Auf Kuschelkurs mit Maos Erbe

Ray Dalio, der mächtigste Grossinvestor, hat in China Möglichkeiten wie kaum ein anderer. Das liegt auch an seiner ideellen Nähe zum kommunistischen Regime.

Inspiriert von der chinesischen Kultur und der kommunistischen Führung: Bridgewater-Gründer Ray Dalio am WEF in Davos.

Inspiriert von der chinesischen Kultur und der kommunistischen Führung: Bridgewater-Gründer Ray Dalio am WEF in Davos. Bild: Reuters

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Bridgewater, der grösste Hedgefonds der Welt, will in China ganz gross einsteigen. Geplant ist, bei chinesischen Investoren im Land Gelder im Umfang von mehreren Milliarden Dollar zu sammeln, um damit mit chinesischen Anlagen zu handeln. Der in Westport im US-Bundesstaat Connecticut angesiedelte Hedgefonds beschäftigt 1500 Personen und verfügt über ein Investitionsvolumen von 160 Milliarden Dollar. Seit seiner Gründung im Jahr 1975 hat der Fonds für seine Investoren insgesamt eine Rendite von 49 Milliarden Dollar erzielt, womit er zu den erfolgreichsten Instituten seiner Art zählt.

Pläne für den chinesischen Markt haben auch andere Finanzinstitute aus dem Westen. Aber kaum eines hat die Möglichkeiten, die sich Bridgewater bieten. Bridgewater hat sogar die Bewilligung erhalten, direkt auf den chinesischen Finanzmärkten aktiv zu sein. Dieses Privileg gewähren die chinesischen Behörden selten einem ausländischen Institut.

Das liegt an Ray Dalio, dem Gründer und Chef des Hedgefonds, dessen Vermögen auf rund 17 Milliarden Dollar geschätzt wird. Seit seinem ersten Besuch im bevölkerungsreichsten Land der Erde 1984 ist Dalio von China begeistert. Die Reise war der Anfang einer «unglaublich fruchtbaren, mehr als dreissigjährigen Reise, die mich und meine Familie grundlegend beeinflusst hat», schreibt Dalio in seiner demnächst erscheinenden Autobiografie, aus der das «Wall Street Journal» vorab zitiert hat. Immer wieder hat der Hedgefonds-Gründer China besucht und Kontakte zu Bürokratie und Politikern gepflegt. Und er hat Millionen für wohltätige Zwecke im Land gespendet.

Vom chinesischen System geprägt

Wie schon das Zitat aus der Autobiografie anklingen lässt, geht die Beziehung von Dalio zu China aber über blosse Geschäftskontakte hinaus. Der Bridgewater-Gründer hat die chinesische Kultur und die kommunistische Führung des Landes intensiv studiert und sich stark davon inspirieren lassen. Wie aktuelle und ehemalige Mitarbeiter des Hedgefonds dem «Wall Street Journal» erzählt haben, reflektiert auch die Unternehmenskultur bei Bridgewater die politische Kultur von China.

Selbst ein Politbüro – wie sich die oberste Führungsriege der Kommunistischen Partei Chinas nennt – hat Ray Dalio bei seinem Hedgefonds geschaffen. In diesem nahmen rund zwei Dutzend Spitzenmanager des Fonds Einsitz, um Konflikte im Unternehmen abzuwenden und Regeln durchzusetzen. Mittlerweile wurde das Gremium allerdings wieder aufgelöst. 1995 sandte Dalio auch seinen damals 11-jährigen Sohn nach Peking, um ein Jahr lang bei einer chinesischen Familie in der Hauptstadt des Landes zu leben. Dafür hat er eine spezielle Bewilligung der chinesischen Regierung benötigt.

Die von Dalio 210 schriftlich verfassten «Prinzipien», die diesen Herbst neu verlegt werden, sind laut Beobachtern ebenfalls stark durch die chinesische Kultur und Geschichte beeinflusst worden. Die Prinzipien haben für die Bridgewater-Mitarbeiter den Stellenwert einer Lebens- und Handelsanleitung. Einige Bridgewater-Kenner sehen auch Parallelen zwischen der von Dalio beim Fonds praktizierten «radikalen Transparenz» und den unter dem einstigen chinesischen Kommunistenführer Mao Zedong üblichen «Kampfsitzungen». Bei Letzteren wurden die Bürger dazu aufgerufen, allfälliges Fehlverhalten ihrer Kader zu denunzieren. Die Angeschuldigten hatten dann vor einer grösseren oder kleineren Öffentlichkeit ihre Fehlbarkeit oder sogar ihre Verbrechen zu gestehen.

Die Bedeutung der «radikalen Transparenz»

Bei Bridgewater bedeutet «radikale Transparenz» unter anderem, dass die meisten Sitzungen und sonstigen Treffen von Mitarbeitern aufgenommen werden und abgehört werden können. Zudem werden auch hier die Mitarbeiter dazu aufgefordert, die Schwächen von anderen offen zu nennen. Allerdings dürfen Mitarbeiter sich nicht kritisch äussern, wenn sie nicht anwesend sind. Das entspricht dem 11. Prinzip von Dalio: «Sag nie etwas über eine Person, was du ihr nicht auch direkt sagen würdest. Wenn du es dennoch tust, bist du ein schleimiges Wiesel». Wer es dreimal dennoch tut, kann bei Bridgewater entlassen werden.

Ray Dalio hat zum Offenheitsprinzip einmal geschrieben: «Indem wir die Probleme an die Oberfläche bringen und sie sogleich angehen, erzielen wir bessere Resultate und eine grössere Kameradschaft zwischen den Leuten, die diese offene Art mögen.» So würden die Leute sehen, dass es keine Seilschaften gebe und die besten Ideen sich durchsetzten: «Das ist wunderbar für Leute, die das lieben, und schwierig für jene, die das nicht ertragen», schreibt Dalio. Neue Mitarbeiter und Kader würden daher anfänglich nicht selten in Sitzungen in Tränen ausbrechen. Laut Dalio kann es mehr als ein Jahr dauern, bis sie sich an die Bridgewater-Kultur gewöhnt haben.

Die Offenheit innerhalb des Unternehmens gilt aber nicht gegen aussen. So sorgen viele einstige Mitarbeiter der Geheimdienste CIA und der NSA bei Bridgewater dafür, dass keine Informationen an die Öffentlichkeit gelangen, und für die Sicherheit. Selbst der von Donald Trump entlassene FBI-Direktor James Comey war bei Bridgewater beschäftigt. Auch in dieser Abgeschlossenheit nach aussen zeigen sich Parallelen zur politischen Kultur Chinas. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.09.2017, 20:46 Uhr

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