Was die Bankenkrise in China für die Welt bedeutet

Der sogenannte «Cash Crunch» in China hat beunruhigende Parallelen zum Beginn der Finanzkrise in den USA und Europa. Doch die Gefahren sind diesmal anders gelagert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den letzten Tagen war das chinesische Bankensystem bereits zum zweiten Mal im auslaufenden Jahr unter grossem Stress. Man spricht von einem «Cash Crunch» und meint damit den Umstand, dass die Banken kaum mehr oder nur noch zu einem hohen Preis an Geld kommen. Das betrifft konkret den Interbankenmarkt und zeigt sich an den dort für kurzfristige gegenseitige Ausleihungen von einer Woche zu bezahlenden Zinssätzen – den sogenannten Repo-Raten: Sie sind am Montag auf bis zu 10 Prozent gestiegen, die höchste Rate seit Juni. Damals lagen sie zeitweise sogar bei fast 30 Prozent. Beruhigt hat sich damals wie am Dienstag die Lage erst nach massiven Interventionen der chinesischen Notenbank Peoples Bank of China (PBOC).

Die Entwicklung in der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt gemahnt stark an die Entwicklung zu Beginn der Finanzkrise in den USA, in Europa und in der Schweiz. Auch damals zeigte sich die Gefahr besonders deutlich an drastisch ansteigenden Kosten für kurzfristige Ausleihungen zwischen den Banken. Interbankkredite sind für die Finanzinstitute in gewöhnlichen Zeiten die wichtigste Quelle der Liquiditätsversorgung und die Sätze dafür sind normalerweise auf tiefem Niveau. Explodieren sie, ist das ein Zeichen für ein wachsendes Misstrauen zwischen den Banken, weil die Angst um die Bonität der Institute sich wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet.

Insolvente Banken in beiden Fällen

Wie im Westen ist die tiefere Ursache der Krise auch in China die faktische Insolvenz eines Teils des Bankensystems. Im Westen war es der Absturz der komplex verbrieften Hypotheken, die in kurzer Zeit die Vermögensseite der Bilanz vieler Grossbanken weltweit bis hin zur UBS wegschmelzen liessen, in China sind es Kredite an staatliche Grossunternehmen und Provinzregierungen, die für unrentable Investitionen gebraucht wurden und daher bei einer korrekten Buchhaltung abgeschrieben werden müssten.

Und doch gibt es grosse Unterschiede zwischen der aktuellen Bankenkrise in China und jener von 2008 im Westen. Der miserable Zustand des Bankensektors ist dort nichts Neues und allgemein bekannt. Über künstlich tief gehaltene Depositensätze für Einleger und die Möglichkeit, die faktisch uneinbringbaren Darlehen laufend zu erneuern, wird der Sektor seit längerem über Wasser gehalten. Bei zwischenzeitlich auftretendem Stress war die PBOC jeweils mit Liquiditätsspritzen zur Stelle.

Die neue Politik der PBOC als Auslöser

Anders als im Westen 2008, als die Krise für die Politiker und Notenbanker ein Schock war, die sie mit allen Mitteln – vor allem mit massiven Geldspritzen – bewältigt haben, ist der «Cash-Crunch» in China in den letzten Tagen und im Juni die Folge eines bewussten Kurswechsels der Wirtschaftspolitik. In einem gewissen Sinn hat die Notenbank PBOC die Krise sogar provoziert, indem sie die Banken anders als früher an einer viel kürzeren Leine führt.

Konkret waren es im Kern drei Ursachen, die diesmal zu einer Liquiditätsverknappung bei den Banken geführt haben: geringere Ausgaben durch die Zentralregierung als in früheren Jahren, die damit nicht ins Finanzsystem geflossen sind, regulatorische Anforderungen im Hinblick auf das chinesische Neujahr Ende Januar und die Notwendigkeit, auslaufende kurzfristige Anlageprodukte zurückzahlen zu müssen. Solche Produkte bieten den Chinesen höhere Zinsen als die tiefen nach oben beschränkten Depotsätze.

