Hartnäckige Gerüchte um eine griechische Umschuldung

Gemäss mehreren Berichten plant die EU entgegen bisherigen Dementis eine Umschuldung Griechenlands. Das grösste Risiko dabei: eine weitere Finanzkrise.

Erste Hoffnungsschimmer am Athener Himmel: Die EU soll Umschuldungspläne für die Schulden Griechenlands hegen.

Erste Hoffnungsschimmer am Athener Himmel: Die EU soll Umschuldungspläne für die Schulden Griechenlands hegen. Bild: Keystone

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Wie von verschiedenen Seiten vermeldet wird, beginnt man sich in der Europäischen Union auf die Realität einzustellen, dass einige Länder ihre ausstehenden Schulden nicht mehr zurückzahlen können und dass man eine Umschuldung von Griechenland erstmals ernsthaft ins Auge fasst. Das bedeutet, dass ein Teil der Schulden Griechenlands doch abgeschrieben würde und die Gläubiger einen Teil des ausstehenden Geldes nicht mehr sehen. Noch werden solche Pläne von allen offiziellen Seiten heftig dementiert. Doch das war schon bei früheren ähnlichen Gerüchten der Fall, die sich dann als richtig herausgestellt haben. Ausserdem würde eine frühzeitige Bestätigung solcher Ideen in der Planungsphase sofort zu unerwünschten Reaktionen auf den Kapitalmärkten führen.

Die Idee für die Umschuldung sieht laut mehreren Presseberichten so aus, dass entweder Griechenland mit Geldern des neuen EU Rettungsfonds «European Financial Stability Facility» EFSF direkt eigene Verschuldungspapiere zurückkauft oder der EFSF diese direkt am Markt erwirbt. Die Wirkung wäre in beiden Fällen dieselbe, da das Risiko letztlich beim Rettungsfonds liegt und er das Geld dafür aufbringt. Doch für die von den Euroländern garantierten Rettungsgelder des Fonds müsste Griechenland deutlich tiefere Zinsen zahlen, als aktuell auf dem Kapitalmarkt. Der eigentliche Clou der Idee liegt aber darin, dass die aufzukaufenden griechischen Schuldpapiere deutlich unter ihrem Nennwert gehandelt werden. Der Nennwert entspricht 100 Prozent der ursprünglich aufgenommenen Summe, die der griechische Staat am Ende der Laufzeit der Anleihen zurückbezahlen müsste. Der tiefere Nennwert der Staatsanleihen drückt sich auch in ihren hohen Renditen aus – die wiederum einen Hinweis darauf liefern, welchen Zinssatz Griechenland bezahlen muss, wenn es neues Geld auf den Kapitalmärkten aufnimmt.

Aufkauf von Staatsanleihen mit tieferem Nennwert

Besonders tief ist der Nennwert von griechischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit zwischen vier und fünf Jahren. Laut dem «Spiegel» notiert die fünfjährige Anleihe nur noch bei 70 Prozent ihres Nennwerts. Die Rendite der fünfjährigen Papiere liegt laut «Bloomberg» aktuell bei rund 12,5 Prozent. Mit dem Rückkauf der Schulden auf dem Kapitalmarkt entweder durch den EFSF-Fonds direkt oder indirekt über die griechische Regierung würde sich das Land dem Anteil an der Schuld entledigen, der auf den Märkten – wie die gehandelten Kurse zeigen – kaum mehr erwartet wird: Bei fünfjährigen Papieren wären das also rund 30 Prozent.

Das Elegante an der Lösung wäre, dass die Gläubiger bei diesem Vorgehen nicht zu einem Schuldenverzicht gezwungen würden, sie können sich immerhin selbst entscheiden, ob sie die Anleihen zu den angebotenen Kursen verkaufen wollen. Dennoch wäre eine solche Aktion zum ersten Mal ein Eingeständnis der Politik, dass die Schulden im vollen Umfang ohnehin nicht mehr zurückbezahlt werden. Immerhin liegt ein wichtiger Anreiz für Banken und andere Investoren, solche Papiere zu kaufen und zu halten, bisher noch darin, dass die Chance einer höheren Rückzahlungsquote besteht. Die Besitzer der Anleihen werden sich deshalb eine Verschlechterung ihrer Ausgangslage vergüten lassen wollen und nur zu einem höheren als dem aktuellen Kurs verkaufen.

Erneute Gefahr für die Banken in Europa

Kommt dazu, dass eine solche Übung auch die Finanzbranche in Europa erneut unter Druck setzen könnte. Denn ob die Banken die Staatsanleihen in ihrem Besitz deutlich unter ihrem Nennwert verkaufen oder nur in ihren Büchern (dem «Bankbuch» im Gegensatz zum «Handelsbuch») halten, ist etwas ganz anderes: Bei einem Verkauf müssen sie den Abschreiber auf dem Nennwert sofort verbuchen, während sie ihn ungeschmälert in ihrer Bilanz ausweisen können, wenn sie die Papiere bis zum Zeitpunkt der Rückzahlung behalten. Laut Paul Taylor von Reuters sei letzteres bei 80 Prozent der von den Banken gehaltenen griechischen Staatsanleihen der Fall. Die Rückkaufaktion könnte daher die Bilanzen der noch immer angeschlagenen Eurobanken weiter schwächen. Darin liegt wohl auch der wichtigste Grund für die Zurückhaltung der Politiker gegenüber dem neuen Lösungsvorschlag. Die Angst vor einer erneuten Finanzkrise sitzt tief. Wie der «Economist» in seiner vorletzten Ausgabe anhand von Berechnungen zeigt, würden die Abschreiber einige Jahre später angesichts einer weiter steigenden Verschuldung allerdings deutlich höher ausfallen als jetzt.

Ein weiterer Grund, weshalb die Übung am Ende doch noch scheitern könnte, liegt darin, dass eine solche Kaufaktion den EFSF-Rettungsfonds stärker beanspruchen würde, als das bisher vorgesehen ist. Das gilt umso mehr, wenn nicht nur im Fall von Griechenland, sondern auch in jenem von Irland und Portugal Rückkäufe von Staatsanleihen durchgeführt werden sollen. Der Rettungsfonds müsste daher deutlich aufgestockt werden – auch weil er einen Teil der Mittel zur Sicherung einer besonders hohen Bonität zurückhalten will. Doch gegenüber diesem Anliegen liegen die Politiker in Europa noch im Streit.

Vorbild Philippinen und «Brady-Bonds»

Als Architekten der neu diskutierten Lösung macht der «Spiegel» Klaus Regling aus, den Chef des EFSF-Fonds. Wie alle Verantwortlichen dementiert auch er. Immerhin hätte Regling eine solche Aktion nicht zum ersten Mal orchestriert. In den 80er Jahren – noch im Dienst des Internationalen Währungsfonds – ist er für eine Umschuldung der Philippinen ähnlich vorgegangen. Ein weiteres Vorbild sind die Brady-Bonds von 1989, nach einer Idee des damaligen US-Finanzministers Nicolas Brady, mit der damals die Schuldenkrise lateinamerikanischer Staaten bekämpft wurde. Damals konnten die Banken die Schulden dieser Länder durch Anleihen eintauschen, die von der US-Regierung garantiert wurden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2011, 14:43 Uhr

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