Der unaufhaltsame Abstieg des Euro

Wie man eine Währung zuschanden reitet.

Zum Untergang verurteilt: Strahlend blauer Himmel über dem Euro gibt es nur auf den offiziellen Gemälden.

Zum Untergang verurteilt: Strahlend blauer Himmel über dem Euro gibt es nur auf den offiziellen Gemälden. Bild: Archivbild

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wechselkursprognostiker haben es nicht einfach heutzutage. Seitdem der Euro zwischenzeitlich die frühere Untergrenze von 1.20 Franken überschritt, also in unserer Währung gerechnet so teuer war wie schon lange nicht mehr, überschlugen sich die Ansagen, dass die europäische ­Währung zu neuen Höhenflügen ansetze, zumindest gut und stabil unterwegs sei.

Wieder einmal wurde vergessen, dass der Euro von Anfang an ein politisches Konstrukt war und ist, ohne finanztechnischen Verstand zusam­mengebastelt. Eine Fehlgeburt, die nur künstlich am Leben gehalten werden kann, aber niemals zu einer gesunden Währung wird. Die wenigen Versuche in der Geschichte, eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Fiskal- und Finanzpolitik zu basteln, scheiterten krachend. Wer’s nicht glaubt, sollte zum Beispiel die Geschichte der lateinischen Münzunion nachlesen. Der einzige aussereuropäische Mitgliedsstaat war übrigens Venezuela.

Innerhalb Europas gehörte neben Frankreich, Belgien und der Schweiz auch Italien dazu. Als diese Währungsunion, die sich am Schluss zu 24 Mitgliedern oder Teilnehmern aufgeblasen hatte, 1927 zusammenbrach, als die Schweiz als tapferes letztes Land die Münzen der anderen Staaten ausser Kurs setzte, erkannte man: Eine monetäre Union ohne politischen Zusam­menschluss in Form eines Bundesstaates ist systemisch instabil und zum Untergang verurteilt. Aber Erkenntnisse gehen immer wieder vergessen, deshalb muss dann die Geschichte nochmal durchlitten werden.

Aufgepumpt wie ein Luftballon

Nachdem über Jahre hinweg der wirtschaftliche Zwerg Griechenland Schockwellen durch den Euro ge­schickt hatte, meinte man, dass doch nun alles überstanden, der Euro gestärkt aus der Finanz- und Staatsschuldenkrise herausgekommen sei. Auch das Quantitative Easing der Europäischen Notenbank EZB, die über Jahre hinweg für über eine Billion Euro Staatsschuldpapiere aufkaufte und damit ihre Bilanz wie einen Luftballon aufpumpte, könne der Währung nicht wirklich schaden. Genauso wenig wie der Brexit, denn Grossbritannien hatte wohlweislich an seiner eigenen Währung festgehalten. Und alle Austrittsgelüste von Wirtschaftszwergen wie Griechenland, Malta oder Zypern seien auch ausgestanden.

Also strahlend blauer Himmel über dem Euro, zumindest auf den offiziellen Gemälden. Bis zur Regierungsbildung in Italien. Im Gegensatz zu Griechenland handelt es sich hier, nach dem Austritt Grossbritanniens, um die drittgrösste Volkswirtschaft innerhalb der EU. Italien ist also schlichtweg «too big to fail», zu gross, um in Euro zu scheitern. Gleichzeitig ist Italien in absoluten Zahlen das am höchsten verschuldete Land Europas, hat eine Jugendarbeitslosigkeit, die nur von Griechenland übertroffen wird, Süden und Norden driften immer weiter auseinander, dazu kommt eine Reformunfähigkeit und eine schon fast traditionelle Unregierbarkeit. Von der Bedeutung des informellen Wirtschaftssektors – also ausserhalb staatlicher Reglementierung und Besteuerung – und der Mafia ganz zu schweigen.

Die neuste und bereits vergangene italienische Regierung machte das, was viele Regierungen tun: schöne Verspre­chungen. Darunter ein garantiertes Grundeinkommen für alle, eine Flat Tax von 15 Prozent mit nur einer Steigerungsstufe auf 20 Prozent, ein möglicher früherer Renteneintritt und weitere Geschenke. Das kommt davon, wenn eine tendenziell linke mit einer rechten Partei eine Koalition eingeht und die unterschiedlichen Wahlversprechen einfach zusammengeschmis­sen werden. Angesichts einer lahmenden Wirtschaft mit Wachstumsraten weit unter dem EU-Schnitt und einer Staatsverschuldung von 2,25 Billionen Euro stellt sich die Frage, wo denn das Geld für all diese Guetzli herkommen soll, die die jährliche Neuverschuldung auf über sieben Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen lassen würden. Es wäre natürlich nicht Italien, wenn die Regierungsbildung ohne Rumpler abliefe. Aber auch allfällige Neu­wahlen würden die beiden populistischen Parteien nur für ein Neues stärken.

Interessante Idee aus Italien

Die bereits gescheiterte italienische Regierung hatte eine interessante Idee. Die EZB soll dem Land doch einfach 250 Milliarden Schulden erlassen, also einen Teil der aufgekauften Staatsschuldpapiere ungültig stempeln. Und sollte Brüssel auf der Einhaltung der Maastricht-Kriterien bestehen, also statt einer Staatsverschuldung von 132 Prozent des BIP nur maximal 60 Prozent und keine Neuverschuldung über 3 Prozent, dann könnte sich ­Italien auch den Austritt aus dem Euro vorstellen. Das führte dazu, dass der Spread, der Angstindikator, bei italienischen Staatspapieren anzog, zuerst bis auf fast zwei Prozent zunahm, dann nach dem Scheitern im ersten Anlauf der Regierung wieder abnahm. Bis er beim nächsten Mal wieder nach oben rauscht.

Indem sich die EZB zum grössten Gläubiger Italiens ausserhalb des Landes gemacht hat, ist sie natürlich vom Schuldner erpressbar geworden. Denn es liegt im ureigenen Interesse der EZB, dass italienische Schuldpapiere werthaltig bleiben, während sich Italien durch einen Austritt aus dem Euro und der Wiedereinführung der Lira zumindest die Chance auf einen Neustart eröffnen könnte. Da nützt dann alles Geschimpfe auf links- oder rechtspopulistische Parteien nichts: Mit Italien kann die EU nicht so umspringen wie mit Griechenland. Also ziehen mal wieder dunkle Wolken über der Zukunft des Euro auf, der Franken erlebt als Fluchtwährung neue Höhenflüge. Und der Zuschauer fragt sich ermattet, wie oft das gleiche Trauerspiel nochmals aufgeführt wird, bis die Eurokraten endlich das Unvermeidliche erkennen: Eine nicht reparierbare Fehlkonstruktion ist zum Scheitern verur­teilt. Die Frage ist nicht ob, nur wann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.05.2018, 10:54 Uhr

Artikel zum Thema

Franken-Entwarnung kam zu früh

Blog: Never Mind the Markets Dabei hatte es eben noch gut ausgesehen an den Märkten. Doch das Chaos in Italien zeigt: Alle Probleme sind noch da. Zum Blog

Ex-IWF-Direktor solls in Italien richten

Staatspräsident Sergio Mattarella hat den Wirtschaftsexperten Carlo Cottarelli beauftragt, eine neue Regierung zu bilden. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...