verwaltungsratsmitglied von Bitcoin Suisse, einem Broker für Kryptowährungen. «Um aber zu beweisen, dass man sie hat, muss man dauernd an sich sinnlose, aber schwierig zu lösende und einfach zu überprüfende Rechnungen ausführen.»

Bislang funktioniert dieses System prächtig. Nachhaltig ist es aber aus einem fast schon banalen Grund nicht: dem Stromverbrauch.

Am 30. November hatte das Bitcoin-Netz einen aufs Jahr hochgerechneten Stromverbrauch von 30 Terawattstunden (TWh), wie die Internetpublikation Digicononomist ausgerechnet hat. Wäre Bitcoin ein Land, läge es beim Stromverbrauch mittlerweile auf Platz 61 hinter Bulgarien und vor Marokko. 158 Länder der Welt haben einen kleineren Stromverbrauch als Bitcoin. Wie lange Bitcoin auf Platz 61 bleibt, ist jedoch unbekannt. Am 1. November lag Bitcoin noch auf Platz 67 mit einem Stromverbrauch von 24 TWh pro Jahr. Innert eines Monats ist der Stromverbrauch also um ein Viertel gestiegen. Bei gleichbleibendem Wachstum übersteigt der Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks somit den derzeitigen globalen Stromverbrauch im April 2020.

Münzen für Speicherplatz

Um den Stromverbrauch für «an sich sinnlose Rechnungen» zu reduzieren, müsste die Methode für die Verteilung neuer Bitcoins geändert werden. Dies plant etwa der Bitcoin-Konkurrent Ethereum. Dort sollen ab nächstem Jahr neue Münzen an die Besitzer der bestehenden Münzen verteilt werden.

«Wenn Bitcoin eine Demokratie nach Rechenleistung ist, wäre Ethereum dann eine Demokratie nach Reichtum. Ein Coin, eine Stimme. Das ist nicht unbedingt sozialer, aber grüner», sagt Meisser. Einen anderen Ansatz verfolgen die Kryptowährungen Burstcoin und Chia-Coin. Dort werden neue Münzen für Speicherplatz statt für Rechenleistung vergeben. Damit reduziert sich der Stromverbrauch.

Potenzial von Blockchain

Während Bitcoin den globalen Stromverbrauch und damit letztlich die CO2-Emissionen befeuert, sehen Umweltschützer grosses Potenzial in der zugrundeliegenden Blockchain- Technologie. «Die Verfolgung von Emissionen wird in Zukunft unmittelbar von der Emissionsquelle aus möglich sein», sagt Sven Braden von der Climate Ledger Initiative. «Aufgrund der wachsenden Bedeutung des Internets der Dinge (IoT) können Emissionsdaten etwa von Industrieanlagen, Autos, Schiffen oder Flugzeugen unmittelbar erfasst und auf einer Blockchain verbucht werden.»

Damit wäre für jedes einzelne Bauteil, etwa für einen Reifen, klar, wie viele Emissionen bei dessen Herstellung verursacht wurden. Jedes Produkt würde mit einem virtuellen «Emissionsrucksack» durch die globalen Lieferketten reisen und die gesamten Emissionen des Endprodukts liessen sich einfach und genau berechnen.

Auch der Handel mit CO2-Zertifikaten liesse sich durch die Blockchain-Technologie verbessern. Wenn in Zukunft eine Fluggesellschaft in ein Klimaschutzprojekt investiert, erhält sie für die nicht-emittierten CO2-Emissionen handelbare Zertifikate. Diese Zertifikate liessen sich ebenfalls in einer Blockchain verbuchen. Damit könnte etwa die Doppelzählung von Emissionsminderungen vermieden werden. «Blockchains könnten zu mehr Transparenz und damit für mehr Vertrauen sorgen», sagt Alexandre Gellert Paris vom UNO-Klimasekretariat.

Auch Hilfsorganisationen setzen auf Blockchain: Das UN-Welternährungsprogramm hat mit Hilfe von Ethereum Gutscheine an 10'000 syrische Binnenflüchtlinge geschickt. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat daher vielleicht etwas vorschnell über Bitcoin geurteilt: Die Kryptowährung habe «keine sozial sinnvolle Funktion» und sollte daher verboten werden, sagte Stiglitz. Vor dem Hintergrund des aktuellen Stromverbrauchs des Bitcoin-Netzwerks mag das stimmen. Dem Potenzial der Blockchain- Technologie wird er damit nicht gerecht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.12.2017, 09:55 Uhr

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