Die gefährlichen Deals des Pierin Vincenz

Der Bündner Pierin Vincenz galt lange als letzter aufrechter Banker im Land. Nun fällt er tief.

Im Fokus der Ermittlungen. Pierin Vincenz betont, dass er mit der Finma kooperieren wolle.

Im Fokus der Ermittlungen. Pierin Vincenz betont, dass er mit der Finma kooperieren wolle. Bild: Keystone

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Im September vor zwei Jahren feierten 10'000 Raiffeisen-Mitarbeiter in der Messe Basel den Aufbruch in die Zukunft. «Dialog Plus» hiess der Event. Mit ihm wurde auch Pierin Vincenz gewürdigt. Der Bündner war ab 1999 Chef der Raiffeisen-Gruppe und führte diese von einem Mauerblümchen-Dasein zur dritten Kraft des Finanzplatzes. Im lukrativsten Marktbereich, der Vergabe von Hypotheken für Wohneigentum, überholte die Raiffeisen unter seinem Kommando die beiden Platzhirsche UBS und CS. Jede sechste Hypothek stammt heute vom Ostschweizer Riesen.

Der Grossanlass von Herbst 2015 war der Moment, als Vincenz das Zepter an Patrik Gisel übergab. Die Idee dahinter war ein reibungsloser Übergang: Gisel stand seit Jahren als Stellvertreter an der Seite des Raiffeisen-Übervaters Vincenz. Hier der Macher, da der Umsetzer – so die Übungsanleitung. Der Stabwechsel war allerdings keine vollständige Zäsur. Vincenz blieb Teil der Raiffeisen-Familie und lenkte fortan als Präsident eine 60-Prozent-Tochter der Raiffeisen, an der er persönlich rund 15 Prozent hielt.

Just diese Tochterfirma namens Investnet AG, die bis vor Kurzem kaum jemand kannte, rückt nun den letzten grossen Banker des Landes und seine langjährige Arbeitgeberin, die zu den fünf systemrelevanten Finanzhäusern der Schweiz zählt, in ein schlechtes Licht. Die Finanzmarktaufsicht Finma hat gegen den Spitzenmanager, der mit dem VR-Präsidium bei der St. Galler Helvetia weiterhin eine exponierte Rolle innehat, Anfang November ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Bislang bedeuteten solche Untersuchungen der obersten Aufsicht über Banken und Versicherungen für die Betroffenen das sichere Karriereende. Nicht jedoch bei Vincenz; der klammert sich bei der Helvetia weiter an seinen Stuhl. Bei ihr half er im 2014 mit, die Basler Nationale zu kaufen. Es war Vincenz’ grosser Traum, die beiden Gruppen Raiffeisen und Helvetia zur starken dritten Kraft zu einen.

Untersuchung weitet sich aus

Von dem Vorhaben könnte bald nur noch ein Scherbenhaufen übrig sein. Das Verfahren gegen Vincenz selbst ist dabei eines von mehreren Elementen einer sich stetig ausweitenden Untersuchung. Die Finma hat auch gegen Vincenz’ Ex-Unternehmen Raiffeisen Ermittlungen gestartet. Eine dritte Aufarbeitung betrifft die Vergangenheit der Aduno, ein Gemeinschaftswerk mit Kreditkarten und Konsumkrediten, an der die Raiffeisen 25 Prozent der Aktien hält und wo Vincenz fast 20 Jahre lang Präsident gewesen war. Erst diesen Sommer trat er zurück. Bei der Aduno hat der Verwaltungsrat einen ehemaligen Zürcher Wirtschaftsstaatsanwalt beauftragt, den Vorkommnissen rund um Vincenz auf den Grund zu gehen.

Solch eine geballte Ladung an Untersuchungen durch den Regulator hatte der Schweizer Finanzplatz selbst in der Grosskrise mit der UBS vor zehn Jahren nicht erlebt. Kein Wunder, sprechen Raiffeisen-Insider von Erschütterungen, die bis in die hintersten Winkel des Landes zu spüren seien. Das hängt nicht zuletzt mit der Struktur der Raiffeisen zusammen. Diese besteht aus 250 eigenständigen Banken, die in Form einer umgekehrten Pyramide die Raiffeisen Schweiz mit Sitz in St. Gallen als ihre Tochter besitzen. Sie ist für die zentralen Aufgaben wie Zahlungsverkehr, Wertschriften und die Beteiligungen zuständig.

Statt brav den regionalen Raiffeisenbanken zu dienen, wurden die Chefs der Raiffeisen Schweiz in der Ära Vincenz die neuen Könige. Und sie streckten ihre Arme zur benachbarten Helvetia-Versicherung aus. Wegen des Vincenz-Gate herrscht nun in beiden Ostschweizer Vorzeigefirmen Alarmstufe Rot. Ausgerechnet: Sowohl die Raiffeisen als auch die Helvetia galten bis heute in weiten Teilen der Bevölkerung als bodenständige, «schweizerische» Alternative zu den angelsächsisch dominierten Zürcher Finanzmultis. Und jetzt dies: Der grosse Kapitän dieser zwei «guten» Unternehmen steht im Verdacht, sich persönlich bereichert haben. Der Skandal reicht entsprechend über Hauptakteur Vincenz und mögliche Helfer von ihm hinaus. Er trifft die Raiffeisen, die Helvetia und die 250 Raiffeisenbanken mit ihren 750 Filialen verstreut übers Land. Die letzte Grossbank und die faire Versicherung, sie verlieren gerade ihre Unschuld.

