Zombie-Währung ohne Zukunft

Die 15 wichtigsten Fragen zum Euro – ein kleines Vademecum für finanzpolitische Laien.

Schlecht geht es im Euro allen Staaten, die nicht die gleiche Wirtschaftskraft haben wie Deutschland. Also von Frankreich über Italien, Spanien usw. abwärts bis zu Griechenland oder Zypern.

Schlecht geht es im Euro allen Staaten, die nicht die gleiche Wirtschaftskraft haben wie Deutschland. Also von Frankreich über Italien, Spanien usw. abwärts bis zu Griechenland oder Zypern. Bild: Keystone

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Das Ende des Euro wurde schon häufig prognostiziert, er lebt aber noch. Also waren diese Ankündigungen falsch?

Das hat mit der Eintrittswahrscheinlichkeit von zukünftigen Ereignissen zu tun. Während gewissen Phasen der grossen Griechenland-Eurokrise lag die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland bankrott und aus dem Euro geht, bei über 50 Prozent. Die Pleite ist dann doch nicht eingetreten. Aber es muss zudem zwischen der Wahrscheinlichkeit von Einzelereignissen und der Gesamtwahrscheinlichkeit unterschieden werden. Also dass beispielsweise ein Spieler sechs Richtige im Lotto hat, ist sehr unwahrscheinlich. Bei 100 Millionen Mitspielern ist sie beinahe bei eins, also sehr hoch.

Wieso soll der Euro eine Fehlkonstruktion, gar eine Fehlgeburt sein?

Ein Nachttopf, bei dem der Henkel innen angebracht ist, ist eine Fehlkonstruktion. Die Erfindung und Herstellung eines Nachttopfs, nachdem sich die Wasserklosettspülung flächendeckend durchgesetzt hat, ist eine Fehlgeburt.

Aber der Unterschied ist sowieso akademisch: Ist etwas im Wirtschaftsleben dysfunktional und nicht reparierbar, dann geht es unter. Das letzte Mal erlebte das die Welt beim Zusammenbruch des sozialistischen Lagers. Dessen Wirtschaftssystem war defekt und in sich nicht reparierbar oder reformierbar. Also war der Untergang nur eine Frage der Zeit.

Wieso soll eine gemeinsame Währung nicht auch in einem Staatenbund funktionieren?

Die einfachste Antwort: Weil das noch nie funktioniert hat. Die etwas ausführlichere: Weil unterschiedliche Fiskal- und Finanzpolitik nur innerhalb der gleichen Währung funktionieren, wenn es Sanktionen bei Nichteinhalten von Regeln und ausgleichende Massnahmen gibt, also in einem Bundesstaat wie den USA oder wie die Schweiz. Euro-Regeln wie die von Maastricht wurden schon vom dritten Euro-Mitglied, Italien, beim Eintritt nicht eingehalten; Verstösse dagegen wurden noch nie sanktioniert. Ausgleichende Massnahmen innerhalb des Euro würden eine Schuldenunion beinhalten, also die gemeinsame Ausgabe und Verantwortung für Eurobonds. Das scheint zumindest zurzeit völlig ausgeschlossen. Vor allem, weil sich starke Schuldnerländer weiterhin die Einmischung in innere Angelegenheiten verbitten, während starke Gläubigerländer nicht noch mehr blinde Garantien übernehmen möchten.

Was ist eine Zombie-Währung?

Im Prinzip das Gleiche wie eine Zombie-Bank. Ein Untoter. Viele Banken in Europa existieren nur deswegen noch, weil die Europäische Notenbank (EZB) den Leitzins bei nahe null hält, was Schulden erträglich macht, und Staatsschuldpapiere im Multimilliardenpack aufkauft, was es den Banken erlaubt, sie als werthaltig in den Bilanzen zu lassen, statt sie realistisch auf einen Bruchteil abzuschreiben.

Eine Währung, die in erster Linie durch Ankäufe nach dem Prinzip «linke Hosentasche, rechte Hosentasche» weiterexistiert, ist ebenfalls ein Zombie. Niemand kann sagen, wie die Bilanz der EZB jemals wieder verkürzt werden soll, von den Schweinereien im Zusammenhang mit Target-2-Schulden ganz zu schweigen.

Wie bei den Staatsschulden hilft nur ein massiver Schuldenschnitt und/oder eine galoppierende Inflation. Was auch immer, das führt dann zu einer Währungsreform oder im Fall des Euro zu einer Rückkehr zu den Landeswährungen.

Ist eine gemeinsame Währung wie der Euro nicht besser als wieder viele Einzelwährungen?

