Für erste Schiffe ist der Brexit bereits Realität

Frachter sind oft Wochen unterwegs. Viele erreichen ihr Ziel erst nach der Brexit-Deadline. Für britische Firmen ist das ein Problem.

Oft wochenlang auf See: Ein Schiff wartet auf seine Entladung im chinesischen Ningbo-Zhoushan-Hafen.

Oft wochenlang auf See: Ein Schiff wartet auf seine Entladung im chinesischen Ningbo-Zhoushan-Hafen. Bild: China Stringer Network/Reuters

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Die Deadline rückt immer näher. Am 29. März ist der Brexit Tatsache. Zwar werden immer wieder Stimmen laut, die eine Verlängerung der Frist fordern, doch herausgeschoben wurde sie noch nicht. Für Handelsfirmen ist der Brexit eigentlich schon Realität. Frachtschiffe, die in diesen Tagen Grossbritannien verlassen, sind Wochen auf See. Eine Fahrt nach Asien dauert rund eineinhalb Monate – also oftmals länger als die verbleibende Zeit bis zum Ablaufen der Brexit-Frist.

Das stellt britische Firmen vor grosse Probleme. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat in diesen Tagen eine Reihe von Firmen porträtiert, die unter dieser Ungewissheit leiden. Dazu gehört beispielsweise Nim’s Fruit Crisps, ein Hersteller von Früchtesnacks. Das Unternehmen aus dem Südosten von England bezieht Früchte aus der ganzen Welt.

Die Ananas kommt aus Costa Rica, Kiwis aus Italien und die Zitronen aus Spanien. Die Snacks werden dann nach Südafrika, Israel und Hongkong exportiert. Ihre Ankunft ist für die Tage nach der Brexit-Deadline geplant. Nim’s Fruit Crisps verschifft die Produkte also derzeit, ohne zu wissen, welche Rechtslage gilt, wenn die Ware ankommt. Das Unternehmen müsse auf alles gefasst sein, so Gründerin Nimisha Raja. «Viel mehr können wir nicht tun», so Raja.

Schwächeres Pfund als Vorteil

Das Problem ist, dass die britischen Unternehmen beim Export in Drittstaaten von EU-Verträgen profitieren. Es ist aber unklar, wie die Güter behandelt werden, wenn diese Gleichbehandlung ausläuft. Wenn sie in Asien ankommen, könnten sie in Quarantäne blockiert werden. Auch könnte es Streit darum geben, welcher Zolltarif nun gültig ist, und ob nun der Lieferant oder der Empfänger einen höheren Einfuhrzoll berappen müsse.

Laut Bloomberg haben daher britische Firmen damit begonnen, ihre Güter per Luftfracht zu verschicken. Darauf setzt etwa das Unternehmen Joe & Seph’s, ein Hersteller von Gourmet-Popcorn aus London. Das Risiko sei zu gross, so Firmengründer Adam Sopher gegenüber Bloomberg. Die Beziehung zu den Kunden sei zu wichtig und die Unsicherheit ein Albtraum.

Einige Firmen berichten auch davon, dass es zunehmend schwierig werde, Rohstoffe für ihre Produkte zu importieren. Der schottische Haggis-Hersteller Macsween importiert Hülsenfrüchte aus Kanada und Zwiebeln aus Indien. Fallen diese Lieferanten weg, werde es schwieriger, die Rezepte zu planen.

Andere Unternehmen erhoffen sich aus einem ungeordneten Brexit sogar einen Vorteil. Würde das Pfund an Wert verlieren, wäre ihre Ware im Ausland billiger. Das könnte sich positiv auf die Nachfrage auswirken, so Sean Ramsden, Chef des Grosshändlers Ramsden International.

Schweiz ist vorbereitet

Mit einigen Staaten sei ein Handelsvertrag abgeschlossen und die Lage für britische Unternehmen geklärt, heisst es beim britischen Handelsministerium. Dazu gehört auch die Schweiz. Im letzten Jahr wurde mit der Regierung von Theresa May ein neues Handelsabkommen ausgehandelt, das bei einem ungeordneten Brexit zum Tragen kommen soll. Heute wurde der Vertrag unterzeichnet.

Damit ist die Schweiz eines der ersten Länder, die mit Grossbritannien ein Abkommen für die Zeit nach dem Austritt aus der EU abgeschlossen haben. Eine ganze Reihe von Vertragswerken soll in einzelnen Lebensbereichen für Klarheit sorgen. Kürzlich wurden ein Versicherungs- und ein Strassenverkehrsabkommen unterzeichnet.

Die Verhandlungen laufen unter dem Titel «Mind the Gap». So, wie die Lautsprecherdurchsagen in der Londoner U-Bahn vor dem Spalt – dem «Gap» – zwischen Perron und Waggons warnen, will der Bundesrat die Schweizer Wirtschaft davor bewahren, dass sie nach dem Brexit mit Grossbritannien in einen vertragslosen Zustand stürzt. Grossbritannien ist immerhin der sechstwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Warenexporte und der achtwichtigste für Importe.

Für andere Wirtschaftsstandorte ist die Unklarheit ein Segen. Mehr als 40 Unternehmen sind in den letzten Monaten in die Niederlande umgezogen, teilt die niederländische Agentur für Auslandsinvestitionen mit. Die meisten davon stammen aus Grossbritannien, es habe aber auch Filialen von japanischen und US-Konzernen darunter. Das löst Investitionen von 290 Millionen Euro aus. 2000 Arbeitsplätze sollen so entstehen. (jb)

Erstellt: 11.02.2019, 14:37 Uhr

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