Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die Bank Julius Bär ist verwurzelt in den alten Zeiten des Swiss Banking.

Das Problem heisst Compliance. Das verwaltete Vermögen der Bank Julius Bär schwoll von 2009 bis 2017 von 100 Milliarden auf 388 Milliarden Franken an.

Das Problem heisst Compliance. Das verwaltete Vermögen der Bank Julius Bär schwoll von 2009 bis 2017 von 100 Milliarden auf 388 Milliarden Franken an. Bild: Keystone

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Der ehemalige leitende Bär-Banker Matthias Krull ist zurzeit auf freiem Fuss. Er war am 24. Juli in Miami verhaftet worden und wurde am 11. September unter einer Kaution von fünf Millionen Dollar freigelassen, nachdem er sich schuldig bekannt hatte. Die Anklage lautet, dass er an Geldwäsche bei einem Riesenbetrug beteiligt war, bei dem dem staatlichen venezolanischen Ölkonzern PDVSA 1,2 Milliarden Dollar entwendet wurden. Am 29. Oktober wird das Gericht sein Urteil über ihn verkünden. Sein Anwalt in Miami sagt, dass die Höhe der Strafe zurzeit noch Verhandlungssache sei.

Obwohl die Bank Julius Bär Wert auf die Feststellung legt, dass die Bank selbst nicht angeschuldigt sei, ist die Verhaftung und das Geständnis des ehemaligen Managing Directors und Vizepräsidenten der Bär-Niederlassung in Panama nur eines von diversen Problemen, mit denen die Bank konfrontiert ist. Im Fifa-Skandal plädierte ein weiterer Ex-Bär-Banker in New York auf schuldig, dass er an der Weiterleitung von Bestechungsgeldern aus Argentinien für die Entscheidungsgremien der Fifa beteiligt war. Im März stellte Julius Bär einen Mitarbeiter frei, der möglicherweise in Waffengeschäfte in Russland verwickelt ist.

Umfangreiche Prüfung

Das Problem von Julius Bär heisst Compliance, das Einhalten von allen Regeln und Vorschriften, die das moderne Bankgeschäft überwuchern. Alleine die Beurteilung des steuerlichen Zustands von Neugeld, von seiner Herkunft und die Einhaltung der KyC-Regel – der Kenntnisstand über den Kunden, ob er möglicherweise in krumme Geschäfte verwickelt ist, ob er eine politisch exponierte Persönlichkeit ist –, bedarf umfangreicher Abklärungen. Nicht nur, aber besonders in Lateinamerika kann das Geld aus kontaminierten Quellen stammen. Von betrügerischen und korrupten Funktionären, wie im Fall Venezuelas oder Brasiliens. Von Drogenkartellen. Oder von Geschäftsleuten, die ihr Geld zwar anständig verdient haben, es aber nicht versteuern wollen.

Bei jedem Einzelfall ist die Frage, wie stark die Bank die Stellschrauben anzieht. Ist sie zu streng, vergrault sie den Kunden, der mit seinem Geld zur Konkurrenz geht. Und meist bei einer US-Bank offene Arme und Tresortüren findet. Ist sie zu lasch, kann sie schnell in Teufels Küche kommen, wenn sich die US-Strafverfolgungsbehörden einschalten. Das kann eigentlich immer der Fall sein, da lediglich die Verwendung von US-Dollar oder auch nur eine Überweisung, deren Clearing in den USA erfolgt, ausreicht, damit ein Gerichtsstand USA postuliert wird.

Die Expansion des Wunderjungen

Von 2009 bis 2017 schwollen die verwalteten Vermögen der Bank Bär von etwas über 100 Milliarden auf 388 Milliarden Franken an. Diesen Expansionskurs steuerte Boris Collardi. Der Wunderjunge des Schweizer Banking wurde 2009, nach dem plötzlichen Tod des Bär-CEO Alex Widmer, mit nur 34 Jahren Chef der Bank. Schon kurz nach seinem Amtseintritt übernahm Collardi den Schweizer Ableger der niederländischen ING und 2012 das gesamte internationale Geschäft von Merrill Lynch.