Gegenfrage: Wieso soll das besser sein? Geht es Singapur mit seiner im Vergleich zum Euro winzigen Währung schlecht? Geht es der Schweiz schlecht? Ganz im Gegenteil. Schlecht geht es im Euro allen Staaten, die nicht die gleiche Wirtschaftskraft haben wie Deutschland. Also von Frankreich über Italien, Spanien usw. abwärts bis zu Griechenland oder Zypern. Solange Deutschland seine Exporte durch Vorfinanzierung hoch hält, scheint das oberflächlich betrachtet zu funktionieren. Da täuscht der Schein aber schwer, denn es ist auch «linke Hosentasche, rechte Hosentasche», wenn Deutschland die Kredite für den Ankauf seiner Produkte gibt oder zumindest garantiert.

Selbst die Griechenland-Krise wurde überwunden. Wieso soll das bei Italien nicht auch der Fall sein?

Zunächst ist die Griechenland-Krise keinesfalls überwunden. Denn nur ein Schuldenschnitt könnte den Staat aus seinen Problemen holen. Der fand zwar kriminellerweise schon statt, betraf aber nur private Investoren und war daher völlig ungenügend. Und wer einem Griechen erklärt, dass die Krise doch inzwischen vorbei sei, sollte ganz, ganz schnell das Weite suchen.

Der Unterschied zu Italien ist lediglich, dass die EU dem Leichtgewicht Griechenland Vorschriften und Bedingungen aufs Auge drücken konnten. Das ist bei Italien – der drittgrössten Wirtschaftsmacht im Euroraum – nicht so einfach möglich. Denn rund ein Drittel der Staatsschuldpapiere in den Tresoren der EZB stammen aus Italien. Da befiehlt der Schuldner und nicht der Gläubiger.

Scheitert der Euro, scheitert Europa. Gilt dieser Satz der deutschen Bundeskanzlerin weiterhin?

Zunächst ist weder die EU und schon gar nicht die Eurozone Europa. Das ist eine überhebliche Anmassung der Mitgliedstaaten. Zudem ist die Geschichte Europas voll von gescheiterten Währungen. Das passiert immer wieder. Die entscheidende Frage ist, wie es passiert. Ob es «nur» zu einer Vernichtung von Angespartem, der Altersversorgung und Aktienkapital kommt. Oder zu einem Krieg, womöglich sogar flächendeckend. Was es von beidem sein wird, das ist die einzige Alternative, die die Herren des Euro haben. Obwohl sie behaupten, ihr starrsinniges Festhalten an dieser Unglücks-Währung sei alternativlos.

Wenn eine Notenbank laut eigener Aussage bereit ist, alles zu tun «whatever it takes», um ihre Währung zu retten, ist die doch eigentlich unkaputtbar, oder nicht?

Keinesfalls. Eine Notenbank geniesst in ihrem Währungsraum zwei Privilegien. Sie bestimmt den Leitzins, also das allgemeine Zinsniveau, und sie kann theoretisch unbeschränkt Neugeld schöpfen. Beides macht sie aber nicht zum Perpetuum mobile. Aktuell neu ist lediglich, dass wir uns finanztechnisch ohne Kompass oder Orientierung in unbekannten Gefilden befinden. Denn alle fundamentalen Geldregeln (zum Beispiel viel Neugeld führt zu Inflation, niedrige Zinsen führen zu Investition) funktionieren nicht. Das auch eine Notenbank untergehen kann, ist in der europäischen Geschichte Business as usual.

Wieso genau funktioniert eine Einheitswährung für unterschiedliche Staaten nicht?

Sie funktioniert dann nicht, wenn es gewaltige Unterschiede in der Wirtschaftsleistung, der Produktivität oder den Lohnstückkosten gibt, aber souveräne Regierungen in der gleichen Währung Staatsschuldpapiere ausgeben dürfen, zu einem Zinssatz, der von einer übergeordneten Notenbank bestimmt wird. Ohne dass die Zahlungsfähigkeit des Schuldners eine Rolle spielt. Auf der anderen Seite leiden die Exporte von schwach produktiven Ländern, die das nicht über einen Währungsunterschied kompensieren können.

Kann man das noch einfacher erklären, bitte?

Sicher. Ein Vater hat eine Orgelpfeife von 19 Kindern (Achtung, es gibt 19 Euro-Länder). Von ganz klein bis schon erwachsen, also von Malta über Griechenland, Belgien bis zu Frankreich und Deutschland. Die Kinder brauchen neue Schuhe. Also beschliesst der Vater, eine Einheitsgrösse zu kaufen. Ist billiger, macht weniger Umstände. Für die kleineren Kinder kann man Einlagen machen, bei den grösseren wird einfach vorne aufgeschnitten, damit die Zehen genug Platz haben.

Eigentlich sollte es nur ein Kind geben, das in der Mitte, dem die Schuhe passen. Aber der Vater hat beschlossen, die Grösse für alle zu kaufen, die dem erwachsenen Kind, also Deutschland, passen. So müssen wenigstens keine Schuhspitzen abgeschnitten werden. Kann in diesen Schuhen ein Kind, ausser Deutschland, gut laufen? Nein.

Der Euro mag so seine Probleme haben, aber ist eine Rückkehr zu Nationalwährungen nicht noch viel schlimmer?

Alles ist schlimm. Eine Rückkehr zu Nationalwährungen (oder eine Euro-Kernzone oder verschiedene Eurozonen) würde anfänglich grosse Verwerfungen auslösen. Konkret zu Staatspleiten in Italien, Griechenland und wahrscheinlich auch Portugal sowie Spanien führen. Verbunden mit einem Schuldenschnitt, also Verlusten für Anleger in der Höhe von etwa 1000 Milliarden Euro.

Den Euro in seiner aktuellen Form beizubehalten, führt zu kontinuierlichen Verwerfungen wie zurzeit bei Italien, aber auch in Spanien, Frankreich, usw. Eine Stabilisierung des Euro durch eine Schuldenunion bei Beibehaltung nationaler Souveränitäten im Finanz-, Fiskal- und Wirtschaftswesen würde nur dazu führen, dass in erster Linie Deutschland für die Schulden der schwächeren Euroländern garantiert. In der Wahl zwischen Pest, Cholera und Malaria ist es so: Zurzeit herrscht die Pest, der aktuelle Euro. Die Schuldenunion wäre einfach eine andere Krankheit. Die Rückkehr zu Nationalwährungen würde zwar auch krank machen, hat aber den Vorteil, dass es die Rückkehr zu etwas Bewährtem ist. Oder kann sich jemand an ähnliche Turbulenzen erinnern, als Italien die Lira und Griechenland die Drachme hatte?

Wenn Logik, gesunder Menschenverstand und das Einmaleins es augenfällig machen, dass der Euro nicht funktioniert, wieso wird daran festgehalten?

Weil die Regierenden in der EU nicht zugeben wollen und können, dass sie einen fundamentalen Fehler begangen haben und ihn wider besseres Wissen seit fast 20 Jahren fortschreiben.

Hat der Euro neben währungstechnischen noch andere Defekte?

Ja. Eine Währung beruht auf Vertrauen, denn sie besteht nur aus bedrucktem Papier, verantwortlichem Verhalten und Versprechungen. Diese beinhalteten, dass sich alle Euro-Staaten an Obergrenzen bei Schulden und Neuverschuldung halten müssen. Wurde unzählige Male gebrochen. Ein weiteres Versprechen war, dass einzelne Euro-Staaten nicht gerettet werden, wenn sie in die Pleite schlittern. Wurde nicht nur im Fall Griechenlands gebrochen. Wenn EU-Staaten und private Geldgeber Gläubiger sind, darf es keine Ungleichbehandlung bei einem Schuldenschnitt geben. Denn für alle gelten die gleichen Risikoprämien, also Zinssätze. Wurde im Fall Griechenlands gebrochen. Eine Notenbank darf schliesslich nicht weite Teile des Anleihenmarkts leerkaufen, um absaufende Finanzhäuser und Staaten zu retten. Genau das tut die EZB.

Was können die EU-Bürger, die Euro-Bürger gegen den Euro unternehmen?

Leider nicht viel. Direktdemokratische Abstimmungen wie in der Schweiz sind in der EU unbekannt. Die von den EU-Völkern gewählten Parlamentarier haben nicht einmal das Recht, eine Gesetzesinitiative, beispielsweise auf Abschaffung des Euro, auf den Weg zu bringen. Eine griechische Regierung, man erinnert sich, kündigte am Anfang der schweren Wirtschaftskrise 2011 ein Plebiszit über die drakonischen EU-Befehle – den ersten «Rettungsplan» – und somit über den Verbleib in der Eurozone an. Und wurde nach Kolonialherrenmanier von Brüssel zurückgepfiffen. Diese Entmündigung ergänzt die wirtschaftlichen Schäden durch den Euro mit politischen, die mindestens so besorgniserregend sind.

Was bedeutet das alles für die Schweizer Währung?

Schwer abzuschätzen. Aber eines ist klar. SNB-Präsident Thomas Jordan hat offensichtlich den richtigen Zeitpunkt verpasst, als der Euro auf unter 1.15 stand, ein paar Hundert Milliarden abzustossen, um dieses Bilanzrisiko zu verringern und die SNB als den grössten Hedgefonds der Welt aus dem Rennen zu nehmen. Ob und wann sich eine solche Chance wiederholt, ist angesichts der gelinde gesagt turbulenten Situation des Euro nicht abzuschätzen.

Bei einem Totalschaden des Euro wäre die Schweiz durch den Euroberg von 40 Prozent der gesamten Reserven von über 800 Milliarden Franken in der Nationalbank natürlich mitbetroffen; nur schon eine Schwankung um 15 Prozent entspricht etwa dem Bundeshaushalt der Eidgenossenschaft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 31.05.2018, 11:14 Uhr

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