Die Fed-Chefin schiesst sich selber ab

Plötzlich nett war der US-Präsident jüngst zu Janet Yellen. Doch diese liess sich nicht um den Finger wickeln, wie Jackson Hole zeigte.

Weiss, was sie will und geht ihren Weg: Janet Yellen beim jährlichen Treffen der Finanzspitzen in Jackson Hole. (25. August, 2017)

Weiss, was sie will und geht ihren Weg: Janet Yellen beim jährlichen Treffen der Finanzspitzen in Jackson Hole. (25. August, 2017) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Janet Yellen tut wenig, um ihren Sitz als Chefin der US-Notenbank (Fed) zu verteidigen. Im Februar des nächsten Jahres läuft ihre Amtszeit ab, und Präsident Donald Trump kann dem Senat einen neuen Amtsinhaber zur Wahl vorschlagen. In der Vergangenheit kritisierte er Yellen oft heftig. Letzte Woche hat er allerdings eine Kehrtwende vollzogen und erklärt, dass er ihre Wiederwahl nicht ausschliesse, er erklärte sogar, dass er sie möge. In der Presse wurde das so interpretiert, dass Trump an anhaltend tiefen Zinsen interessiert sei. Das würde eine steigende Staatsverschuldung etwas erträglicher machen, wenn er seine Steuersenkungs- und Investitionspläne doch noch durchsetzen kann.

Die überraschende Annäherung durch Trump hindert umgekehrt aber die Fed-Chefin nicht daran, ihrerseits den Präsidenten bzw. dessen Politik deutlich zu kritisieren. Das hat sie am Treffen der Notenbankchefs in Jackson Hole Ende letzter Woche in einem Gebiet unmissverständlich getan. In ihrer Rede betonte sie, dass die seit der Finanzkrise ergriffenen Regulierungen notwendig waren und dringend bewahrt werden müssten. Denn nur dank den strengeren Regeln für das Verhalten der Banken sei das Finanzsystem insgesamt sicherer. Das mache auch die Gesamtwirtschaft stabiler und die Geldpolitik der Notenbanker wirksamer.

Trump plant im Gegenteil dazu, die Regulierungen für die Banken auf breiter Front wieder zu lockern. Anders als Yellen behauptet er, die seit der Krise eingeführten Regeln würden dazu führen, dass die Banken den Kunden weniger Geld leihen könnten, was letztlich der Wirtschaft schade. Yellen meinte in ihrer Rede, dass eine grössere Zurückhaltung der Banken bei der Geldvergabe insbesondere im Hypothekenbereich erwünscht sei. Das spiegle nur, dass die Risiken hier besser wahrgenommen würden. Denn vor der Krise seien die Hypotheken zu leichtfertig vergeben worden, was die private Verschuldung explodieren liess und das Finanzsystem destabilisiert hat.

Gute Chancen für Chefberater Cohn

Mit diesem Statement dürften die anderen möglichen Kandidaten für den Top-Job bei der US-Notenbank noch bessere Chancen erhalten haben. Im Vordergrund steht hier der ehemalige Goldman-Sachs-Banker und gegenwärtige Chef-Wirtschaftsberater von Donald Trump, Gary Cohn. Trump hat ihn bereits als Kandidaten für den Job genannt und von bis zu drei weiteren Personen gesprochen, ohne aber deren Namen zu nennen.

Fernab der Hekitk in Washington und New York: Janet Yellen beim Fototermin mit Mario Draghi und Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda in Jackson Hole. (25. August, 2017 – Martin Crutsinger/Keystone)

Auch Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, verteidigte wie Yellen in seiner Rede in Jackson Hole die Finanzregulierungen. Die überaus lockere Geldpolitik, wie er und Yellen sie verantworten, würde für Finanzinstitutionen angesichts der tiefen Zinsen Anreize schaffen, höhere Risiken einzugehen. Damit würde das Finanzsystem wieder instabiler. Die eingeführten strengeren Regulierungen könnten hier dagegenhalten, deshalb müssten sie bewahrt werden. In diesem Zusammenhang war es Draghi ein besonderes Anliegen, dass weltweit strenge Regeln gelten und nicht einzelne Länder wieder ausscheren.

Auch das kann als Link an Donald Trump gelesen werden. Auch wenn Draghi und Yellen den US-Präsidenten mit keinem Wort direkt erwähnten. Das Hauptthema des EZB-Chefs drehte sich ebenfalls um die Politik von Donald Trump: Mario Draghi beschwor die Gefahren, die eine Einschränkung des Freihandels bedeuten würden. Insbesondere wäre ein geringeres Wachstum die Folge. Auf die Sorgen in Bezug auf Fairness, Sicherheit und Gerechtigkeit im Zusammenhang mit dem Freihandel meinte Draghi, nur eine offene Weltwirtschaft biete die Voraussetzung für diese Anliegen.

Nichts zur Geldpolitik

Anders als von Marktbeobachtern im Vorfeld der Reden erwartet, gaben weder Draghi noch Yellen klare Hinweise zu ihrer aktuellen Geldpolitik. Dies und die gemeinsame Themenwahl, die sich als Kritik an den Plänen von Donald Trump lesen lässt, haben Beobachter vermuten lassen, die Notenbanker hätten sich im Vorfeld abgesprochen. Für die Geldpolitik selber schliessen die Experten aus der Zurückhaltung, dass es zu den bisherigen Plänen keine Abweichung gebe. Aus Schweizer Sicht hat vor allem die Politik der EZB Bedeutung. Diese wird gemäss den gängigen Erwartungen im nächsten Jahr ihre Käufe von Staatsanleihen im Umfang von gegenwärtig 60 Milliarden Euro pro Monat auslaufen lassen und erst im Jahr 2019 die Zinsen anheben – was deshalb auch die Schweizerische Nationalbank kaum früher tun kann.

Umfrage

Hat Janet Yellen als Fed-Chefin einen guten Job gemacht?




(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2017, 16:01 Uhr

Artikel zum Thema

Keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten?

Blog: Never Mind the Markets US-Notenbankchefin Janet Yellen sieht die Gefahr einer erneuten Finanzkrise gebannt. Weshalb sie zu optimistisch ist. Zum Blog

Draghis Worte lassen Euro zum Franken steigen

Der Leitzins bleibt auf Rekordtief, EZB-Chef Mario Draghi will auch nichts von einem Ende der Wertpapierkäufe wissen. An den Aktien- und Anleihenmärkten steigen die Kurse. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Schwindelerregender Gänsemarsch: Eine Seilschaft klettert einer Felswand im ostchinesischen Qingyao-Gebirge entlang. (23. September 2017)
Mehr...