Hintergrund

Wenn der Chef plötzlich weg ist

Was Swisscom mit Carsten Schloter passierte, erlebte die Firma Elma vor ein paar Wochen: Der Mann an der Spitze stirbt unerwartet. Was tun? Elma-Präsident Martin Wipfli erzählt.

Er repräsentierte den Swisscom-Konzern und seine 20'000 Mitarbeiter: Carsten Schloter beantwortet Fragen von Journalisten. (17. Februar 2011)

Er repräsentierte den Swisscom-Konzern und seine 20'000 Mitarbeiter: Carsten Schloter beantwortet Fragen von Journalisten. (17. Februar 2011) Bild: Keystone

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Der Chef der Swisscom, Carsten Schloter, ist tot. Was macht das Unternehmen jetzt? Wer übernimmt die Führung? Und was ist mit den Mitarbeitern, die um ihren Chef trauern?

Diese Fragen stellt sich seit ein paar Wochen auch die Firma Elma mit Sitz in Wetzikon. Ihr Geschäftsführer Stephan Bürgin war Ende Juni in Frankreich mit dem Segelflugzeug zu einem Ausflug gestartet – und danach vom Radar verschwunden. Eine Woche später, am 2. Juli, fand man ihn tot.

«Die Nachricht war ein Schock», sagt Martin Wipfli, Verwaltungsratspräsident des Elektronikgehäuse- und Drehschalter-Herstellers. Er habe ein äusserst freundschaftliches Verhältnis zu Bürgin gepflegt, umso betroffener sei er gewesen, als man ihm die Vermisstenmeldung überbracht habe. Am nächsten Tag informierte Wipfli sämtliche 700 Mitarbeiter per Mail. Rund 100 von ihnen arbeiten in Wetzikon, die restlichen sind verteilt auf neun Standorte in Europa, Amerika und Asien

Wenn der Chef «vorübergehend aussteigt»

«Kommunikation ist alles», sagt Wipfli. Erstens müsse man die Mitarbeiter so rasch wie nur möglich informieren, damit einem nicht die elektronischen Medien zuvorkämen. Zweitens müsse die Information von ihm als Verwaltungsratspräsident kommen. «Die Mitarbeiter müssen mich spüren. Sie müssen wissen, dass ich für sie da bin, wenn sie mit mir sprechen möchten.»

Geregelt hat die Firma Elma das Vorgehen in solchen Fällen in einem Notfallkonzept. Es ist laut Wipfli nicht für Todesfälle gedacht, sondern vielmehr für Fälle, in denen der Chef «vorübergehend aussteigt». Das könne beispielsweise ein Herzinfarkt sein. Trotzdem habe dieses Notfallkonzept seiner Firma bei Bürgins Tod geholfen. «Es regelt, wer in solchen Fällen wann wie wen informiert. Das ist sehr hilfreich», sagt Wipfli. Zudem beinhalte es die nötige Koordination mit der Familie des Ausgefallenen oder – im Fall von Bürgin – des Verstorbenen.

«Trauer ernst nehmen»

Am Tag nach dem Info-Mail berief der Verwaltungsratspräsident in Wetzikon eine Versammlung unter der Leitung des Finanzchefs Edwin Wild ein, der ad interim die Geschäftsleitung übernommen hatte. Es sei wichtig für ihn gewesen, dass Wild persönlich mit den Angestellten rede, sagt Wipfli. Gleich ging der Präsident eine Woche später vor, als der Tod von Bürgin bestätigt wurde. Am Abend des 2. Juli informierte Wipfli alle Mitarbeiter per Mail und verfasste zudem in Absprache mit den Angehörigen einen Nachruf. Am Morgen danach berief er erneut eine Versammlung unter der Leitung des Interimschef ein. Selbst war Wipfli bei den Versammlungen nicht anwesend. Er habe dafür bei persönlichen Begegnungen in Wetzikon «schöne, aber auch sehr traurige Dinge» erlebt. Der Todesfall habe «alle zusammengeschweisst».

Dass die Mitarbeiter die Vorgehensweise ihres Präsidenten schätzten, bezeugen E-Mails, die sie an diesen geschickt haben. Rund 50 Mitarbeiter der Elma haben sich laut Wipfli bei ihm gemeldet, um ihre Betroffenheit auszudrücken oder ihm für den Nachruf oder seine persönliche Anwesenheit zu danken. Er sei froh, dass er sich für diesen Weg entschieden habe. Denn Notfallkonzept hin oder her: «Man kann alles niederschreiben. Wenn die Todesnachricht kommt, ist man extrem betroffen und weiss nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Plötzlich ist jemand weg, ohne dass man ihm Adieu sagen konnte.»

