Teure Gesundheit: Über 10'000 Franken pro Kopf

Vergeblich gehofft: Heuer stiegen die Prämien nur leicht, das dürfte sich bald wieder ändern, wie neue Zahlen zu den Gesundheitskosten zeigen.

Mit den Löhnen im Gesundheitssektor und der wachsenden Zahl älterer Personen in der Schweiz steigen auch die Kosten: Pflegerin und Patientin im Universitätsspital Lausanne.

Mit den Löhnen im Gesundheitssektor und der wachsenden Zahl älterer Personen in der Schweiz steigen auch die Kosten: Pflegerin und Patientin im Universitätsspital Lausanne. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Die Gesundheitsversorgung in der Schweiz wird Jahr für Jahr teurer. Das widerspiegelt sich in den Prämien der Krankenversicherungen, die jedes Jahr ansteigen. Eine Trendwende ist gemäss Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich nicht in Sicht. Heute veröffentlichte sie ihre Prognose für die Gesundheitskosten der kommenden Jahre. Sie wurde mit Unterstützung des Krankenkassen-Vergleichsdiensts Comparis erstellt.

Die KOF rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg der Kosten um 3,8 Prozent. In den nächsten beiden Jahren dürften es dann 3,9 Prozent sein. Das ist leicht mehr als der Kostenanstieg im letzten Jahr (3,7 Prozent). Grund sind gemäss KOF die gestiegenen Löhne im Gesundheitssektor und die zunehmende Zahl älterer Personen in der Schweiz. Die kostendämpfenden Massnahmen der Politik, beispielsweise im Medikamentensektor, bremsen die Steigerung der Kosten nur wenig ab, wie es in der Untersuchung heisst.

Fast vier Prozent mehr pro Jahr

Für die Jahre 2019 und 2020 rechnet die KOF damit, dass die Löhne im Gesundheitssektor weiterhin steigen und die Alterung der Gesellschaft einen weiteren Anstieg der Kosten verursachen wird. Nach Berücksichtigung von Einsparungen durch politische Massnahmen rechnet die KOF mit einem Wachstum der Gesamtkosten von je 3,9 Prozent in den nächsten beiden Jahren. Insgesamt steigen die Gesundheitskosten pro Kopf von 9824 Franken im Jahr 2017 auf 10'705 Franken im Jahr 2020.

Besonders der Bereich «unterstützende Dienstleistungen» wächst gemäss KOF überdurchschnittlich. Dazu zählen vor allem Kosten für Laboruntersuchungen. Da der Trend zu immer mehr ambulanten Behandlungen statt Aufenthalten in Spitälern anhält, dürften die höheren Kosten vor allem durch mehr Selbstbehalte der Versicherten und höhere Krankenkassenprämien beglichen werden. Besser kommen gemäss KOF die Kantone weg, weil sie nur die Hälfte der Spitalkosten übernehmen, aber an den ambulanten Kosten nicht beteiligt sind.

Die aktuellen Konjunkturprognosen für die Gesamtwirtschaft der KOF gehen von einem Wachstum von knapp drei Prozent in diesem Jahr und rund zwei Prozent im nächsten Jahr aus. Das deutlich höhere Wachstum der Gesundheitsausgaben bedeutet, dass auch in Zukunft mehr Geld für den Gesundheitsbereich ausgegeben werden muss, sei es als Krankenkassenprämien oder als Selbstbeteiligung an den Behandlungskosten. Die KOF schätzt darum, dass die Gesundheitsausgabenquote vom Bruttoinlandprodukt von 12,2 Prozent im Jahr 2016 auf 12,8 Prozent im Jahr 2020 ansteigt. Je nach Haushaltseinkommen liegt die Belastung deutlich tiefer, einerseits bei Gutverdienern und andererseits bei Haushalten, die kantonale Prämienverbilligungen erhalten. Beim Mittelstand machen die Gesundheitskosten hingegen einen deutlich höheren Anteil aus.

Prämien könnten tiefer sein

Die Höhe der Prämien hängt vom gewählten Versicherungsmodell ab. Alternative Modelle wie beispielsweise ein Hausarztmodell oder eine Versicherung mit Telemedizin sind deutlich günstiger als die Standardversicherung mit der Mindestfranchise von 300 Franken. Die Krankenkassen dürfen aber von Gesetzes wegen nicht den ganzen Kostenvorteil an die Versicherten in diesem Modellen weitergeben.

Krankenkassenexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis findet das ungerecht: «Faktisch subventionieren die sparsamen Versicherten in diesen Modellen alle anderen.» Die Krankenkassen sollten vom Bund mehr Spielraum bekommen, jene Versicherten zu belohnen, die aktiv zur Eindämmung der Kosten beitragen, findet Schneuwly. Im Durchschnitt wären dann gemäss einer Berechnung von Comparis die alternativen Modelle um 550 Franken pro Jahr tiefer und die Prämien im Standardmodell um 1800 Franken pro Jahr höher. Eine solche Massnahme zugunsten von sparsamen Versicherten ist allerdings derzeit politisch nicht vorgesehen.

«Der Grundsatz, dass nur bezahlt wird, was wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist, muss endlich umgesetzt werden.»Felix Schneuwly, Comparis

Seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes vor 22 Jahren sind die Gesundheitsausgaben stetig gewachsen und haben sich von vierzig auf rund achtzig Milliarden Franken verdoppelt. «Keine politische Massnahme hat den Kostenanstieg nachhaltig gedämpft», sagt Felix Schneuwly. Weder die Einführung des Gesetzes, noch die Revision der Spitalfinanzierung, noch Eingriffe des Bundesrates bei den Medikamentenpreisen oder bei den Tarifen der Ärzte hätten sich in den effektiven Kosten niedergeschlagen.

Der Krankenkassenexperte fordert nicht noch mehr Eingriffe durch den Bund, sondern die Verstärkung des Effizienz- und Qualitätswettbewerbs unter den Leistungserbringern. «Der längst verankerte Grundsatz, dass nur bezahlt wird, was wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich ist, muss vom Bundesamt für Gesundheit endlich umgesetzt werden.» Dazu seien die gesetzlichen Grundlagen eigentlich vorhanden, so Schneuwly.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 20.11.2018, 10:00 Uhr

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