«Ski fahren steht nicht mehr im Fokus»

Der Brigelser Hotelier Chris Faber über Russen, schlechtes Wetter und warum die Raucher bei ihm nicht nach draussen müssen.

«Wir haben sogar eine eigene Zigarren-Linie»: Chris Faber mit seiner Frau Susan in der Smokers Lounge. Foto: Michelle Chaplow

«Wir haben sogar eine eigene Zigarren-Linie»: Chris Faber mit seiner Frau Susan in der Smokers Lounge. Foto: Michelle Chaplow

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Die Logiernächte in der Schweiz steigen seit vergangener Wintersaison wieder langsam an. Zuvor fehlten insbesondere Ski fahrende Feriengäste aus dem krisengeschüttelten Europa. Trotz besseren Aussichten werden viele Schweizer Hoteliers aber nicht müde, ihren schwierigen Kampf um Gäste zu beklagen – angesichts der Frankenstärke und der Konkurrenz aus dem Nachbarland Österreich.

In einem verträumten Bergdorf, das auf einer Sonnenterrasse zwischen Laax und Disentis liegt, verhallt dieses Jammern in der idyllisch-unschuldigen Schneelandschaft. Vor vier Jahren eröffnete das Vier-Sterne-Haus La Val in Brigels nach dem grossen Umbau seine Pforten erneut – und bereits heute gehört das Hotel mit seinem edlen Bergspa zu den beliebtesten der Schweiz. Die BaZ traf sich mit Gast­geber Chris Faber in der Smokers-­Lounge im ­Chalet-Chic-Stil.

Herr Faber, vermissen Sie die Russen schon? Als Konsequenz der Rubelkrise meiden diese ja jetzt die Schweizer Wintersportorte.
Nein, gar nicht. Russen haben noch nie zu unseren Gästen gezählt, auch nicht Amerikaner oder Chinesen. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden.

Aber gerade vermögende Russen sind oder waren doch für viele Wintersport­orte in der Schweiz die Rettung.
Brigels ist ein kleines Bergdorf, das ihnen nicht genug bieten könnte. Sie wollen shoppen gehen, entsprechende Möglichkeiten gibt es hier wenige, sieht man mal von der Chäsi, dem Bäcker und der Dorfmetzg ab. Es wäre hinausgeworfenes Geld, sich um die Russen zu bemühen. Wir konzentrieren uns lieber auf Zielgruppen, die sich von der Ruhe dieses Ortes angezogen fühlen.

Woher kommen Ihre Gäste?
90 Prozent aus der Schweiz, die übrigen aus Deutschland, Norditalien und anderen Ländern. Darauf haben wir auch unser Marketing ausgelegt, und wir haben es nicht bereut. Wir wollen uns nicht verbiegen, das wäre nicht mehr authentisch.

Das ist mutig. Die Schweizer Hotellerie muss um Gäste kämpfen.
Das Potenzial von Brigels und der umliegenden Region ist riesig, man muss es nur ausschöpfen. Einen Wintersportort mit diesem dörflichen Charakter findet man in der Schweiz nicht mehr oft. Und wir haben einen grossen Vorteil gegenüber Österreich: Wir sind für Städter aus Basel, Luzern oder Zürich viel schneller zu erreichen.

Viele nehmen den längeren Weg nach Österreich aber auf sich, damit sie weniger bezahlen müssen.
Das hat sich in den vergangenen Jahren gelegt. Die Leute sind heute bereit, für Schweizer Qualität mehr zu bezahlen. Billig allein funktioniert nicht mehr.

Sind die Ansprüche gestiegen?
Ja, die Erwartungshaltung wächst ständig. Früher ging man ins Sport­hotel ohne grosse Zusatzleistungen. Vielleicht hatte es eine Sauna, das wars dann. Man wollte in den Bergen ausschliesslich Ski fahren. Heute hat ein reines Sporthotel keine Chance mehr; es sind die Zusatzleistungen, die wichtig sind. Und da hat die Schweiz gegenüber Österreich die Nase vorn.

Inwiefern?
In den 1980er- und 1990er-Jahren hat Österreich viel Geld in seine Wellness-Infrastruktur und Hotelausstattungen investiert. Diese ist heute bereits wieder veraltet. Die Schweiz hat erst vor wenigen Jahren aufgerüstet – auch das «La Val». Unsere Infrastruktur ist auf dem neusten Stand. Zudem ist der Service viel persönlicher als bei unseren Nachbarn. In gewissen Hotels in Österreich kann man nicht einmal direkt im Hotel buchen, sondern muss dies im Internet oder via Hotline tun. Das kann es doch nicht sein.