Wie sehr die Raiffeisen-Welt derzeit aus den Fugen geraten ist, zeigen die Neuigkeiten, die sich in hoher Kadenz jagen. Auf die Untersuchungen der Finma gegen die Bankengruppe und ihr Ex-Aushängeschild vor Monatsfrist folgte vor zwei Wochen der Rücktritt des Finanzchefs, der sich vorzeitig in die Pension verabschiedete. Gleichzeitig gab die Bank bekannt, endlich einen Risiko-Chef einzusetzen. Doch den hat sie nicht intern gefunden, sondern er soll von aussen dazustossen.

Eine Art Kernschmelze

Schliesslich vermeldete die Gruppe letzte Woche überraschend, dass sie ihre enge Beziehung zur Informatik-Lieferantin Avaloq auflöse. Dies war, wenn überhaupt, für später erwartet worden, wenn ein von Avaloq entwickeltes neues IT-System erfolgreich eingeführt wäre. Warum erfolgt die Trennung plötzlich derart schnell? Besteht ein Zusammenhang zu den Ermittlungen der Behörden? Die Hektik erweckt jedenfalls den Anschein einer Führungsmannschaft, die versucht, mögliche weitere Brandherde zu löschen, bevor sie sich zu nächsten Grossbränden auswachsen. Ob die Bemühungen der Spitze fruchten werden, bleibt abzuwarten. Wenn nicht, dann könnte es ganz oben bei der grossen Raiffeisen schon bald zu einer umfassenden personellen Erneuerung kommen.

All das zeigt: Hier vollzieht sich gerade eine Art Kernschmelze, welche die Ostschweiz umtreibt. Das scheint nur auf den ersten Blick überraschend. Tatsächlich braute sich das Ungemach schon länger über den Köpfen der Verantwortlichen zusammen. Im Frühling vor einem Jahr berichtete ein Finanzblog* erstmals über geheime Zahlungen rund um Pierin Vincenz. Seit dann steht die Frage im Raum, wie genau sich Vincenz vorab an Firmen beteiligte, die dann später durch die Raiffeisen oder durch die Aduno, bei der die Raiffeisen die wichtigste und grösste Aktionärin ist, übernommen wurden. Aus Sicht der Aufsicht und allenfalls des Gesetzgebers stellte sich die Frage, ob Pierin Vincenz Interessenkonflikte, die durch eine mögliche Vermischung von privaten Interessen mit jenen der Arbeitgeber entstanden sein könnten, korrekt bewältigte.

Wirtschaftsprüfer beauftragt

Ein Verdacht, der bei einem Kaliber wie Vincenz schwer wog. Zunächst blieb alles ruhig. Erst Monate nach den Artikeln rund um die verdächtigen Zahlungen begann die Finma, das Heft in die Hand zu nehmen. Schliesslich beauftragte die Aufsicht diesen Frühling die Wirtschaftsprüfer von Deloitte, bei der Raiffeisen einzumarschieren und zu prüfen, ob die Spitze der Bank ihrer Kontrollfunktion nachgekommen war. Weiterhin herrschte kaum Aufregung. Erst als sich im Spätsommer die Hinweise verdichteten, dass die Berner bei der Raiffeisen eine vertiefte Untersuchung durchführen würden und es dabei um die Ära von Pierin Vincenz und dessen Privatdeals gehen könnte, wuchs die Unruhe. Richtig ins Rollen kam der Stein schliesslich, als die Sonntagszeitung vor vier Wochen ein «Enforcement»-Verfahren gegen die Raiffeisen enthüllte. Wenig später machte Pierin Vincenz publik, dass auch gegen ihn persönlich ein solches Ermittlungsverfahren laufen würde.

Nun brach in St. Gallen offene Panik aus. Die Raiffeisen-Chefs schickten ihre PR-Leute auf die Piste, um die Journalisten davon zu überzeugen, dass es sich zwar um ein Problem handeln würde, dieses aber begrenzt sei: auf die kleine Investnet AG. Eine Parksünde, mehr nicht. Der Plan, die Krise auf diese Weise einzugrenzen, ist zunächst nicht aufgegangen. Immer neue Schlagzeilen machen nämlich deutlich, dass die Raiffeisen viel stärker gefordert ist, als ihre Spitze zugeben will. Nachdem über ein Jahr lang nichts passiert ist, jagen sich derzeit die News im Tagesrhythmus. Letzte Woche kam der Fall zuoberst an. Die Sonntagszeitung vermeldete, dass Johannes Rüegg-Stürm, Präsident der Raiffeisen-Gruppe und hauptamtlicher Professor an der Universität St. Gallen, rund um die Ermittlungen der Finma in Ausstand treten würde.

