Die Selbstüberschätzung der Ökonomen

Keine Berufsgruppe übt einen grösseren Einfluss auf die Politik und die Gesellschaft aus als die Wirtschaftswissenschaftler. Eine soziologische Studie zeigt, dass diese sich selbst ebenfalls an der Spitze sehen.

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Ökonomen sind die modernen Hohepriester. Fast zu jeder politischen und gesellschaftlichen Entwicklung oder Entscheidung ist ihr Urteil gefragt. Davon hängt dann oft ab, was als richtig gilt und was als falsch. Ihre bekanntesten Köpfe dominieren Schlagzeilen, Bestsellerlisten und bei Auftritten werden sie wie Rockstars gefeiert.

Nun zeigt auch eine Studie: Ökonomen haben ein sehr viel ausgeprägteres Selbstvertrauen in ihre eigene Disziplin als andere Sozialwissenschaftler, die Probleme der Welt zu lösen. Sie sehen sich insgesamt auch selbst an der Spitze. Die Studie hat den treffenden Titel «The Superiority of Economists» (Die Überlegenheit der Ökonomen) und hat die Zunft der Wirtschaftswissenschaften soziologisch untersucht. Auf den Ökonomenblogs sorgt sie bereits für intensive Debatten. Sie bezieht sich auf weitere Untersuchungen zum Selbstbild der Ökonomen, aber auch auf Daten zu ihrem relativen Einkommen und Einfluss. Autoren sind die Soziologen Marion Fourcade und Etienne Ollion sowie der Ökonom Yann Algan. Fourcade ist Professorin an der Eliteuniversität Berkeley, stammt aber wie ihre beiden Autorenkollegen aus Frankreich, wo diese noch immer tätig sind. Fokus der Studie sind die USA.

Höheres Gehalt, bessere Karriereaussichten

Wie die Autoren zeigen, korrespondiert die hohe Selbsteinschätzung der Ökonomen auch mit einem deutlich höheren Gehalt, als es andere Sozialwissenschaftler erhalten. Selbst im Vergleich zu Vertretern anderer Fakultäten kommen Ökonomen äusserst gut weg: So liegt ihr Lohn höher als der von Physikern und Mathematikern, einzig Computerwissenschaftler und Ingenieure kommen im Schnitt noch besser weg. Allerdings sind hier die oft lukrativen Zusatzeinkommen durch Beratungstätigkeiten, dem Sitz in wichtigen Gremien wie Verwaltungsräten durch private Investoren nicht mitgerechnet. Verglichen mit anderen Wissenschaften sind bei den Ökonomen auch die Frauen gemessen an der Vergabe von Doktortiteln besonders schlecht vertreten. Nur die Physiker schneiden hier noch schlechter ab.

Ökonomen verdienen aber nicht nur besser als andere Sozialwissenschaftler. Die Studie bestätigt auch, dass sie deutlich bessere Karrierechancen haben und viel mehr Einfluss auf die Unternehmenswelt und die Politik ausüben. Bis zum Erscheinen des Dokumentarfilms «Inside Job» im Jahr 2010 hätten die Ökonomen sich kaum damit auseinandergesetzt, welche problematischen Anreize diese Macht mit sich bringt. Das überrascht insofern, als die Untersuchung solcher Anreizwirkungen eigentlich ihr Kernthema ist.

Nicht nur neutrale Beobachter

Der Film hatte die Ursprünge der Finanzkrise zum Thema und ist in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle der Ökonomen eingegangen. Dabei hat er krasse Fälle offengelegt, in denen Ökonomen scheinbar unabhängige Expertisen zu Entwicklungen abgegeben haben, wo diese Unabhängigkeit tatsächlich nicht gegeben war. Frederic Mishkin, Topökonom und einst Mitglied des Führungsgremiums der US-Notenbank zum Beispiel hat kurz vor dem Zusammenbruch der Finanzbranche Islands in einem von ihm mit verfassten Bericht noch die Stabilität dieses Sektors bekräftigt. Für die Mitarbeit an diesem Bericht hat er 124'000 Dollar kassiert.

Laut der Studie ist die hierarchische Abstufung bei den Ökonomen sehr viel ausgeprägter als bei anderen Wissenschaften. Nirgendwo sonst hätten die führenden Vertreter einen derart grossen Einfluss auf das Fach selbst oder auf die Politik und Gesellschaft insgesamt. Einflussreiche Ökonomen hätten in wichtiger Hinsicht die Welt tatsächlich verändert. Ihre Analyse beeinflusse heute fast jeden Bereich.

Berufen zur Gestaltung der Welt

Trotz der zuweilen heftig geführten Debatten verschiedener Lager unter den Ökonomen sei die Einigkeit über die grundsätzlichen Annahmen und Forschungsmethoden im Fach sehr viel grösser als bei anderen Wissenschaften. So würden führende Lehrbücher auch bei den Fortgeschrittenen des Fachs eine viel grössere Bedeutung haben.

Ihre technischen Methoden würden die Ökonomen im Gefühl bestärken, komplexe gesellschaftliche Prozesse besser zu beherrschen. Das wiederum führe sie zur Überzeugung, für die Gestaltung der Gesellschaften eine besondere Rolle spielen zu müssen und zu können. In ihrer Schlussfolgerung kritisieren die Autoren dieses Selbstvertrauen und verweisen auf die Unbestimmtheit durch das immer auch ungeordnete Verhalten von Menschen und Gesellschaften. Nicht zuletzt war die Finanzkrise ein Beispiel dafür.

Das grosse Selbstvertrauen der Ökonomen und ihr Einfluss als Berater würden Ökonomen daher gerade nach schweren Fehlurteilen zur Zielscheibe des allgemeinen Ärgers machen. Seit der Finanzkrise, die die meisten Ökonomen nicht erwartet haben, sei der Einfluss der Ökonomen dennoch weiter gestiegen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2014, 13:29 Uhr

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