Stehen Sie preislich stark unter Druck?
Klar ist das ein Nachteil für uns. In Österreich ist zum Beispiel der Strom viel billiger als in der Schweiz. Genau dasselbe gilt für Personalkosten, für die Einkaufspreise und so weiter. Als Schweizer Hotelier muss man ständig optimieren, um Kosten einzusparen. Etwa mit Leuchten, die mit Bewegungsmeldern verbunden sind.

Man muss sehr innovativ sein.
Der Hoteljob ist brutal. Ohne Herzblut ist das nicht zu schaffen.

Wie ist die vergangene Saison für das «La Val» gelaufen?
Sehr gut, wir verzeichneten eine durchschnittliche Auslastung von 75 Prozent. Seit der Neueröffnung vor vier Jahren sind die Zahlen entgegen dem Trend in der Branche kontinuierlich gestiegen, wir haben auch schon viele Stammkunden. Das alte «La Val» – ein Sporthotel notabene – musste wegen fehlender Gäste schliessen.

Und wie hat die aktuelle Wintersaison begonnen?
Wir befinden uns etwa auf dem gleichen Stand wie im vergangenen Jahr, und an Weihnachten und Silvester waren wir komplett ausgebucht.

Im Winter 2014 stiegen die Übernachtungszahlen im Bündnerland um drei Prozent, die Bergbahnen verloren aber ein Prozent. Gehört der klassische Skitourismus der Vergangenheit an?
Der Schneesport ist zurückgegangen, das spüren wir hier auch. Viele Gäste haben hauptsächlich Wellness im Fokus und nicht Skifahren. Das ist bei uns der wichtigste Buchungsgrund, und darauf ist das Hotel ausgerichtet. So sind wir auch nicht von der Witterung abhängig.

Das «La Val» gehört seit fünf Jahren einem deutschen Immobilieninvestor. Dieser hat 14,5 Millionen Franken in den Umbau investiert. Hat er Sie in die Neugestaltung miteinbezogen?
Ich konnte das ganze Konzept mitentwickeln, er hat mir da sehr viel Spielraum gelassen. Zuvor war ich im Hotel Kulm in Arosa tätig, zehn Jahre insgesamt. Die Erkenntnisse aus dieser Zeit habe ich hier umgesetzt.

Und die wären?
Das ursprüngliche Basisprojekt sah eine Investition von sechs Millionen vor. Ich habe dem Besitzer dann verschiedene Inputs gegeben, etwa, dass das Bergspa edler und grösser gestaltet werden soll, eben wegen dieses verstärkten Bedürfnisses der Gäste nach Entspannung. Zudem wurde das Restaurant vergrössert und die Smokers-Lounge grosszügiger ge­­staltet.

Warum diese Smokers-Lounge?
Ich liebe Zigarren, und ich kenne viele, die dies auch tun und sich in den meisten Hotels diskriminiert fühlen, weil sie zum Rauchen nach draussen müssen. Im «La Val» wird viel Gewicht auf Genuss gelegt, da gehört das Rauchen dazu. Wir haben sogar eine eigene Zigarren-Linie. Das gehört zu unserer Strategie: Genuss auf der ganzen Linie.

Ist dies das Geheimnis Ihres Erfolgs?
Da bin ich überzeugt. Ein Hotel muss sich klar auf etwas spezialisieren und dies perfekt umsetzen; deshalb auch die Smokers-Lounge, deshalb auch die Punkteküche oder das edle Spa.

Brigels ist nicht so bekannt wie Laax oder St. Moritz. Der Investor ist ein grosses Risiko eingegangen.
Er macht hier seit 35 Jahren Ferien und hat das Potenzial des Dorfes als Rückzugsort erkannt. Aber Sie haben recht, mit dem Namen Brigels allein holt man die Gäste nicht hierher. Wir müssen uns viel mehr um sie bemühen und die Vorzüge herausstreichen.

Wie machen Sie das?
Seit zwei Jahren bin ich Präsident der Region Surselva bei Hotelleriesuisse. Ich habe festgestellt, dass Schweiz Tourismus noch viel mehr für diese Region tun könnte, ich erwarte von dieser Seite in den kommenden Jahren mehr Unterstützung. Selber sind wir im Internet und in den Medien aktiv. Marketing ist Fleissarbeit.

