Der freche Kobold unter den Metallen

Dank des Booms der Elektroautos explodiert der Kobalt-Konsum. Die besten Karten hat derzeit China. Die europäischen und amerikanischen Autohersteller sind alarmiert, weil sie fürchten, dass die Chinesen ihnen buchstäblich den Saft abdrehen.

Von Hand geschürft. Kobalt-Bergbau in der Demokratischen Republik Kongo.

Von Hand geschürft. Kobalt-Bergbau in der Demokratischen Republik Kongo. Bild: Keystone

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Es ist das Material, aus dem die Batterie-Träume sind – und auch die Albträume: Kobalt, der freche Kobold unter den Metallen. Bisher führte es ein obskures Schattendasein in der Periodentabelle zwischen Eisen und Nickel. Gefördert wird es meist als Nebenprodukt von Kupfer und Nickel. Denn reine Kobaltminen rentieren im industriellen Bergbau bisher nicht – ausser in der Demokratischen Republik Kongo. Dort ist Kobalterz so häufig, dass es im Kleinbergbau von Hand abgebaut und den Aufkäufern aus China oder Libanon entlang den Strassen sackweise angeboten wird. Industriell ist das Material ein Nebenprodukt des Kupfer- und vor allem des Nickelbergbaus, wobei die Materialien erst voneinander getrennt werden müssen.

Kobalt ist ein leicht bläuliches Metall und wurde lange dazu benutzt, Porzellan und Glas blau zu färben. Ursprünglich wurde es im Bergbau in Deutschland entdeckt, wo man es erst für verwandeltes Silber hielt. Als sich zeigte, dass das Erz zu nichts nütze war und auch noch Arsen ausschied und übel roch, gaben ihm die Bergleute wie auch andern nutzlosen Erzen einen Schmähnamen – Kobalt. Das Material sei von Kobolden gefressenes und ausgeschiedenes oder verzaubertes Silber.

Elektro-Autos sind Kobalt-Autos

Mittlerweile ist man den Kobolden aber dankbar für ein sehr vielseitig einsetzbares Metall. In der Metallurgie dient es zur Herstellung speziell zäher Stähle. Und dann sind da vor allem die Batterien. Entgegen dem Namen, enthalten Lithium-Ionen-Akkumulatoren relativ wenig Lithium, dagegen deutlich mehr Kobalt, mit dem die Energiedichte des Akkus massiv erhöht werden kann. Ein Smartphone enthält etwa zehn Gramm, ein Tablet etwa 40 Gramm und eine Batterie in einem Elektroauto zwischen sechs und zwölf Kilogramm. Das führt zu einem massiven Mehrbedarf an Kobalt.

Am besten positioniert hat sich in der Jagd nach dem metallenen Kobold bisher China. Mittlerweile sind deshalb die europäischen und amerikanischen Autohersteller alarmiert, weil sie fürchten, dass mit einem De-facto-Monopol die Chinesen ihnen buchstäblich den Saft abdrehen würden. Dadurch könnten Europäer und Amerikaner die anvisierten grossen Mengen an Elektrofahrzeugen gar nicht produzieren.

Entsprechend gibt es gegenwärtig einen buchstäblichen Run auf Schürf- und Bezugsrechte und Ressourcen. Gleichzeitig versuchen sich die Automobil- und Konsumgüterindustrien so weit abzusichern, dass kein Kobalt aus dem äusserst menschenverachtenden Kleinbergbau in Kongo in ihre Lieferketten gerät, weil sie um ihre Reputation fürchten.

