«Bankberater verstehen kaum mehr von der Sache als Sie und ich»

Calista Fischer hat in der Finanzkrise 50'000 Franken verloren. Im Interview erklärt sie, wie sie den Verlust verkraftet hat und was sie anders machen würde.

Calista Fischer: «Ich sehe heute unseren Rechtsstaat und die von ihm zu gewährleistende Rechtsgleichheit in einem viel kritischeren Licht.»

Calista Fischer: «Ich sehe heute unseren Rechtsstaat und die von ihm zu gewährleistende Rechtsgleichheit in einem viel kritischeren Licht.» Bild: PD

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Als Sprecherin der «Anlagen-Selbsthilfe» erlangte Calista Fischer (53) landesweite Bekanntheit. Sie selbst war massgeblich beteiligt an der Gründung der Selbsthilfegruppe, in der sich 2008/09 geschädigte Kunden der Credit Suisse zusammenfanden.

Die rund 700 Mitglieder verloren ihre Ersparnisse grösstenteils oder gänzlich mit strukturierten Produkten, welche die Grossbank ihnen als absolut sicher verkaufte, aber nach dem Konkurs der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 wertlos wurden.

Fischer selbst musste 50’000 Franken ans Bein streichen, erhielt dann aber von der Credit Suisse eine Teilentschädigung von 60 Prozent. Im folgenden Gespräch blickt die Kommunikationsbeauftragte, zehn Jahre nachdem die globale Finanzkrise ihren Anfang nahm, auf die seinerzeitigen Ereignisse zurück und erklärt, welche Lehren sie aus ihrem Verlust gezogen hat.

Frau Fischer, wann wurde Ihnen im Laufe der Finanzkrise erstmals bewusst, dass Ihre Lehman-Papiere gefährdet sein könnten?
Im September 2008, als die Medien gross über den Zusammenbruch von Lehman Brothers berichteten, setzte bei mir ein flaues Gefühl ein – keine Minute früher. Bis dahin war ich im Glauben gewesen, dass ich Papiere der CS gekauft hatte und im schlimmsten Fall mein Geld ohne Zins zurückerhalten würde; im besten Fall hätte ich eine Rendite von bis zu 4 Prozent erzielen können. So jedenfalls hatte ich es aus den Erklärungen meines Bankberaters bei der Credit Suisse am Paradeplatz verstanden, wie der 100-prozentige Kapitalschutz der Lehman-Papiere funktioniert.

Und wann wurde Ihnen definitiv klar, dass Sie einen Verlust erleiden würden?
Von der CS wurde ich jedenfalls nicht informiert. Ich trug die Sache etwa eine Woche mit mir herum, und es ging mir dabei gar nicht gut. Als ich dann meinem Partner von den Lehman-Papieren erzählte, machte er mich darauf aufmerksam, dass in den Medien Berichte über andere Lehman-Geschädigte und deren Bestrebungen, sich gemeinsam zu organisieren, erschienen seien. Im Oktober 2008 trafen sich rund 20 Leute in Zürich, um eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Ich habe die Sprecherfunktion und die Führung der Gruppe übernommen.

Die Credit Suisse liess in der ganzen Zeit tatsächlich nichts von sich hören?
Nein, die Bank und mein Berater gingen auf Tauchstation. Erst Ende Oktober oder Anfang November erhielt ich von der CS ein Schreiben, das an Arroganz kaum zu überbieten war. Darin hiess es unter anderem, dass ich die Lehman-Papiere auf mein eigenes Risiko gekauft habe.

Was ist bei Ihnen im Rückblick besonders hängen geblieben, welche Gefühle kommen heute in Ihnen hoch?
Zum einen habe ich persönlich sehr viel gelernt aus den damaligen Ereignissen. Zum andern bin ich auch heute noch total «hässig», weil vieles von dem, was damals in der CS ablief, nie restlos geklärt wurde – auch und gerade von der Finma nicht, der Finanzmarktaufsicht.

