Interview

«Der Staat hat keine Chance»

Der Investmentbanker Gerald Hörhan schlägt zurück: Statt über die Finanzelite zu jammern, solle sich die Mittelschicht um den eigenen Aufstieg kümmern. Ein Gespräch mit einem, der den Markt verehrt.

«Ich habe ein paar kostspielige Hobbys»: Hörhan mit Sportwagen.

«Ich habe ein paar kostspielige Hobbys»: Hörhan mit Sportwagen.

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Gerald Hörhan, Österreicher und 35 Jahre alt, spricht offenbar gerne Klartext. In Europa, so schreibt der Mathematiker, werde es bald wieder so sein, «wie es in der Geschichte der menschlichen Zivilisation fast immer war und wie es dem Grundprinzip des Systems entspricht: Es wird wenige geben, die viel haben, und viele, die nichts haben.»

Statt also über Investmentbanker zu schimpfen, «die eurer ziemlich bescheuerten Meinung nach die Weltwirtschaft ruiniert haben», müsse der Mittelstand sich endlich aufraffen und sich aus seinem Hamsterrad aus ausbeuterischer Lohnabhängigkeit und Konsumschulden befreien – also aufsteigen. «Eure Jobs wird es nicht mehr geben, und wenn ihr nichts ändert, wird der Wind – bildlich, aber nicht nur bildlich gesprochen – eines Tages das trockene Laub durch eure verlassenen Häuschen am Stadtrand treiben.»

Es ist ein Aufruf an den eiskalten Überlebenskampf. «Ich konzentriere mich selten auf meine Sympathiewerte», sagt Hörhan. «Das hiesse, in meine Schwächen zu investieren.» baz.ch/Newsnet hat mit ihm über sein Buch gesprochen.

Gerald Hörhan, wie kommen Sie darauf, dass bald der eisige Wind durch unsere leeren Quartiere pfeift?
Das System, in dem wir leben, verträgt sich nicht mit einem grossen Mittelstand. Es basiert darauf, dass es wenige Reiche und viele Arme gibt. In diesem Sinne ist die Situation heute in Europa, mit einer breiten Mittelschicht, ein historisch einmaliges Phänomen. Es hat funktioniert im Aufschwung der Nachkriegszeit, in dem der Staat ein bequemes Auffangnetz eingerichtet hat. Doch es wird keinen Bestand haben.

Warum nicht?
Weil sich das System nicht kontrollieren lässt. Es ist eine komplexe, globale und unübersichtliche Krake, die mit den kleinen Rädchen macht, was sie will. Das wird mit jeder Krise deutlicher werden. Der Staat hat keine Chance: Erhöht er die Steuern, verlagern die Reichen ihr Vermögen einfach in ein anderes Land. Das System ist seit Menschengedenken dasselbe – ob die Akteure nun Herren und Sklaven, Adelige und Bauern oder eben Kapitaleigner und Arbeitnehmer sind.

Sie hören sich an wie ein Revolutionsführer.
Ja. Aber im Gegensatz zu Anarcho-Punks denke ich nicht, dass frei ist, wer nichts hat. Sondern dass frei ist, wer reich ist. Wer den Aufstieg schafft. Und das geht tatsächlich nur mit Rebellion – mit einer Befreiung aus dem Hamsterrad, in dem sich die Mittelschicht in ihrer Bequemlichkeit und ihrem Sicherheitsbedürfnis eingerichtet hat.

Was meinen Sie mit Hamsterrad?
Die Ausbeutung in ihrer heutigen Form basiert auf Schuldendienst. Ihr verschuldet euch für Autos, für das Eigenheim, für den Konsum, und dann müsst ihr euer Leben lang für andere Leute schuften, um die Schulden zu tilgen. Und dafür hasst ihr dann jene, die gut verdienen. Ich will mit meinem Buch zeigen, dass es einen anderen Weg gibt: Schlagt zurück!

Im Buch beschreibt Hörhan, selbst Kind einer Mittelstandsfamilie, wie er sich den Aufbruch aus der Mittelschicht vorstellt: über ökonomische Bildung. Indem man mehr einnimmt als ausgibt, bereit ist zur Leistung, sich vom Traum eines Eigenheims und eines Neuwagens verabschiedet (und von «Konsumidiotie» im Allgemeinen), nur Anlagen kauft, die man versteht und vor allem für sich arbeitet statt für jemand anderen.

Kann man denn nicht auch als Angestellter glücklich sein? Wenn das System auf Ausbeutung beruht, brauchen die oben schliesslich auch die unten.
Klar, auch ein Angestellter kann eine begrenzte Macht haben. Wenn er sich nicht verschuldet, wenn er arbeitet und sich an Unternehmen beteiligt. Aber es wird immer weniger Menschen geben, die so leben können: Je nach politischem System etwa 30 bis 50 Prozent der Gesellschaft. Der Rest steigt entweder ab oder auf. In der Schweiz übrigens werden sich vermutlich mehr Menschen in der Mittelschicht halten können als im Rest Europas.

