Die Verzweiflung der Behring-Geschädigten

Die Bundesanwaltschaft hat im Strafverfahren gegen Dieter Behring und neun Mitbeschuldigte 1200 Personen angeschrieben. Nahezu täglich melden sich weitere Geschädigte. «Ich mag nicht mehr», sagt einer.

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Das Strafverfahren gegen Dieter Behring (57) und neun Mitbeschuldigte geht in die nächste Runde. Vor einigen Tagen hat die vor etwa hundert Tagen eingesetzte Taskforce Schreiben an rund 1200 mutmassliche Geschädigte des einstigen Basler Finanzgurus versandt. «Wir haben sie über ihre Rechte und Möglichkeiten informiert», sagt Taskforce-Leiter Tobias Kauer.

Behring war vor einem Jahrzehnt eine Grösse in Basel: Er warf mit Millionen um sich, kaufte Häuser zusammen, plante Museen und Gourmettempel. 2004 brach sein Finanzsystem zusammen. Seit acht Jahren steht er unter dem Verdacht, über tausend Anleger mit hohen Renditeversprechen gelockt und um mehrere Hundert Millionen Franken betrogen zu haben. Doch noch ist keine Anklage erhoben worden. Wie Tobias Kauer gegenüber der BaZ sagt, melden sich bis heute nahezu täglich weitere Geschädigte bei der Bundes­anwaltschaft. Behring kam nach einem halben Jahr Untersuchungshaft wieder auf freien Fuss. Er lebt nun seit Jahren mit seiner Frau Ruth in einem Haus in Gipf-Oberfrick.

Seit das Schreiben bei den Geschädigten angekommen ist, wird Tobias Kauer mit Schilderungen persönlicher Schicksale überrannt: «Das sind teilweise Leute, die ihre Pensionskasse aufgelöst oder ihre Hypothek erhöht haben, um in das sogenannte ‹System Behring› zu investieren. Diese müssen nun mit ­finanziellen Problemen kämpfen.» Er will sich diesen Schicksalen nicht verschliessen, doch er verhehlt nicht, wie zeitraubend und komplex die gesamte Angelegenheit ist. Und wie gross die Herausforderung für die Taskforce, das ­Verfahren endlich abzuschliessen und eine Anklage zu erheben.

Während Behring selber sehr daran interessiert zu sein scheint, das Verfahren zu blockieren, wünschen sich andere Beschuldigte, dass es endlich zu Ende wäre. «Ich mag nicht mehr», sagt einer von ihnen. Er hoffe stets, bald einen Schlussstrich ziehen zu können, doch das scheine in weiter Ferne zu liegen. «Mittlerweile ist für mich nicht mehr Dieter Behring der Täter, sondern die Bundesanwaltschaft, die das so lange verschleppt», sagt er. Tatsächlich wird die Verjährung – 15 Jahre bei Ver­mögensdelikten – der ersten Taten in diesem Jahr beginnen.

Zermürbendes Warten

«Mein Mandant leidet, weil er ­endlich wissen will, wie das Gericht die Vorwürfe wertet», sagt Christoph ­Dumartheray, Anwalt des Beschuldigten. Seiner Meinung nach ritzt die Bundesanwaltschaft langsam das Beschleunigungsgebot. Dieser Gesetzesartikel ­verlangt, dass das Strafverfahren innert angemessener Frist zum Abschluss gebracht wird. Ein Angeschuldigter habe den Anspruch, dass ohne unnötige ­Verzögerungen über seine Schuld oder ­Unschuld entschieden wird. Damit soll gewährleistet werden, dass er nicht ­länger als unbedingt nötig den Belastungen ausgesetzt wird, die mit einem Strafverfahren verbunden sind. «Als im Jahr 2004 das System Behring zusammengebrochen ist, habe ich ein Ver­fahren von vier bis fünf Jahren erwartet. Neun Jahre sind eindeutig zu lang», sagt Dumartheray.

Ein Blick zurück zeigt, wie Behring das Verfahren verschleppt hat und erst noch alle Schuld auf seine Mitarbeiter schiebt: Zwei Jahre nach der Ver­haftung machte er sich in Interviews mit der «Weltwoche», Telebasel und «Cash TV» über die Ermittler lustig und bezeichnete seine ehemaligen ­Geschäftspartner als Schweine. Verantwortlich für das Debakel seien ­alleine sie. Die Moore-Park-Gruppe, in die ein Grossteil der Anlagegelder geflossen ist, habe ihm nie gehört und mit dem ­Verschwinden der Gelder habe er nichts zu tun.

Behring will nichts dazu sagen

Die BaZ hätte gerne eine Stellungnahme von Dieter Behring gehabt. Doch telefonisch ist er nicht erreichbar, ­E-Mails beantwortet er nicht und auch in seinem Heim in Gipf-Oberfrick ist er nicht zu sprechen.

Der BaZ sind in Zusammenhang mit dem Fall Behring tragische Schicksale bekannt: Da ist der Fricktaler Gastwirt, der sein Erspartes in das Anlagesystem steckt und eine neue Heizung für sein renommiertes Restaurant nicht mehr bezahlen kann. Er muss verkaufen und sich als Koch anstellen lassen. Da ist die Ehefrau, die mit psychischen Problemen kämpft, weil ihr Mann die Altersvorsorge, die er dem Börsenzauberer anvertraute, verloren hat. Da ist die Witwe, die erst nach dem Tod ihres Mannes bemerkt hat, dass das gesamte gemeinsame Vermögen weg ist.

Taskforce-Chef Kauer gehen diese Einzelschicksale denn auch zu Herzen: «Wir müssen aufpassen, dass diese Geschädigten nicht zweimal die Verlierer sind. Einmal, weil sie ihr Geld verloren haben; ein zweites Mal, weil sie ihre ­Interessen im Strafverfahren nicht ­haben wahrnehmen können.»

Zum letzten Mal aufhorchen liess Behring, als er im Jahr 2008 eine Web­site aufschaltete und eine neue Aktienstrategie anpries. Wie die Finanzmarkt­aufsicht der BaZ ausrichten liess, überprüfe sie die Homepage sporadisch. Die Werbung sei aber schon lange nicht mehr aufgeschaltet. Ansonsten ist es um den ehemaligen Finanzjongleur so ruhig geworden wie in der beschaulichen Gegend rund um sein Heim in Gipf-Ober­frick. Doch die Geschädigten hoffen, dass dieser Mann, der ihnen ihr Geld nahm, bald einmal aus dieser ­Beschaulichkeit herausgeholt wird. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.03.2013, 10:37 Uhr

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