Steueraffäre bringt Bankgeheimnis-Gegner Woerth in Bedrängnis

2009 schoss Eric Woerth aus allen Rohren auf das Bankgeheimnis. Jetzt steht der Minister im Verdacht, er habe Frankreichs grösste Steuerzahlerin begünstigt.

Die Trauminsel Ile d'Arros: Sie könnte für Milliardärin Bettencourt zum Alptraum werden.

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So rasch und spektakulär verlor selten ein Aufsteiger seinen Glanz. Eric Woerth, den die Medien unlängst noch als «Monsieur Clean» feierten, war ein Senkrechtstarter. Es hiess gar, der 54-jährige frühere Unternehmensberater habe das Zeug zum Premierminister. Woerth war bis vor kurzem Budgetminister und ist nun als Arbeitsminister für die schwierige Rentenreform verantwortlich. Nach einer Serie von Enthüllungen trudelt Woerth in einer «Spirale» abwärts, so das regierungsnahe «Journal du Dimanche» gestern auf der Frontseite. Woerth wankt wegen einer Steueraffäre. Ausgerechnet Frankreichs grosser Gegner des Schweizer Bankgeheimnisses.

In Verdacht

Im letzten August hatte der Minister noch als grosser Vorkämpfer gegen Steuerflucht und Steuerparadiese gegolten. Die gestohlenen Kundendaten der Genfer Filiale von HSBC, die er den Medien mit einigem Triumph präsentiert hatte, dienten ihm als Grundlage für eine Kampagne gegen Betrüger – und gegen das schweizerische Bankgeheimnis. Nun gerät Woerth selber immer stärker in den Verdacht, er habe der reichsten Bürgerin und grössten Steuerzahlerin Frankreichs direkt oder indirekt beim Verstecken von Milliarden geholfen: Die Milliardenerbin des Pariser Kosmetikkonzerns L’Oréal, Liliane Bettencourt, die drittreichste Frau der Welt, gab letzte Woche zu, dass sie den Fiskus getäuscht habe (TA vom Mittwoch). Sie versprach die baldige Legalisierung ihrer in der Schweiz angelegten Gelder. Offenbar handelt es sich um zwei Konten über insgesamt 78 Millionen Euro.

Eine undeklarierte Insel

Am Wochenende wurde bekannt, dass Woerth 2009, zu seiner Zeit als Budgetminister, von der Justiz über den Verdacht auf Steuerhinterziehung unterrichtet worden war, jedoch auf eine Fahndung verzichtete. So soll er beispielsweise gewusst haben, dass Liliane Bettencourt eine kleine Insel im Indischen Ozean besitzt, die sie offenbar über eine Stiftung in Liechtenstein vor den Behörden versteckt: Die Ile d’Arros ist Teil der Seychellen, ein Paradies mit Flugpiste, Villa und Bungalows für Freunde. Ihr Wert: 300 bis 500 Millionen Euro. Warum setzte Woerth die Steuerpolizei nicht in Marsch? Kann es sein, dass er selektiv kontrollierte?

Der Verdacht auf Begünstigung wiegt umso schwerer, als die Frau des Ministers, die Anlageberaterin Florence Woerth, für Bettencourts Familienholding Clymène arbeitete. Die Verstrickungen sind so kolossal, dass sich die Franzosen fragen, ob der Minister nicht gehen muss. Woerths Ruf als Avantgardist im Kampf gegen die Steuerflucht, sein wichtigstes Kapital, ist wohl nachhaltig beschädigt. Oppositionspolitiker verlangen rasche Aufklärung, manche den Rücktritt. Es gibt untrügliche Zeichen für die wachsende Nervosität der Regierung.

Woerth wird zur Belastung für Sarkozy

Die Affäre Bettencourt hat sich zur Affäre Woerth gewandelt. Nicolas Sarkozys Plädoyer für seinen angeschlagenen Minister am G-20-Gipfel in Toronto zeugt davon: Frankreichs Staatspräsident bestellte die nationalen Medien eigens dafür, um Woerth sein «komplettes und totales Vertrauen» auszusprechen.

Verwunderlich ist das nicht. Von Woerths Schicksal dürfte der Erfolg der Rentenreform abhängen, dem wichtigsten Reformvorhaben in der Amtszeit Sarkozys, die in zwei Jahren abläuft, und damit die Wiederwahlchancen des Präsidenten. Woerths Nachfolger als Budgetminister, François Baroin, kündigte gestern an, er habe nun eine Steuerkontrolle aller Vermögen der Familie Bettencourt in Auftrag gegeben. Spät, und erst unter Druck der Öffentlichkeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2010, 10:47 Uhr

Was wusste er? Eric Woerth und seine Gattin Florence Woerth am 2. März dieses Jahres unterwegs zu einem Staatdiner im Elysse-Palast.

L. Bettencourt

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