Wie der Handelskrieg die Schweiz bedroht

Die Ausweitung der US-Strafzölle auf die EU hat gefährliche Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft. Unternehmer befürchten steigenden Preisdruck.

Dass neu auch die EU von Stahlzöllen der USA betroffen ist, hat für die Schweiz vor allem indirekt Konsequenzen: Die Silhouette eines Stahlarbeiters zeichnet sich im Werk der Salzgitter AG vor einer glühenden Bramme ab.

Dass neu auch die EU von Stahlzöllen der USA betroffen ist, hat für die Schweiz vor allem indirekt Konsequenzen: Die Silhouette eines Stahlarbeiters zeichnet sich im Werk der Salzgitter AG vor einer glühenden Bramme ab. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Entscheid der USA, Zölle von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium jetzt doch auch für die Länder der Europäischen Union (EU) und weitere Länder einzuführen, hat dort für grosse Konsternation gesorgt. Die Union setzt sich dagegen auch durch eine Klage bei der Welthandelsorganisation WTO zur Wehr. Die Massnahme hat die Administration unter Präsident Donald Trump zwar bereits im März eingeführt. Doch für die EU und andere wurde sie immer wiederholt verschoben. Bis jetzt. Als Hauptadressat galt bisher vor allem China.

Keine Ausnahme galt dagegen für die Schweiz, die deshalb von der neuen Entwicklung nicht direkt betroffen ist, da sie schon von Beginn weg mit den höheren Zöllen belastet wird. