Serie «Die Rezession», Teil I

Jede Krise beginnt mit dem grossen Verdrängen

Die Wirtschaftskrise kam nicht aus heiterem Himmel, es wurde vor ihr gewarnt. Die Kassandrarufe wurden allerdings nicht erhört – warum eigentlich?

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Rezessionen brechen nicht wie Naturereignisse über die Menschen herein. Es gibt Warner, die oft schon Monate oder Jahre zuvor vor einem Wirtschaftseinbruch an die Öffentlichkeit treten. Das war auch in der aktuellen Krise der Fall. Die Gefahr, dass die amerikanische Immobilienblase platzen und eine Rezession auslösen könnte, ist seit längerem ein Thema in den Medien. Zu den aktuell bekanntesten Crash-Propheten gehören die beiden Ökonomieprofessoren Nouriel Roubini und Robert Shiller. Ebenso hat das wohl renommierteste Wirtschaftsmagazin der Welt, der «Economist», immer wieder auf die gefährliche Situation im US-Häusermarkt hingewiesen.

Auch vor den neuen Finanzprodukten wurde gewarnt. Die toxische Buchstabensuppe, wie CDO, CDS, ABS, etc. auch genannt werden, sind hochkomplexe Derivate. Sie werden nicht nur von den Konsumenten, sondern auch von den Bankern nicht mehr verstanden. Schon vor Jahren bezeichnete sie deshalb der legendäre Investor Warren Buffett als «Massenvernichtungswaffen der Finanzmärkte».

    Warum finden die Warner keine Gehör? Dafür gibt es verschiedene Gründe.

  • Es gibt in der ökonomischen Theorie zwar allgemein anerkannte Gesetzmässigkeiten, doch das Timing ist äusserst heikel. Von Herbert Stein, einem Berater der Nixon Regierung, stammt der legendäre Satz: «Dinge, die so nicht weiter gehen können, gehen so nicht weiter.» Dumm bloss, dass sich der genaue Zeitpunkt, wann diese Dinge so nicht mehr weiter gehen können, nicht bestimmen lässt. Es ist wie mit der Geschichte vom Wolf: Wer zu früh und zu oft vor ihm warnt, wird in der Folge nicht mehr ernst genommen.
  • Bei der Rezession kommt erschwerend hinzu, dass sie, im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Irrglauben, nicht präzis definiert ist. Bei Wasser weiss man exakt, wann es zu Eis gefriert. Die Volkswirtschaft jedoch ändert ihren Aggregatszustand nicht. Es gibt zwar die Definition, wonach eine Rezession dann eingetreten sei, wenn das Wirtschaftswachstum während zwei Quartalen stagniert oder rückläufig ist. Doch diese Definition ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Wie das Wetter hat die Rezession zudem eine «gefühlte» Komponente. In China spricht man von Rezession, wenn das Wirtschaftswachstum auf sieben Prozent fällt.
  • Politiker und Wirtschaftsführer haben kein Interesse daran, dass das Thema Rezession in der Öffentlichkeit breit geschlagen wird. Die Politiker fürchten um ihre Wiederwahl, die Wirtschaft um ihre Umsätze. Wer vor Rezession warnt, macht sich rundum unbeliebt.

In der aktuellen Krise hat sich die ganze Bandbreite des Nichtwahrhabenwollens einer Rezession gezeigt: Zuerst wurde die US-Immobilienblase verleugnet. Als sie platzte, wurde sie als lokales Ereignis dargestellt, und die Wahrscheinlichkeit, dass Amerika in eine Rezession abgleiten könnte, als sehr klein bezeichnet. Als die Krise sich trotzdem verschärfte, schlug die Stunde des Abkoppelungs-Mythos: Die Weltwirtschaft sei inzwischen so stark, dass sie auch einen Schwächeeinbruch der USA – nach wie vor die weitaus grösste Volkswirtschaft –, wegstecken könne. Jetzt, da die Rezession global wütet, gibt es nur noch ein Land, das im Zustand des Nichtwahrhabenwollens verharrt: die Schweiz. Wirtschaftsministerin Doris Leuthard tut sich nach wie vor schwer damit, das verpönte R-Wort in den Mund zu nehmen.

Lesen Sie morgen Teil II der Serie: «Zorn» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2008, 10:08 Uhr

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