Ein Eigentor von Novartis

Der Pharmakonzern zwischen fragwürdigen Zahlungen und moralischem Anspruch

Spürbar bis nach Basel. Die Affäre um Trump-Anwalt Michael Cohen.

Spürbar bis nach Basel. Die Affäre um Trump-Anwalt Michael Cohen. Bild: Keystone

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Wer hohe Ansprüche formuliert, wird meist daran gemessen. Das erlebt Novartis seit vergangenem Mittwoch, übrigens nicht das erste Mal in diesem Jahr. Das erfährt damit auch der neue Konzernchef Vas Narasimhan, der sich am Freitag für die umstrittenen Millionen-Zahlungen der Basler an den Trump-Anwalt Michael Cohen entschuldigt hat. Zahlungen, mit denen Novartis weltweit in die Schlagzeilen geraten ist, nicht nur weil deren Enthüllung ein Nebenprodukt des Konflikts zwischen US-Präsident Trump und dem Pornostar Stormy Daniels ist.

Die Negativmeldungen sind ein Problem für Novartis und ein Risiko für Narasimhan – obwohl sie mit seiner Person nicht in direkter Verbindung stehen sollen.

Peinlicher Moment

Die Ausgangslage: Die Basler stehen derzeit unter besonderer Beobachtung, weil ihnen in Griechenland der Vorwurf gemacht wird, in den Jahren 2006 bis 2015 wichtige Mitglieder der ehemaligen Regierung geschmiert zu haben. 50 Millionen Euro sollen geflossen sein. Das Unternehmen kommentiert diese Vorwürfe mit dem Hinweis, dass es mit den Behörden zusammenarbeite und dass keine offizielle Anklage vorliege.

Die jüngste Episode führt in die USA: Die am Mittwoch publik gewordene Zahlung in Höhe von 1,2 Millionen Dollar an den US-Anwalt und Trump-Vertrauten Cohen ist im Vergleich zu den Summen, die in Griechenland im Raum stehen, ein deutlich niedrigerer Betrag. Es handelt sich laut Novartis um ein reines Beratungsmandat. Doch der Zugang zum wichtigsten Gesundheitsmarkt der Welt ist ein besonders heikles Feld für Pharmaunternehmen. Dort, wo sich weltweit mit die höchsten Preise für Medikamente durchsetzen lassen, und ebendort, wo Trump angetreten ist, um daran etwas zu ändern.

Narasimhan gilt als Hoffnungsträger

Den Vertrag mit Cohen soll der frühere Novartis-Chef Joseph Jimenez vorangetrieben haben, wie Medien berichten. Cohen arbeitete demnach von Februar 2017 bis Februar 2018 für Novartis. Peinlicher Moment für den Pharmakonzern: Im März 2017 trafen sich Novartis-Vertreter mit Michael Cohen zu einem ersten Treffen und stellten fest, dass der Trump-Anwalt «nicht in der Lage sein würde, die Dienstleistungen zu erbringen, die Novartis in Bezug auf die US-Gesundheitspolitik erwartet hatte», wie es in einer Stellungnahme heisst. Erwartet hatte Novartis laut eigenen Angaben Beratungsleistungen zum Kurs der Trump-Administration in gesundheitspolitischen Fragen, wie etwa des Affordable Care Act, besser bekannt als Obamacare. Ein klassisches Eigentor für den Konzern, das in den USA weiter Wellen schlägt (siehe Kasten).

Das Risiko für Vas Narasimhan: Er ist mit der Aussage angetreten, Novartis zu verändern. Wenn er beispielsweise im Gespräch mit der BaZ den Anspruch formuliert, dass das Unternehmen der Gesellschaft mehr zurückgeben soll, als es beansprucht, dann hat das auch eine hochgradig moralische Dimension.

Narasimhan gilt obendrein als Hoffnungsträger im Pharmakonzern. Er steht seit Februar an dessen Spitze. Griechenland und die Affäre Cohen sind seine ersten Bewährungsproben in der neuen Rolle. Zuvor war er als Entwicklungschef für die neuen Medikamente im Konzern verantwortlich.

Beschwörender Chef

Novartis betonte jeweils ausdrücklich: Die Vorwürfe in Griechenland und die Zahlungen in den USA datierten aus der Zeit, als Narasimhan noch nicht CEO des Unternehmens war.

Die Reaktion des US-Amerikaners auf die Affäre Cohen bewegt sich zwischen Zerknirschtheit und Pathos. In einer E-Mail an seine «Kollegen», wie er die Mitarbeiter von Novartis anschreibt, spricht er von einem Fehler und davon, dass die Welt Novartis deshalb kritisiere, weil sie mehr von dem Unternehmen erwarte. Sein Appell mündet in Entschlossenheit. Er sei «entschlossen, für diese Firma zu kämpfen, die ich sehr liebe. Entschlossen, für euch alle zu kämpfen, damit ihr euch weiterhin stolz, inspiriert und befähigt fühlt, die Gesundheit der Welt jeden Tag zu verändern. Dieser Moment wird vergehen, und wir werden lernen. Unsere Medikamente werden jedoch über Generationen hinweg Bestand haben.»

Das mag ungewohnt klingen, doch es dürfte die neue Tonalität beim Pharmakonzern sein. Beschwörend und mit hohem Anspruch.

Krisen erleichtern Veränderung

Für den Konzernchef bietet dieser Moment eine gute Gelegenheit: Er kann mit fragwürdigen Handlungen im Unternehmen hart ins Gericht gehen und die Mitarbeiter, die Aktionäre sowie die Behörden davon überzeugen, dass seine Novartis in Zukunft den eigenen Ansprüchen gerecht wird. Krisen erleichtern nun mal Veränderung.

Zugleich baut Narasimhan für seine Person das auf, was schon seit den alten Griechen in deren Dramentheorie «Fallhöhe» genannt wird – die Möglichkeit, besonders tief zu fallen, wenn sich beispielsweise Mitarbeiter in Zukunft nicht an den moralischen Kompass halten.
patrick.griesser@baz.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.05.2018, 09:41 Uhr

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