Die Saga von «Big Moustache»

Christophe de Margerie, der gestern in Moskau tödlich verunglückte Patron von Total, war ein aussergewöhnlicher Firmenchef.

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Sie nannten ihn «Big Moustache», grosser Schnauz. Und es ist nicht überliefert, dass sich Christophe de Margerie je darüber geärgert haben könnte, eher im Gegenteil: Er war ein humorvoller, schlagfertiger Mann, nie verlegen um einen Spruch. Der mächtig buschige Schnauz war sein Markenzeichen, ein Symbol für seinen originellen, jedenfalls untypischen Auftritt als Chef des privaten Erdölkonzerns Total, des umsatzstärksten Industrieunternehmens Frankreichs, eines globalen Giganten. Nun ist Christophe de Margerie im Alter von 63 Jahren bei einem Flugzeugunfall in Moskau gestorben. Sein Falcon 50, ein Privatjet, sollte gerade abheben, bei Nebel und Regen in der Nacht auf Dienstag, da kollidierte die Maschine mit hoher Geschwindigkeit mit einem Schneeräumungswagen. Die drei Mitglieder der französischen Crew kamen ebenfalls ums Leben.

Imposante Welle von Mitgefühl

Vielleicht wird in den nächsten Stunden auch die Frage aufkommen, welche Geschäfte de Margerie gerade im international öffentlich geächteten Russland besprach. Doch zunächst einmal löste die Meldung seines Todes in Frankreich eine imposante Welle von Mitgefühl und Hommagen aus, wie man sie für einen Patron eines sagen- und skandalumwitterten Ölkonzerns wie Total eigentlich nicht erwartet. Premier Manuel Valls etwa schreibt in seinem Communiqué, er sei «tief bewegt» vom Verscheiden «eines Freundes», der Tausende von Mitarbeitern als Waisen hinterlasse. Auch Valls erwähnte de Margeries «feinen Esprit» und dessen «so französischen Humor». Auf den Nachrichtensendern erzählten Wirtschaftsjournalisten von fast endlosen Diners mit dem PDG, dem Président-Directeur-Général von Total, einem bekennenden Bonvivant, der den Kontakt zu den Medien pflegte wie kaum ein anderer. Nichts schien ihn mehr zu besorgen als der schlechte Ruf seines Unternehmens.

De Margeries Werdegang unterscheidet sich insgesamt von jenem seiner Kollegen aus dem Wirtschaftsestablishment der Republik, die in der Regel dieselben Eliteschulen absolviert haben – Polytechnique, ENA, Sciences Po, HEC. Geboren wurde er in eine wohlhabende, katholische Familie. Seine Mutter war eine Tochter von Pierre Taittinger, dem Besitzer des gleichnamigen Luxusunternehmens, das sich vor allem mit Champagner einen Namen gemacht hat. Etliche Familienmitglieder zog es in die Diplomatie. Christophe de Margerie aber besuchte die «Sup de Co» in Paris, eine höhere Handelsschule ohne viel Glanz. 1974, mit 22 Jahren, bewarb er sich bei Total, weil die Firma ihren Hauptsitz in unmittelbarer Nähe von zu Hause gehabt habe, im XVI. Arrondissement, und arbeitete sich hoch.

Ein Meister im Netzwerken

Den Durchbruch schaffte er als Geschäftsverantwortlicher für den Mittleren Osten. Die Zeit sollte ihm auch Probleme mit der Justiz einbringen. Die Ermittler verdächtigten de Margerie, dass er das Embargo der Vereinten Nationen gegen das Regime von Saddam Hussein umging und womöglich geheime Kommissionen bezahlte, um Total das Business zu sichern. Er wurde damals gar 48 Stunden in Untersuchungshaft genommen, eine Erfahrung, die ihm besonders zusetzte. Sie hätten ihm in der Haft den Gürtel und die Brille weggenommen, sagte er einmal. Das Verfahren wurde später eingestellt.

Unter internationalen Druck geriet Total auch, weil es das burmesische Militärregime selbst in einer Zeit stützte, da dieses mit harter Hand den Aufstand der Mönche niederschlug. Ohnehin stand das Unternehmen immer im Ruch, recht freundlich mit den Diktatoren und Ölpotentaten dieser Welt umzugehen, wenn ihnen die nur Business beschufen. De Margerie sagte einmal, «menschliche Wärme» sei das Wichtigste, auch bei harten Verhandlungen. Er war ein Meister im Netzwerken, reiste unermüdlich um die Welt: zu den Russen, den Venezolanern, nach Nigeria, Algerien, in die Golfstaaten.

De Margerie weiss die Kritiker zu besänftigen

Total – das war spätestens nach dem Unfall des Öltankers Erika vor der bretonischen Küste 1999 auch in den Augen vieler Franzosen ein zynischer Grossbetrieb. Viel Unmut beschert der Firma sodann, dass sie zwar als Nummer 5 der Branche weltweit 200 Milliarden Euro Umsatz und einen Reingewinn von 10 Milliarden erwirtschaftet, in Frankreich aber keine Steuern bezahlt, weil ihr Geschäft in der Heimat defizitär ist. Gerade in der Wirtschafts- und Schuldenkrise, die den Bürgern in den letzten Jahren höhere Steuern eintrug, erscheint das vielen wie eine grosse Ungerechtigkeit.

De Margerie wusste das und versuchte die Kritik mit einem persönlichen, irgendwie selbstschädigend altruistischen Vorschlag zu besänftigen: Er sagte einmal, man müsste Grossverdiener wie ihn höher besteuern. So trat «Big Moustache» am liebsten auf: direkt und anti-konformistisch, gerne auch mal politisch und polemisch. Darum mochte man ihn, lieber jedenfalls als die meisten anderen «Grands Patrons» im Land, die alle aus derselben Wiege stiegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2014, 10:28 Uhr

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