Die Rückkehr der Angst

Eben noch war alles so prächtig. Die Konjunkturdaten waren so toll wie die Unternehmenszahlen, der Euro und die Aktienkurse stiegen wieder und die Sommersonne wärmte die Haut. Das alles scheint vorbei zu sein.

Der Optimismus der vergangenen Wochen ist verflogen: Die Weltbörsen haben wieder nach unten gedreht.

Der Optimismus der vergangenen Wochen ist verflogen: Die Weltbörsen haben wieder nach unten gedreht. Bild: Emad Hajjaj, Jordan

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Ist der Sommer vorbei? Diese Frage hat für Konjunkturbeobachter und Investoren an den Kapitalmärkten diesmal eine besondere Bedeutung. Die vergangenen warmen Wochen schienen die Sorgen des kühlen Frühlings beinahe vergessen zu machen. Positive Konjunkturdaten aus Europa – vor allem aus Deutschland – liessen vermuten, die Krise auf dem Kontinent sei so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Wie zur Bestätigung dieser Ansicht hat auch der Euro wieder kräftig zugelegt. Selbst der Goldpreis als besonderer Angstindikator hat im Juli deutlich an Wert verloren.

Doch seit einigen Tagen spielt das Wetter wieder verrückt und auch die Angst ist zurückgekehrt. In den USA dominiert die Furcht vor einer verschärften Krise mittlerweile die Schlagzeilen der Wirtschaftsspalten. Die Börsen haben weltweit deutliche Einbussen erlitten, der Euro ist wieder gefallen und der Goldpreis gestiegen. Der Schweizer Börsenindex SMI fiel gestern um 2 Prozent, die amerikanischen Leitindizes zwischen 2,5 und 3 Prozent. Keine der führenden Börsenplätze weltweit hat im Plus geschlossen. Durch Investitionen in Staatsanleihen versuchen Anleger ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Die entsprechenden Zinsniveaus sind ebenfalls weiter gefallen, obwohl sie schon zuvor auf extrem tiefen Niveaus lagen.

Von zu viel Pessimismus zum übertriebenen Optimismus

Genau genommen sind viele der aktuellen Entwicklungen weniger überraschend, als sie scheinen mögen, wenn man sich nur an der jeweils aktuellen Stimmung orientiert. Die prächtigen Konjunkturzahlen Europas und die guten Abschlüsse vieler Unternehmen in der laufenden Berichtsaison zeigen eher ein Bild der Vergangenheit als eines der Zukunft. Weil viele Firmen ihre Lager wieder aufgefüllt haben, ist die Wirtschaft stärker gewachsen als die Endnachfrage. Dieser Effekt läuft aus. Ausserdem beruht der wieder erwachte Optimismus von Deutschland und damit der Eurozone generell vor allem auf den Exporten, die sich in den letzten Monaten prächtig entwickelt haben. Das heisst aber auch, dass sich die Deutschen einer Wirtschaftsschwäche in den USA oder in China nicht entziehen können.

Viele Ökonomen haben schon vor längerem darauf hingewiesen, dass sich die Konjunktur dieser beiden Länder zuerst abschwächen wird und in der Folge auch jene Europas. Einer davon war Jan Poser, Chefökonom der Bank Sarasin. In einem Videointerview, das am 6. Juli aufgezeichnet wurde, erklärte Poser gegenüber baz.ch/Newsnet (siehe links «Die grosse Frage dreht sich um die USA»), er rechne dennoch mit einer Sommerrally an den Börsen. Das Timing war ausgezeichnet, denn das Rally hat genau an jenem Tag eingesetzt. Poser hat aber auch gesagt, dass er danach wieder mit einer Abschwächung der Börsenkurse rechne.

Aktien stehen wieder zum Verkauf

Auf eine erneute Anfrage erklärte Poser, seine Bank verkaufe bereits seit mehreren Tagen wieder Aktien. Die Konjunkturdaten aus den USA, aber auch aus China, seien wie erwartet schlechter ausgefallen: «Es entspricht dem bekannten zyklischen Muster, dass die Abkühlung in China beginnt, sich dann in den USA und am Ende auch noch in Europa fortsetzt .» Das zeige sich auch jetzt wieder. Dennoch: «Vom Ausmass der Probleme in den USA waren wir überrascht», sagt der Sarasin-Chefökonom. Das Wachstum in der führenden Weltwirtschaft der Welt ist zu tief, um die rekordhohe Arbeitslosigkeit zu senken. Ausserdem hat das statistische Amt des Landes die bereits gemessenen Werte über die letzten sechs Quartale allesamt nach unten revidiert.

Sollte sich die US-Konjunktur weiterhin deutlich schlechter entwickeln als bisher erwartet, kann sich dem die übrige Welt nicht entziehen. Die anderen grossen Wirtschaftsmächte der Welt, wie Japan, China oder Deutschland, bauen noch immer auf den Export entweder direkt oder indirekt (zum Beispiel über China) in die USA, das haben auch die jüngsten Aussenhandelszahlen dieser Länder wieder eindrücklich bestätigt.

Das Risiko eines «Double Dip» ist gewachsen

Poser geht trotz der gestiegenen Risiken für die Weltwirtschaft noch immer von einer weichen Landung aus. Eine erneute Rezession erwartet er nicht. Allerdings hält er eine solche Entwicklung dennoch für möglich. Sie wäre eine wahre Katastrophe. Da die Inflationsrate in den USA bereits nahe bei Null liegt, würde ein solcher «Double Dip» unweigerlich in die Deflationsfalle führen, wie sie Japan seit mehr als einem Jahrzehnt durchlebt. Die Arbeitslosenquote in den USA würde dann über viele Jahre hoch bleiben – mit Schockwirkungen für die ganze Weltwirtschaft. Allein die Angst vor einem solchen Szenario ist es, die die Börsen seit langem umtreibt. In den letzten Tagen – nach jüngsten Konjunkturdaten und der Einschätzung der US-Notebank – hat sie wieder mächtig Auftrieb erhalten.

Das Szenario einer erneuten Rezession in den USA kann laut Poser dann ausgeschlossen werden, wenn die Politik keine groben Fehler begeht. Ein solcher Fehler wäre laut dem Sarasin-Chefökonomen, wenn die führende Wirtschaftsmacht der Welt jetzt drastisch auf die Sparbremse träte. Leider ist ein solches Szenario angesichts der politischen Verhältnisse in den USA nicht ausgeschlossen. Die Republikaner sträuben sich heftig gegen Stützungsmassnahmen der Regierung für die Konjunktur. Bei den Wahlen im Herbst könnten sie angesichts der sinkenden Beliebtheit von Präsident Barak Obama die Sieger sein. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2010, 13:10 Uhr

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