Weniger schön ist in seiner Amtszeit der Verdacht auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der brasilianischen Petrobras-Korruptionsaffäre, die Veröffentlichung von Kundendaten durch den abtrünnigen Mitarbeiter Rudolf Elmer, mit denen die Enthüllungsplattform Wikileaks berühmt wurde. 2011 zahlte die Bank 50 Millionen Euro Strafe an die Staatsanwaltschaft Münster in Deutschland, um sich von weiteren Problemen bezüglich Beihilfe zur Steuerhinterziehung freizukaufen. Und 2016 einigte sich die Bank mit den US-Behörden auf eine Strafzahlung von 547 Millionen Dollar, um eine Aussetzung der Strafverfolgung zu erzielen – ein sogenanntes Deferred Prosecution Agreement.

Ein Jahr später kündigte Collardi seinen Rücktritt an, seit Mitte dieses Jahres ist er Partner bei der Genfer Privatbank Pictet. Dort kann er sein Wissen über den Umgang mit US-Strafverfolgern einbringen. Denn die Bank Pictet gehört im Steuerstreit mit den USA zur Gruppe eins, also den Banken, gegen die Strafuntersuchungen laufen. Inzwischen sind fast alle dort versammelten Banken von den USA abkassiert worden – ausser Pictet, HSBC Private Bank, Rahn + Bodmer und zwei israelische Banken.

Obwohl Bank Bär bislang im Fall Krull nicht auf der Anklagebank sitzt, könnte sein Schuldeingeständnis dennoch gravierende Folgen haben. Die Ursache liegt im Wörtchen «Deferred» in der Vereinbarung mit den USA. Im Gegensatz zu einer Beendigung einer Strafverfolgung bedeutet das, dass die Strafverfolgung aufgeschoben, aber nicht aufgehoben ist. Die Bank musste sich 2016 neben einer anhaltenden Auskunftspflicht auch dazu verpflichten, während einer Probezeit von drei Jahren nicht nochmals gegen US-Gesetze zu verstossen. Aber Krull ist genau wegen eines solchen Verstosses angeklagt. Und bei allem, was mit Venezuela und mit Geldwäsche zu tun hat, verstehen die USA keinen Spass.

20 Millionen für die Untersuchung

Gut, dass der Nachfolger von Collardi auf dem Chefposten, Bernhard Hodler, jahrelang für das Risk Management der Bank zuständig war. Könnte man meinen – aber das bedeutet natürlich auch, dass unter seiner Aufsicht diese ganzen Probleme aufploppten. In einer Dimension, dass man sagen kann, dass in den letzten Jahren kaum ein internationaler Finanzskandal ohne Erwähnung der Bank Bär stattfand. Auf Anfrage lässt die Bank verlauten, dass «unsere früher gemachten Statements weiterhin gelten».

Die Anklage nehme keinen Bezug auf die Bank, die mit den «zuständigen Behörden» kooperiere. Laut Bloomberg hat die Bank inzwischen die berühmte Anwaltskanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan damit mandatiert, mehr als 500 Konten zu untersuchen, auf denen mehr als 500 Millionen Dollar lagern, mit denen Krull zu tun hatte. Diese Untersuchung könne bis zu 20 Millionen kosten, zitiert Bloomberg eine vertrauliche Quelle.

In seinem Schuldeingeständnis räumte Krull ein, dass er der «Verschwörung» zum Betrug im Jahr 2016 beigetreten sei. Das heisst, dass er damals noch hochrangiger Mitarbeiter der Bank Julius Bär war und als Rainmaker galt, als ein Regenmacher, der jedes Jahr rund 11 Millionen Franken an Gebühren für die Bank hereinholte. Dass sich Krull zwischenzeitlich in Freiheit befindet, legt nahe, dass er erschöpfend und umfangreich ausgepackt hat.

Dass die Bank selbst in keiner Form in diese Riesenaffäre, in der es immerhin um über eine Milliarde Dollar geht, verwickelt war – was sie behauptet –, gleicht der alten Redensart: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Sollte ihr ein Verstoss gegen das Deferred Prosecution Agreement nachgewiesen werden, und alleine die unterstellte Kenntnis von kriminellen Handlungen genügt dafür, ist das Abkommen hinfällig, das Bussgeld verloren. Und nach der Busse wäre vor der Busse. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.10.2018, 11:28 Uhr

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