Brexit schreckt die Unternehmer nicht ab

Grossbritannien bleibt trotz des nahenden EU-Austritts das beliebteste Ziel von Investitionen in Europa.

Eitel Sonnenschein? Noch ist ungewiss, ob sich Grossbritannien und die EU vor dem offiziellen Brexit im März 2019 einig werden.

Eitel Sonnenschein? Noch ist ungewiss, ob sich Grossbritannien und die EU vor dem offiziellen Brexit im März 2019 einig werden. Bild: Keystone

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Unsicherheit gilt als Gift für die Wirtschaft. In Grossbritannien erleben demzufolge Entscheidungsträger international tätiger Unternehmen schwierige Momente. Seit dem Brexit-Referendum, in dem sich die Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU aussprach, sind zwei Jahre vergangen, und noch immer ist nicht klar, wie die künftigen Handelsbeziehungen zwischen dem Königreich und der EU aussehen könnten. Alles oder nichts und sehr viel dazwischen ist noch möglich: Zollunion, spezielle Zollpartnerschaft, Freihandelsvertrag oder letztlich doch kein Brexit?

Regierungschefin Theresa May will handelspolitisch einen harten Kurs fahren und sowohl die Zollunion als auch den EU-Binnenmarkt verlassen. Doch sogar einige Brexit-Befürworter aus den eigenen konservativen Reihen erbleichen beim Gedanken an die dadurch kaum vermeidbaren Handelshürden mit dem wichtigsten Partner. Sie befürchten einen Wohlstandsverlust und setzen sich für eine sanftere Lösung ein. Aufgrund der knappen Mehrheitsverhältnisse im Parlament könnte sich deshalb das britische Verhandlungsangebot an Brüssel bis im Herbst noch mehrmals verändern. Wie die EU und die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten schliesslich reagieren werden, steht noch in den Sternen.

Exodus bisher ausgeblieben

Einziger Fixpunkt bleibt der offizielle Austritt Grossbritanniens aus der Gemeinschaft am 29. März 2019. Die beiden Parteien hatten sich im März auf eine Übergangsfrist bis Ende Dezember 2020 geeinigt. Diese Zeit, in der die Briten weiter Zugang zum EU-Binnenmarkt hätten und mit Drittstaaten Freihandelsabkommen aushandeln dürften, soll den Unternehmen dazu dienen, die Folgen des Brexit abzufedern. Scheitern jedoch die Verhandlungen, käme es zu einem harten Brexit – ohne schonende Massnahmen für die heimische Wirtschaft.

Das Risiko eines Austritts ohne Abkommen und Übergangsphase beunruhigt die Credit Suisse mit ihrem Londoner Sitz stark, wie Tom Duff Gordon, Europadirektor für Public Policy der Grossbank, an einer Brexit-Diskussion der Britisch-Schweizerischen Handelskammer in Genf erklärte. Das Unternehmen verfolge die Debatten im Parlament und die Verhandlungen eng und betreibe intensive Lobbyarbeit in Brüssel. Gemäss Duff Gordon steht für die Banken viel auf dem Spiel. Sie könnten gezwungen sein, ihre Geschäftstätigkeiten von London in die EU-Länder zu verlagern, um sich den Marktzugang zu den europäischen Kunden zu sichern. Es handle sich aufgrund mehrerer Tausend bestehender Verträge vor allem um grosse operative Risiken und damit verbundene Kosten.

Die Abwanderungsdrohung von Banken und Versicherungen war ein wunder Punkt für die Regierung von Theresa May, denn die britische Volkswirtschaft wird stark durch den Dienstleistungssektor (80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) und allen voran durch den Londoner Finanzplatz geprägt. Zum grossen befürchteten Exodus ist es bisher aber nicht gekommen. Inzwischen wird auch nicht mehr von 50'000 bis 75'000, sondern von rund 5000 Jobs im Finanzsektor gesprochen, die möglicherweise ins Ausland abgezogen werden.

Auch der Brexit-Experte des Beratungsunternehmens EY, Mats Persson, bestätigt für die britische Wirtschaft insgesamt: «Es gibt bisher wenige Beweise für einen grossen Exodus von Vermögenswerten.»

50'000 neue Stellen

Um die Abhängigkeit vom Finanzsektor zu reduzieren und ausgewogenere Wirtschaftsstrukturen zu erreichen, will die Regierung die Ansiedlung von Industrie besonders fördern. Voraussetzung dazu ist, dass die nationalen und internationalen Unternehmen in den Auf- und Ausbau ihres Geschäfts investieren.

Kritische Stimmen warnen vor einem Investitionsstopp aufgrund der unsicheren Brexit-Situation. Richard Ayton, Direktor für Regierungsangelegenheiten beim US-Chemiekonzern Dow Chemical in Grossbritannien, führte in Genf vor allem die möglichen regulatorischen Brüche zwischen den zwei Wirtschaftsräumen und Einschränkungen bei der Rekrutierungen von Fachkräften als Gründe auf.

Eine am Montag veröffentliche Studie von EY zeigt aber auf, dass das Ausland weiter an die britische Wirtschaft glaubt: Trotz des nahenden EU-Austritts bleibt Grossbritannien das beliebteste Ziel von Investoren in Europa – vor Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Investitionsprojekte sogar noch um sechs Prozent auf 1205 gestiegen. Hauptgrund ist neben dem schwachen Pfund das erhöhte Engagement von US-Firmen. «Das grosse Vertrauen, das gerade amerikanische Unternehmen in Grossbritannien setzen, ist bemerkenswert», so EY-Deutschland-Chef Hubert Barth. Einziger Wermutstropfen: Gegenüber der französischen Konkurrenz haben die Briten an Boden verloren.

Da die Studie aber keine Angaben zum finanziellen Umfang der Direktinvestitionen macht, wird die Aussagekraft etwas relativiert. Zahlen hingegen enthält eine Publikation von Dealroom zum Risikokapital. Britische Technologieunternehmen erhielten 2017 mit 7,8 Milliarden Dollar doppelt so viel wie im Vorjahr aus dem Ausland – dies ist mehr als die französischen und die deutschen Firmen zusammen.

Die EY-Experten gehen davon aus, dass durch die ausländischen Investitionen rund 50 000 neue Stellen geschaffen werden. Das Nationale Statistikamt ONS wartete diese Woche ebenfalls mit positiven Nachrichten auf: Zwischen Februar und April stellten Arbeitgeber in Grossbritannien über 146 000 Personen an.

Auch über die negativen wirtschaftlichen Folgen des Brexit in Nordirland werde viel Unsinn erzählt, sagt Ian Paisley. «Aktuell verzeichnen wir die höchsten ausländische Direktinvestitionen und tiefsten Arbeitslosenzahlen in der Geschichte des Landes», so der nordirische Abgeordnete (siehe Box). Da sich die aktuelle Unsicherheit trotzdem negativ auswirke, müsse der Ausstieg schnellstmöglich vollzogen werden.

Die EY-Umfrage hat gezeigt: Der Brexit steht nur noch an vierter Stelle auf der Sorgenliste von Unternehmern und Investoren. Geopolitische Risiken, die Instabilität der EU und der wachsende Populismus beschäftigen sie inzwischen mehr.

Erstellt: 14.06.2018, 10:10 Uhr

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