Und dann gibt es noch die Geschichte um die Frau von Pierin Vincenz. In dessen Ära war Nadja Ceregato oberste Compliance-Verantwortliche geworden. Ceregato hatte bei der Umsetzung der forschen Expansionsstrategie ihres Manns eine zentrale Rolle inne. Sie musste die Beteiligungen und Käufe aus juristischer Warte unter die Lupe nehmen und für gut befinden. Darauf war Verlass: ob beim Kauf der alten Bank Wegelin, die für eine halbe Milliarde Franken als Notenstein Privatbank bei der Raiffeisen landete, der Beteiligung am modernen Finanzunternehmen Leonteq, das an der Börse kotiert ist, oder beim Aufbau einer ganzen Gruppe von Anlageboutiquen, für welche die Raiffeisen Dutzende von Millionen ausgegeben hatte – stets gab Ceregato grünes Licht. Und so kam es, dass die Raiffeisen in der kurzen Periode von 2010 bis 2015 rund eine Milliarde Franken in neue Beteiligungen und IT-Vorhaben steckte; wieviel davon werthaltig ist, ist ungewiss.

Inzwischen ist Ceregato nicht mehr an Bord. Als die Finma im Frühling die Deloitte-Prüfer losschickte, pochte sie darauf, dass die in der Zwischenzeit von der Compliance- zur Rechtschefin mit Einsitz in der erweiterten Geschäftsleitung hochgestiegene Spezialistin abgelöst würde. Darüber hat die Raiffeisen kein Wort verlauten lassen. Zumindest nicht nach aussen. Lediglich die Mitarbeiter erfuhren, dass Ceregato nochmals die Schulbank drücken würde. Sie würde aber im 2018 zurückkehren, allerdings in einer neuen Funktion. Die Geheimnistuerei rächte sich. Seit Ausbruch der Krise thematisieren die Medien die Rolle der Gattin des gefallenen Raiffeisen-Stars.

Mitteilung in eigener Sache

Der scheint den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben. Am Sonntag vor zwei Wochen verschickte Vincenz eine Erklärung in eigener Sache an die Medien. Die Finma habe im Rahmen der Untersuchungen gegen die Raiffeisen auch gegen ihn persönlich ein Verfahren eingeleitet, und zwar «bezüglich Handhabung von Interessenskonflikten während meiner Zeit bei Raiffeisen Schweiz». Er glaube, «potenzielle Interessenskonflikte mit der notwendigen Sorgfalt behandelt zu haben», liess der Bündner die Öffentlichkeit wissen, und schob nach, dass er mit der Finma kooperieren wolle.

Inzwischen weiss man, dass Vincenz den Behörden in drei Fällen private Deals mit verdächtigen Zahlungen erläutern muss. Ob Weiteres dazukommt, bleibt abzuwarten. Neben der eingangs erwähnten Investnet AG, an der sich Vincenz unter undurchsichtigen Umständen mit eigenem Geld beteiligt hatte, geht es um die Eurokaution und die Commtrain. Letztere war vor zehn Jahren an die Aduno verkauft worden, bei der Vincenz damals über sieben Jahre lang Präsident war und den Ton angab. Wie bei der Investnet gehen die Behörden auch bei der Commtrain fragwürdigen Zahlungen rund um Pierin Vincenz über Konten bei Banken nach. Die Commtrain war Lieferantin von Zahlstationen für die Ladenkassen im Schweizer Detailhandel. Die Transaktionen erwecken den Verdacht, dass Vincenz sich privat an ihr beteiligt hatte und profitierte, als das Mini-Unternehmen zu einem stolzen Preis an die Aduno verkauft wurde – mit dem Segen von Vincenz. Die gleichen Vorwürfe stehen im dritten Fall zur Debatte. Da geht es um ein Zürcher Unternehmen namens Eurokaution, das Mietkautionen vorfinanziert. Auch da fragen sich die Ermittler, ob Vincenz privat davon profitierte, dass die Aduno später die Eurokaution für viel Geld übernahm.

Dabei sollte Vincenz keine Geldsorgen kennen. Als CEO der Raiffeisen verdiente er zwei Millionen Franken im Jahr, hinzu kam eine halbe Million für die Pensionskasse. Das war offenbar zu wenig. Wenn sich nun die Vorwürfe gegen ihn erhärten, dann geht Vincenz nicht nur als fehlhafter Spitzenbanker in die Geschichte ein, sondern auch als jener Kapitän, der das Raiffeisen-Erbe auf dem Gewissen hat: ein Erbe von Solidarität und vom Einsatz vieler für den Einzelnen. Der Fall des übermächtigen Vincenz hätte eine pikante Note. Ausgerechnet der Banker, der das Bankgeheimnis auch im Inland opfern wollte, wäre über heisse Deals gestolpert, die ewig geheim bleiben sollten.

* «Inside Paradeplatz», herausgegeben vom Autor dieses Artikels (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.11.2017, 22:54 Uhr

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