Bleiben wir zuerst bei Ihren Lehren. Welche waren es?
Dass es einen Riesenunterschied gibt zwischen recht haben und recht bekommen. Auch sehe ich heute unseren Rechtsstaat und die von ihm zu gewährleistende Rechtsgleichheit in einem viel kritischeren Licht. Als Einzelperson haben Sie in einem Rechtsstreit mit einer Bank keine Chance. Das beginnt schon damit, dass Sie so gut wie keinen Anwalt von Rang und Namen finden, der bereit ist, Ihren Fall zu übernehmen. Die grösseren Kanzleien haben allesamt Mandate der Banken und fallen deshalb als Kläger gegen die Banken weg. Gelernt habe ich schliesslich, wie man eine Selbsthilfeorganisation aufbaut.

Was hat es mit Ihrem Frust gegen die Finma auf sich?
Der Finma werfe ich vor allem vor, dass sie sich nicht wirklich darum bemühte, die heiklen Fragen rund um den Lehman-Zusammenbruch aufzuklären. Das betraf etwa die personellen Verbindungen zwischen der CS und Lehman oder die von den CS-Kundenberatern verwendeten Methoden und Dokumentationen beim Verkauf der Lehman-Produkte. Man muss sich dazu noch mal den Ablauf der Ereignisse vor Augen führen: Der erste interne Zwischenbericht, den die Finma-Vorgängerin, die Eidgenössische Bankenkommission, erarbeitet hatte und der durch ein internes Leck öffentlich wurde, war verheerend für die CS ausgefallen. Daraufhin – und für uns damals völlig überraschend – entschloss sich die Bank im April 2009, einen grösseren Kreis von Lehman-Geprellten zu entschädigen. Zu diesem erweiterten Kreis gehörte übrigens auch ich. Später hat die Finma den Schlussbericht in Sachen CS/Lehman völlig entschärft und der Bank einen Persilschein ausgestellt. Auf diesen Bericht stützten sich dann die Gerichte.

Was würden Sie heute anders machen?
Im Rückblick muss ich in der Tat einräumen: Wir hätten den Rechtsstreit ganz anders aufziehen müssen. Heute würde ich in der Selbsthilfegruppe darauf drängen, das Geld zusammenzubringen, um mit einem besonders drastischen Fall möglichst schnell vor Gericht zu gehen und ein Urteil zu erwirken. Denn niemand hilft einem dabei, für seine Rechte zu kämpfen. Über die Finma haben wir bereits gesprochen. Aber auch die Wettbewerbskommission hielt sich aus der Sache heraus, als es um die Frage des unlauteren Wettbewerbs seitens der CS ging. Ebenso wenig haben wir von Politikern Unterstützung bekommen. Allerdings wäre es nicht einfach gewesen, rasch vor Gericht zu ziehen: Viele Lehman-Geschädigte, die bereits viel Geld verloren hatten, wollten damals keine zusätzlichen Mittel für einen ungewissen Ausgang investieren.

Welche Empfehlungen geben Sie mit Ihren Erfahrungen den Anlegern?
Es sind im Wesentlichen drei. Erstens verstehen die Bankberater kaum mehr von der Sache als Sie und ich. Den sogenannten 100-prozentigen Kapitalschutz der Lehman-Papiere hatte mein Bankberater jedenfalls genau gleich verstanden wie ich: dass ich schlimmstenfalls wenigstens mein Geld zurückerhalte. Zweitens sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Bankberater im Interesse der Kunden handeln. Sie haben ihre Vorgaben von der Bank und versuchen, den Kunden die entsprechenden Produkte zu verkaufen. Und drittens sollten die Anleger ihrem Bauchgefühl folgen und sich unter keinen Umständen von der Bank etwas aufschwatzen lassen, wie mir das mit den Lehman-Papieren passiert ist.

Was tun Sie heute mit Ihren Ersparnissen?
Ich habe nur noch Schulden (lacht). Mit meinem Partner habe ich ein Haus gekauft und mit einer zehnjährigen Hypothek finanziert. Das ist planbar, berechenbar, und die Szenarien sind überblickbar. Daneben habe ich noch ein Bankkonto und ein Säule-3a-Konto, dessen Einzahlungen in Immobilienfonds investiert sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2017, 19:53 Uhr

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