Warum?
Weil die Schweiz vieles besser gemacht hat als die Staaten der EU. Ihre Politik ist weniger leistungsfeindlich, sie ist wettbewerbsfähiger, die Staatsverschuldung ist geringer. Aber auch in der Schweiz wird der kalte Wind zu spüren sein – allein schon, weil die demografische Entwicklung die Sozialversicherungen und die Gesundheitsversorgung, die auf einem Umlageverfahren basieren, funktionsuntüchtig macht.

Weltweit betrachtet stimmt Ihre Prognose nicht: Die Mittelschicht schrumpft nicht, sie wächst.
Das trifft zu für Wachstumsstaaten wie China oder Indien. In diesen Ländern gab es früher so gut wie gar keine Mittelschicht. Aber auch dort wird sie bei etwa 30 Prozent stagnieren. Wie gesagt: Das System, in dem wir leben, ist nicht auf eine grosse Mittelschicht ausgelegt.

Sie betonen in Ihrem Buch immer wieder, wie wichtig Ihnen individuelle Freiheit ist. Auch als Künstler könnten Sie abseits des Mainstreams leben. Warum ist Ihnen Reichtum so wichtig?
Das stimmt, das wäre auch ein Weg. Aber erstens habe ich ein paar kostspielige Hobbys. Und zweitens habe ich einfach gesehen, dass Kapital dabei hilft, frei zu sein. Wirklich frei ist nur, wer mit Geld umgehen kann.

Zurück zur Kunst: Nicht alles hat einen eindeutigen Marktwert. Wer kümmert sich darum, wenn alle nur noch mit dem Aufstieg beschäftigt sind?
Es ist klar, dass man manches nicht kaufen kann. Freundschaft etwa. Aber Geld betrifft schon fundamentale Werte. In Zukunft etwa auch die Frage, ob man sich Gesundheitsvorsorge leisten kann oder eine gute Schule für sein Kind.

Ist Ihre Vision ein Volk von Kleinunternehmern?
Sagen wir eine Gesellschaft mit eigentümergeführten Unternehmen. In manchen Branchen braucht es Konzentrationsprozesse, damit die Unternehmen international wettbewerbsfähig sind. Starke Eigentümer aber sind wichtig – sie übernehmen Verantwortung, sie bezahlen mit dem eigenen Geld, wenn etwas schiefgeht. Ein guter Unternehmer muss sehr ehrlich sein, sonst kann er nicht überleben.

Genau dort liegt das Problem. Viele Menschen sind nicht aus Neid wütend über die Investmentbanker, sondern weil diese hohe Verluste einfahren, ohne wirkliche Verantwortung zu tragen. Weil sie eben gerade keine Unternehmer sind, sondern Manager.
Das stimmt. Es ist in Ordnung, wenn Leute für sehr gute Arbeit sehr viel verdienen. Wenn sie aber umgekehrt nicht bestraft werden, wenn sie hohe Verluste einfahren, dann ist das falsch. Es setzt falsche Anreize.

Die Schweiz hat die UBS aufgefangen. Hätte man sie fallen lassen sollen?
Wenn sie das gemacht hätte, dann wäre das Land innerhalb eines einzigen Tages bankrott gewesen. Es wäre alles zerstört gewesen, komplette Anarchie.

Wie also soll man sicherstellen, dass die oben sich ehrlich verhalten?
Es gibt natürlich regulatorische oder steuerliche Ansätze, die sind aber begrenzt. Der beste Weg ist es, auf starke Privateigentümer zu setzen – sie werden in den meisten Fällen nicht zulassen, dass ein Unternehmen wegen schlechter Führung in die Schieflage gerät.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2011, 16:24 Uhr

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Der Autor

Gerald Hörhan, geboren 1975, führt die eigene Investmentfirma Pallas Capital und doziert an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zuvor arbeitete der Mathematiker und Ökonom (Harvard) für die Unternehmensberatung McKinsey & Company in Frankfurt sowie für JPMorgan Chase an der Wallstreet.

Hörhan setzt im Geschäft sowohl das Geld von Kunden als auch eigenes ein, wie er im Gespräch mit baz.ch/Newsnet sagt. Sein Unternehmen sucht Investoren für Unternehmen und begleitet Fusionen – das klassische Investmentbanking. Das dabei verdiente Geld investiert Hörhan auch als Privatperson.

Auf die Frage, ob er sich an Unternehmen beteilige, um sie danach zu verkaufen, antwortet er: «Wir betonen immer, dass wir langfristige Investoren sind. Wir haben keinen Exit-Druck. Aber natürlich, wenn sich eine gute Gelegenheit ergibt, verkaufen wir möglicherweise.»

Gerald B. Hörhan, «Investment Punkt – warum ihr schuftet und wir reich werden». Edition a/Ullstein, 192 Seiten, 19,95 Euro/8,99 Euro.

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