Europas Wirtschaft erstaunlich gut in Fahrt

Trotz Brexit, gescheitertem Referendum in Italien und Trump-Wahl: Warum wir optimistisch sein können.

Bis die Funken stieben – vor allem dank der Industrie beschleunigt sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone (unser Bild stammt aus einem Werk des deutschen Stahlkochers Salzgitter).

Bis die Funken stieben – vor allem dank der Industrie beschleunigt sich das Wirtschaftswachstum in der Eurozone (unser Bild stammt aus einem Werk des deutschen Stahlkochers Salzgitter). Bild: Fabian Bimmer/Reuters

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Wenn derzeit Wirtschaftsdaten für den Euroraum veröffentlicht werden, sorgen sie praktisch durchwegs für Zuversicht. Wichtige Konjunkturbarometer – wie der Einkaufsmanager-Index, der Index des Wirtschaftsvertrauens in der EU oder Stimmungsindikatoren in Deutschland und Frankreich – sind zum Jahresende auf Niveaus geklettert, wie man sie seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie alle lassen erkennen, dass der vor bald drei Jahren in Gang gekommene Aufschwung zuletzt nochmals an Breite und Tiefe gewonnen hat. Als ob es die politischen Schocks vom Brexit-Referendum bis zum Regierungssturz in Italien nach dem verlorenen Verfassungsreferendum nicht gegeben hätte.

1,9 Prozent Wachstum in Deutschland

In dieses rosige Bild passt das überraschend starke Wachstum von 1,9 Prozent der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr. Es übertrifft nicht nur die Zuwachsraten der beiden Vorjahre von 1,7 und 1,6 Prozent, sondern liegt auch um 0,5 Prozentpunkte über dem durchschnittlichen Wachstum der letzten zehn Jahre. Wie die deutschen Statistiker heute aufgrund einer ersten Schnellschätzung weiter mitteilten, erwies sich der Konsum als die wichtigste treibende Kraft. Dazu trugen sowohl der private Konsum (+2 Prozent) als auch der öffentliche (+4,2) ihren Teil bei. In Letzterem widerspiegelt sich der Ausgabenanstieg, der durch den hohen Zustrom von Flüchtlingen im Jahr 2015 erforderlich wurde.

Obwohl der Staat also deutlich stärker gefordert war, erzielte er im letzten Jahr einen Haushaltüberschuss von 19,2 Milliarden Euro – entsprechend 0,6 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die öffentliche Hand profitierte dabei von den tiefen Zinsen, doch entscheidender war die günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt: Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Berichtsjahr nochmals um 1 Prozent und erreichte mit 43,5 Millionen den höchsten Stand seit 1991. Dieser seit zehn Jahren anhaltende Trend beschert dem Staat höhere Steuereinnahmen und verringert zugleich die Arbeitslosen- und andere Sozialleistungen.

Zugkräftige Industrie

Ähnliche Entwicklungen lassen sich in anderen Euroländern beobachten: Als Folge sinkender Arbeitslosigkeit und verbesserter Beschäftigungschancen erhöhen sich die Haushalteinkommen, was wiederum die Ausgabenfreude der Konsumenten beflügelt. Starken Rückenwind verspürt ferner der Industriesektor. Er insbesondere ist Nutzniesser des schwachen Euro, und darüber hinaus hilft ihm der weltweit zu beobachtende Konjunkturauftrieb.

Vor allem dank der Industrie ist der Einkaufsmanager-Index für die Eurozone im Dezember auf 54,4 Punkte geklettert (ab 50 Zählern beginnt die Wachstumszone). Laut diesem viel beachteten Konjunkturindikator ist die wirtschaftliche Dynamik in dem 19-Länder-Block seit Mai 2011 nicht mehr so stark gewesen. Und was nicht minder ins Gewicht fällt: Auch Spanien und Italien, die noch im letzten Sommer merklich hinterherhinkten, sind davon erfasst worden.

Unter Ökonomen wird denn bereits darüber diskutiert, ob die Wachstumsprognosen für das laufende Jahr – die für die Eurozone im Durchschnitt ein Wachstum von 1,5 Prozent sehen – anzuheben seien. Allerdings bleiben gewichtige Unwägbarkeiten bestehen. Das betrifft zum einen die anstehenden Wahlen in Frankreich und Deutschland sowie die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel. Zum andern könnte sich die zuletzt überraschend stark auf 1,1 Prozent beschleunigte Teuerung als Spielverderberin erweisen. Dies vor allem dann, wenn sie im Zuge höherer Ölpreise weiter zulegen und dadurch die Kauflust der Konsumenten dämpfen sollte. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2017, 12:10 Uhr

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