Neben dem Kampf um mehr Kobalt gibt es auch einen Kampf um weniger Kobalt. In Lithium-Ionen-Akkus, in denen relativ wenig Lithium verbaut wird, waren bisher die Verhältnisse zwischen Nickel, Kobalt und Mangan 1:1:1 üblich. Mittlerweile versucht man, den Anteil von Nickel auf Kosten der beiden anderen Metalle zu erhöhen. Nickel ist ein silbrig-bräunliches, magnetisches Metall, das in viel grösseren Mengen verbraucht wird und als Legierungsbestandteil von Chromnickelstählen dient, aber auch als galvanische Grundierung von Verchromungen. Mangan dagegen ist ein silberweisses Metall, das vor allem in der Veredelung von Stahl zum Zug kommt.

Lauter Abhängigkeiten

Die Tendenz zu weniger Kobalt und Mangan und mehr Nickel macht die Akkus weniger abhängig von den sich gegenwärtig überhitzenden Kobaltmärkten, aber auch weniger abhängig von den imperialen Reflexen Chinas und der extrem instabilen Demokratischen Republik Kongo. Dort wird gegenwärtig 54 Prozent des weltweit verbrauchten Kobalts gefördert.

Mit der Verlagerung zum häufigeren, billigeren und besser über die Welt verteilten Nickel handelt man sich unter Umständen aber ein anderes Problem ein. Der weltgrösste Nickelproduzent mit einem Weltmarktanteil beim Nickel von 18 Prozent und beim Kobalt von 5 Prozent heisst Norilsk Nickel. Jeder Mensch, der mit Messer und Gabel isst, hat mehrmals täglich ein bisschen von dieser Firma im Mund, weil Besteck grösstenteils aus Chromnickelstahl hergestellt wird. Nach den US-Sanktionen gegen den russischen Aluminiumkonzern Rusal wären Sanktionen gegen den viel grösseren, mächtigeren und ebenso Kreml-nahen Norilsk-Nickel-Konzern nur logisch.

Der Eigentümer von Norilsk Nickel, Wladimir Potanin, ist einer der wenigen Oligarchen aus der Jelzin-Zeit, welcher noch nicht in Ungnade gefallen ist. Er hat geschickt alle Kreml-Intrigen überlebt, gleichzeitig aber dank seiner Vermischung von Staatsdienst und Geschäft in den 90er-Jahren ein Vermögen von heute geschätzten 21 Milliarden Dollar angehäuft.

Sanktionen gegen Wladimir Potanin und Norilsk Nickel würde nicht nur den Nickelmarkt, sondern auch den Edelstahlmarkt und logischerweise den Kobalt-Markt durcheinanderschütteln. Die Millionen-Dollar-Frage ist nun, ob die US-Regierung von Donald Trump dies in Erwägung zieht.

In der Rohstoffwelt ist man sich gegenwärtig einig, dass der Preis für Kobalt mittel- und langfristig nur eine Richtung kennen wird: aufwärts. Entsprechend zieht das Metall die Spekulanten an, welche die prognostizierte Zahl der Elektroautos mit dem Kobalt-Gehalt der Akkus multiplizieren. Nach einer langen, stabilen Phase haben sich die Preise deshalb innerhalb der letzten zwei Jahre etwa vervierfacht.

Teil der Rechnung

Auch wenn die Trendforscher weitere Anstiege des Bedarfs und der Preise voraussagen, so sicher ist das nicht. Wenn der Nickelmarkt stabil bleibt und tatsächlich mehr Nickel den Kobaltgehalt in Akkus reduzieren kann, wird die Bedarfskurve abflachen. Aber auch noch andere Trends könnten Kobalt-Rechnung zerreissen. Mazdas neuer Magermotor benötigt ähnlich wenig Benzin wie ein Hybridauto, braucht aber keine Akkus und ist viel billiger zu produzieren.

Sollte sich diese Technologie durchsetzen, wäre die Hybridtechnologie, in der heute noch wesentlich mehr Akkus verbaut werden als in reinen Elektroautos, überflüssig. Wer sich mit Kobalt einlässt, sollte deshalb den Kobold im Metall genau im Auge behalten. Der ist immer wieder für einen Streich gut. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.05.2018, 09:33 Uhr

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