Wie sind Sie aktiv?
Abgesehen von den üblichen Marketinginstrumenten wie Inseraten oder Publireportagen bitten wir, unsere Gäste, Kritiken auf der Bewertungsplattform Tripadvisor zu schreiben. Die beste Werbung ist die Weiterempfehlung.

Was treibt einen Schweizer Hotelier heute um, was sind die Knacknüsse?
Der Fachkräftemangel in der Schweiz ist ein Riesenthema, ebenso die vorhin angesprochenen Energiekosten und die Akquisition neuer Gäste. Da sind wir noch viel zu stark von Buchungsplattformen wie booking.com abhängig, die mit Tripadvisor verlinkt sind. Diese verlangen wahnsinnig hohe Kommissionen, wenn ein Gast über sie ein Zimmer bei uns bucht. Je mehr Kommission das Hotel zahlt, desto eher erscheint es bei Anfragen. Auch das «La Val» ist bei booking.com zu finden, aber mein Ziel ist es, dass die Gäste direkt auf meiner Seite buchen. Anreize sind da, etwa ein Best-Price-Button, mit dem der Gast von Zusatzleistungen profitiert.

Wie viele Gäste buchen über solche Plattformen?
Etwa 20 bis 25 Prozent via Internet, über externe Plattformen sind es 15 Prozent.

Ist die Wohnungsvermietungsplattform Airbnb eine Konkurrenz für Sie?
Für Brigels ist das eine riesige Vermarktungschance, für das Hotel keine Konkurrenz, da private Wohnungen ja nicht mit unserem Service mithalten können. Trotzdem finde ich, dass diese Anbieter auch eine Kurtaxe zahlen müssten. Sonst ist das unfair. Gleich lange Spiesse für alle!

Sie haben den Fachkräftemangel angesprochen. Auch im «La Val» arbeiten viele Deutsche und Österreicher ...
... und auch Einheimische, der Barchef etwa kommt aus Brigels.

Warum sind Schweizer Fachkräfte rar?
Viele Ausgebildete zieht es ins Ausland oder sie wechseln die Sparte, da sie keine Lust auf unregelmässige Arbeitszeiten haben. Ein Hotel zu führen ist eine Passion, da muss man alles geben und auf vieles verzichten. So habe ich das letzte Mal 1995 im privaten Kreis Silvester gefeiert.

Für Sie ist das kein Problem.
Natürlich ist es wichtig, dass die Familie mitzieht, das tut meine Frau voll und ganz.

Und in Brigels fühlen Sie sich wohl?
Sehr, es war aber eine grosse Herausforderung, Anschluss zu finden. Wir mussten Rätoromanisch lernen, hier wird praktisch nur das gesprochen, an Gemeindeversammlungen, in der Schule. Mittlerweile verstehe ich das meiste. Wir wurden aber mit offenen Armen empfangen.

Für das Dorf ist ein solches Hotel ja auch ein Segen.
Sicher, es bringt ihm Aufschwung, nicht nur von den Gästen, die beim Metzger oder in der Chäsi einkaufen, sondern auch vom Hotel selbst. Wir beziehen die Lebensmittel aus der Region, so sind etwa alle Fleischprodukte aus Brigels. Und der Besitzer und ich haben noch viel vor.

Was steht an?
Das Hotel besteht derzeit aus zwei Gebäuden und 33 Zimmern, und wir würden gerne noch ein drittes erstellen mit zusätzlichem gastronomischem Angebot. Das Hotel soll aber klein bleiben, das Familiäre darf auf keinen Fall verloren gehen. Das ist derzeit ganz besonders gefragt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.01.2015, 09:36 Uhr

Aus dem Badischen

Chris Faber (41) ist seit vier Jahren Direktor des Hotels La Val in Brigels. In Südbaden aufgewachsen, absolvierte er dort die Ausbildung zum Tourismusfachwirt und begann seine Karriere im Luxushotel Brenners Park in Baden-Baden. In der Schweiz machte er in der Folge Zusatzausbildungen zum Betriebsökonomen und Hotelier und arbeitete in verschiedenen Hotels in Mallorca, Barcelona, Heilbronn, Gstaad und Arosa, bevor er nach Brigels kam. Faber ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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