Die PBOC war diesmal nicht bereit, den dadurch verursachten höheren Liquiditätsbedarf der Banken sogleich zu befriedigen. Das ist der Grund für die drastisch erhöhte Anspannung auf den Geldmärkten Chinas. Anfänglich versuchte die Notenbank durch gezielte Geldspritzen an ausgewählte Institute Gegensteuer zu geben, was aber für eine Abkühlung der Lage nicht ausgereicht hat. Erst als sie heute Dienstag nach einer breiten Ankündigung über sogenannte «Reverse-Repurchase Agreements» (Reverse-Repos) – das heisst über temporäre Käufe von Wertpapieren zur Absicherung von Kurzfristkrediten – umgerechnet 4,8 Milliarden Dollar in den Geldmarkt pumpte, hat sich die Lage sogleich deutlich entspannt und die Reposätze für eine Woche sind um 3,44 Prozentpunkte auf 5,4 Prozent gefallen. Seit Monatsbeginn hat die Notenbank keine solche Geldversorgung mehr vorgenommen.

Ein nötiger und riskanter Wandel

Die Ereignisse zeigen, dass der «Cash Crunch» in China angesichts der Möglichkeit der PBOC, jederzeit für Entspannung sorgen zu können, keine mit der Finanzkrise vergleichbare Gefahr für das Land und die Weltwirtschaft darstellt. Die tieferen Ursachen sind allerdings weniger beruhigend.

Die Unlust der Notenbank, dem Bankensystem bei Liquiditätsproblemen sogleich beizustehen, haben mit dem Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu tun, dem sich die chinesische Staatsspitze verschrieben hat. Das hohe Wachstum der chinesischen Wirtschaft in den letzten Jahren verdankt sich auch den massiven Fehlinvestitionen, die zur Schwäche der Bankbilanzen geführt haben. Der Konsumanteil der Bevölkerung ist selbst für ein Schwellenland nach wie vor gering und die Umwelt leidet.

Nach wie vor laufen die Kreditmärkte viel zu heiss. Wie George Magnus, der einstige Chefökonom der UBS, schreibt, ist die Kreditvergabe der chinesischen Banken im Vergleich zum Vormonat allein im November um 40 Prozent angestiegen. Für das Gesamtjahr dürfte das Kreditwachstum bei 20 Prozent liegen. Damit wächst es doppelt so schnell wie die Wirtschaft nominal – also ohne Berücksichtigung der Inflation. Der Anteil der ausstehenden Kredite ist gemäss offiziellen Daten im laufenden Jahr auf 215 Prozent gemessen am Bruttoinlandprodukt gestiegen, der tatsächliche Anteil dürfte laut Beobachtern noch höher liegen.

Ein Wandel ist für das Land zwar dringend nötig, doch ihn umzusetzen, ist ein riskantes Manöver und dürfte nicht zum letzten Mal zu Problemen wie in den letzten Tagen geführt haben und könnte künftig auch noch dramatischere Konsequenzen haben. Solche Fehlentwicklungen zu korrigieren, bedeutet ein geringeres Wachstum und stösst auf den Widerstand all jener, die vom System bisher profitieren – das sind auch einflussreiche Kreise. Im Zuge von Korrekturen droht wie jetzt im Bankenmarkt jederzeit eine Überreaktion: Das Wachstum kann stärker einbrechen als gewünscht, die Destabilisierung auf dem Finanzmarkt kann gänzlich aus dem Ruder laufen und es drohen politische Unruhen. In keinem Fall bliebe die übrige Welt unbeeinflusst.

Erstellt: 24.12.2013, 12:47 Uhr

Artikel zum Thema

«Man wird mehr Markt, aber auch mehr Partei und Staat haben»

Interview Peking öffnet seine Wirtschaft und will auch die Ein-Kind-Politik lockern und die Umerziehungslager abschaffen. Die China-Kennerin und Politologin Anna Ahlers erklärt, was an den Reformen dran ist. Mehr...

China schickt «umfassende Reformen» auf den Weg

Die heute präsentierten Wirtschaftsreformen in China wurden mit Spannung erwartet. In einer ersten Reaktion zeigen sich Dissidenten kritisch und sprechen von einer «schlechten Nachricht». Mehr...

Chinas Kommunisten beraten über Wirtschaftsreformen

Unter drastischen Sicherheitsvorkehrungen hat in China die viertägige Sitzung des KP-Zentralkomitees begonnen. Erwartet werden wirtschaftliche Reformen – aber keine tiefgreifenden Veränderungen. Mehr...

Kommentare

Blogs

Mamablog «Gehst du nach der Geburt wieder arbeiten?»
Sweet Home Modernes altes Haus

Die Welt in Bildern

Container voll mit Arbeit: Nachdem die Wahllokale geschlossen wurden, werden die Stimmen im Atrium des Raatshauses von Den Haag von Hand gezählt. (20. März 2019)
(Bild: NIELS WENSTEDT) Mehr...