Griechen lesen geheime Novartis-Akte

Zeugenaussagen zu mutmasslich illegalen Geschäften mit Überschuss an Medikamenten.

Im Visier der Ermittler. Yannis Stournaras (links), griechischer Finanzminister bis 2014, und Ex-Premier Antonis Samaras.

Im Visier der Ermittler. Yannis Stournaras (links), griechischer Finanzminister bis 2014, und Ex-Premier Antonis Samaras. Bild: Keystone

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Die Akte liegt seit Dienstag zur Einsicht für die Abgeordneten in einem Zimmer im ersten Stock des griechischen Parlaments. Fotos mit dem Handy sind nicht erlaubt, doch ganze Abschriften von Zeugenaussagen finden trotzdem ihren Weg in die Öffentlichkeit. «Novartis-Gate», einer der grössten Korruptionsskandale des Landes, wie die linksgeführte Regierung in Athen bereits weiss, beschäftigt die Griechen. Der Basler Pharmakonzern soll jahrelang Ärzte und Politiker bestochen haben.

50 Millionen Euro an Schmiergeld und drei Milliarden Euro Schaden für den griechischen Staat zwischen 2006 und 2015 führt das Justizministerium in Athen als Eckdaten dieser Affäre an. Einer, der nun ins Trudeln kommt, ist Yannis Stournaras, Finanzminister in den Krisenjahren 2012 bis 2014, jetzt Gouverneur der griechischen Zentralbank und ein offener Kritiker der Regierung von Alexis Tsipras.

Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Stournaras der Vorteilsnahme und stützt sich dabei auf Aussagen anonymer Zeugen. Ein mehrseitiger Aktenvermerk der amerikanischen Bundespolizei FBI vom Dezember zu Novartis in Griechenland kursiert dazu ebenfalls komplett in den Onlinemedien. Die Justizhilfe aus den USA rückt dabei Stournaras’ Ehefrau Lina Nikolopoulou ins Licht. Ihr Unternehmen Mindwork erledigte für Novartis in Griechenland eine Reihe von Aufträgen: Marktstudien, Beratungen, aber auch eine Journalistenreise mit angeblich aufgeblähten Spesenrechnungen. Nichts an ihrer Zusammenarbeit mit Novartis sei illegal gewesen, erklärte Nikolopoulou. Doch für die Griechen ist die Optik alles andere als schön.

Stournaras selbst, der als Chef eines Athener Thinktanks früher auch teure Studien für die Pharmaindustrie erstellte, wie das FBI erinnerte, wies die Anschuldigungen kategorisch zurück. Er sei in seiner Amtszeit als Minister nie mit Vorgängen befasst gewesen, die direkt oder indirekt mit Novartis zu tun gehabt hätten, sagte Stournaras. Ähnlich formulierten es auch der frühere Gesundheitsminister und heutige EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos oder der ehemalige Regierungschef Antonis Samaras. Avramopoulos soll eine Kommission eingesteckt haben für eine überdimensionierte Grippe-Impfkampagne 2008 und 2009. Bei Samaras, so gab eine Zeugin an, fuhr Griechenlands Novartis-Manager gleich mit einem Geldkoffer in der Limousine vor.

Anonyme Zeugin

Konstantinos Frouzis, ehemaliger Vizepräsident von Novartis Hellas, rückt als angebliche Schlüsselfigur ins Zentrum von «Novartis-Gate», gemeinsam mit dem früheren Leiter der griechischen Krankenversicherungsanstalt EOPYY, Dimitris Kontos. Die beiden hätten sich zusammengetan und ein betrügerisches System aufgebaut, so behauptete vor allem eine der anonymen Zeuginnen, mutmasslich eine ehemalige Mitarbeiterin von Novartis Hellas. Kontos und Frouzis hätten die doppelte Menge von Medikamenten bei Novartis bestellt. Der Krankenkassenträger zahlte, der Überschuss aber sei in Warenhäusern von Privatunternehmen gelagert und dann wieder anderweitig verkauft worden.

Die Ausgaben für Pharmaprodukte stiegen in Griechenland in den Jahren vor der Finanzkrise 2010 stark an. «Wir haben so viel ausgegeben wie Spanien», stellte die Zeugin bei einer ihrer Vernehmungen laut Medienberichten fest. Spanien hat rund 45 Millionen Einwohner – viermal so viel wie Griechenland. Nur gesehen haben die Griechen von dieser angeblichen Flut an Novartis-Medikamenten nichts.

Krisensitzung im Kabinett

Frouzis und Kontos weisen die Vorwürfe zurück. Beide gaben 2015, im ersten Regierungsjahr der Links-rechts-Koalition von Alexis Tsipras, ihre Posten auf. Frouzis wurde von der griechischen Justiz mit einem Ausreiseverbot belegt.

Inwieweit die Konzernzentrale in Basel von den so dargestellten Machenschaften wusste, geht aus den bisher bekannt gewordenen Teilen der Ermittlungsakte nicht hervor. Novartis erklärte bisher, das Unternehmen arbeite weiter mit den Behörden in Griechenland zusammen. Eine Anklage sei vonseiten der griechischen Justiz nicht erhoben worden.

Gestern Abend traf sich das griechische Kabinett am Amtssitz von Tsipras für eine Krisensitzung zu Novartis. Die Regierung muss sich gegen Vorwürfe wehren, sie habe eine Justizkampagne gegen die konservative Opposition losgetreten. Die führt alle Umfragen seit mehr als einem Jahr mit weitem Abstand an. Nun sind gleich acht ehemalige Minister und zwei Ex-Regierungschefs – Samaras und der Interims-Ministerpräsident Panagiotis Pikrammenos im Jahr 2012 – mit «Novartis-Gate» belastet. Samaras hat bereits eine Verleumdungsklage gegen seinen Amtsnachfolger Tsipras angekündigt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.02.2018, 15:21 Uhr

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