Die Velokurier-Branche wird erwachsen

Fahrer erhalten nach langen Verhandlungen einen Mindestlohn von rund 20 Franken pro Stunde.

Mit dem Mindestlohn professionalisiert sich die Branche der Velokuriere. Foto: Keystone

Mit dem Mindestlohn professionalisiert sich die Branche der Velokuriere. Foto: Keystone

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Während der Verkehr stockt, schlängeln sich die Velokuriere geschickt zwischen den Autos hindurch. Sie transportieren Urkunden, Pakete oder Blutproben aus dem Spital direkt ins Labor. Doch wenn Aufträge ausbleiben, dann verdienen manche von ­ihnen nichts – je nach Arbeitsvertrag. Der Leistungslohn ist in der Branche weitverbreitet.

Nun erhalten die Velokuriere einen Gesamtarbeitsvertrag. Der wichtigste Punkt: ein Mindestlohn von rund 20 Franken pro Stunde. Darauf haben sich die Gewerkschaft Syndicom und der Arbeitgeberverband Swiss Messenger Logistics nach langen Verhandlungen geeinigt. Für die Branche ist das so etwas wie der Aufbruch ins Erwachsenenalter.

«Der Mindestlohn ist fair und tragbar»

Um zu verstehen, warum das ein wichtiger Schritt ist, hilft ein Blick in die Vergangenheit: Der erste Velokurier der Schweiz wurde vor dreissig Jahren in Luzern gegründet. Es folgten weitere Firmen in den Schweizer Grossstädten und Agglomerationen. Die Löhne waren in der Anfangszeit tief, sie lagen zwischen 10 und 20 Franken pro Stunde. Kein Wunder, war es eine Angelegenheit für Idealisten oder Studenten, die einen sportlichen Nebenverdienst suchten.

In den vergangenen Jahren setzte jedoch eine Professionalisierung ein. Dazu beigetragen haben unter anderem neue Verkehrskonzepte, die den motorisierten Verkehr aus den Stadtzentren verbannen wollen. Fortbewegung mit Muskelkraft traf auf urbanen Zeitgeist.

Doch die Firmen haben sich auch organisatorisch entwickelt. Gemeinsam bieten sie heute ein schweizweites Logistikangebot an. Das funktioniert so: Ein Velokurier holt etwa in Biel ein Paket ab, lädt dieses auf einen Zug nach Genf, wo es dann von einem weiteren Kurier ausgeliefert wird. So können Stadtgrenzen überwunden werden. Ein weiteres Geschäftsfeld, das hinzugekommen ist, ist die interne Logistik von Unternehmen. So setzt etwa in Basel die Pharmaindustrie schon seit Jahren auf den Velokurier für Eilsendungen.

Wettbewerb soll nicht auf Arbeitnehmende abgewälzt werden

Anstatt selbst mit den Gewerkschaften in Verhandlungen zu treten, hätten die Velokuriere auch den bestehenden Gesamtarbeitsvertrag des Verbands der privaten Postdienstleister übernehmen können. Laut Dominik Guggisberg vom Velokurier Bern sei das aber nicht infrage gekommen: «Aufgrund unserer Grösse können wir kaum Einfluss nehmen, und die festgelegten Mindestlöhne sind uns schlicht zu tief. Der nun selber ausgehandelte Mindestlohn ist hingegen fair und für die meisten Firmen tragbar.»

Während die grossen Firmen die ausgehandelten Standards bereits heute erfüllten, sei es für vereinzelte kleine Betriebe schwieriger, ihnen nachzukommen, sagt Christian Schutter, Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbands Swiss Messenger Logistics und Mitarbeiter des Veloblitzes Zürich. «Es war dem Verband wichtig, dass alle Firmen den Gesamtarbeitsvertrag erfüllen können, ohne dabei in Not zu geraten.»

Vielen Velokurieren ist es auch wichtig, dass für die Branche Minimalstandards definiert werden. Man sorgt sich, dass digitale Plattformen die etablierten Firmen unter Druck setzen – so wie der Fahrdienstleister Uber heute die Taxis konkurrenziert. Die Firma Notime etwa stand in der Kritik, da sie sich weigerte, Verhandlungen für einen Gesamtarbeitsvertrag aufzunehmen oder dem Arbeitgeberverband beizutreten. Fahrer, die von Notime Aufträge erhalten, aber formal selbstständig sind, erhoben zudem den Vorwurf, Notime beute sie aus. Dies konnte jedoch nie belegt werden. Im März kaufte dann die Schweizerische Post das Jungunternehmen.

Den Vorwurf, dass die Branche mit dem Gesamtarbeitsvertrag abgeschottet werden soll, lässt Gewerkschafter David Roth von Syndicom nicht gelten: «Wir verfolgen weder eine kartellistische Gewerkschaftspolitik noch wollen wir neue Technologien bekämpfen. Wir wollen aber verhindern, dass der Wettbewerb künftig über die Arbeitsbedingungen ausgetragen wird.»

Fraglich, ob der Vertrag je für alle verbindlich wird

Damit für alle Firmen die gleichen Spielregeln gelten, muss das Vertragswerk vom Staats­sekretariat für Wirtschaft als allgemein verbindlich erklärt werden. Noch ist unklar, ob das jemals der Fall sein wird. Dazu müssen sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer bei den Verhandlungen substanziell vertreten sein. Erst im Frühling 2017 haben sich die meisten der rund zwanzig Velokurierfirmen in der Schweiz zu einem Verband zusammengeschlossen. Auf der anderen Seite habe die Gewerkschaft Syndicom in den letzten Wochen zahlreiche Beitritte von Velokurieren verzeichnet, sagt David Roth. Dennoch sei man vom notwendigen «gewerkschaftlichen Organisationsgrad» noch ein gutes Stück entfernt.

In einem nächsten Schritt muss der Gesamtarbeitsvertrag nun vom Arbeitgeberverband und der Gewerkschaft abgesegnet werden. Beide halten dazu am Samstag Versammlungen ab.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.11.2018, 20:00 Uhr

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