Eine ähnlich schwierige Situation erlebte Wipfli kurz nach seinem Amtsantritt als Verwaltungsratspräsident der Elma im Jahr 2008. Ein Mitarbeiter verstarb auf einer Geschäftsreise in Malaysia unerwartet. Wipfli entschied sich, die Beerdigung zu besuchen – wie rund 30 Angestellte. Für ihn sei dies selbstverständlich gewesen, sagt der Präsident. Doch viele der Anwesenden hätten ihm danach für seinen Besuch gedankt. «Da habe ich gemerkt: Man muss die Trauer der Mitarbeiter ernst nehmen. Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn so etwas passiert. Man könnte schon. Nur wird man dann den Mitarbeitern nicht gerecht.»

Spezielle Trauerbegleiter wird Wipfli auch im aktuellen Fall nicht beiziehen. Ebenso wenig wird ein Altar aufgestellt oder eine Art Trauerritual durchgeführt, wie das andere Unternehmen zum Teil machen. Wer möchte, darf Anfang August an Bürgins Beerdigung. Wer nicht will, bekommt den Tag frei. Der einzige Aspekt, der im Notfallkonzept der Elma fehlt, ist laut Wipfli die Nachfolgeregelung. Er plane nun aber nicht, dieses auf Todesfälle auszuweiten. Viel wichtiger sei es, dass die Mitarbeiter spürten, dass Bürgins Nachfolge in «absehbarer Zeit geregelt» werde – und dass die Firma auch ohne ihren Chef funktioniere.

Herausforderung Suizid

Der Tod des Elma-Chefs ist kein Einzelfall. Allein in der jüngeren Schweizer Wirtschaftsgeschichte gibt es mehrere Fälle von Spitzenmanagern, die überraschend verstarben. Im Dezember 2008 schied der Chef der Bank Julius Bär, Alex Widmer, freiwillig aus dem Leben. Im August 2009 stürzte Martin Knoll, der Chef von McDonald’s Schweiz, mit dem Mountainbike 30 Meter in die Tiefe und starb. Im November 2011 nahm sich Ricola-CEO Adrian Kohler das Leben.

Mit Blick auf die Folgen, die der Tod des Chefs für die betroffenen Firmen hat, unterscheidet Frank Roselieb, der Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung, zwischen Inhaber- und Manager-geführten Unternehmen. Letztere, zu denen auch die Swisscom gehört, seien meistens in der Lage, den plötzlichen Ausfall des obersten Chefs ohne nachhaltige Turbulenz zu bewältigen. «Wechsel im Management sind nichts Aussergewöhnliches; damit müssen Unternehmen umgehen können», so Roselieb. Aussergewöhnlich ist bei einem Todesfall das Plötzliche, Schlagartige, doch auch darauf müsse ein grosses Unternehmen angemessen reagieren können. Kurzfristig übernehme in der Regel der reguläre Stellvertreter die Funktionen des CEO; zu den Sofortmassnahmen gehöre auch, dass rasch eine ausserordentliche Verwaltungsratssitzung einberufen werde.

Bei einem Freitod stehe das Unternehmen allerdings vor der Herausforderung, dass nicht klar sei, ob private oder berufliche Gründe den Ausschlag gegeben hätten. Selbst wenn sich zeige, dass private Gründe im Vordergrund gestanden seien: Ein betroffenes Unternehmen tue in jedem Fall gut daran, zu recherchieren und zu prüfen, ob in der Firma alles in Ordnung sei, so Roselieb.

Der Umstand, dass Unternehmen nach dem plötzlichen Ausfall ihres CEO relativ rasch wieder Tritt fassen würden, spiegle sich auch im medialen Umgang mit dem Thema. «Meist hält es sich einige Wochen in den Medien. Danach ist es vorbei; allenfalls taucht es an der nächsten Generalversammlung noch einmal auf», sagt Roselieb. Eine Ausnahme sei der Tod von Steve Jobs. Dieser habe als Chef von Apple eine derart zentrale Funktion gehabt, dass er als kaum ersetzbar gegolten habe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2013, 10:16 Uhr

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Der Chef der Bank Julius Bär schied im Dezember 2008 freiwillig aus dem Leben.

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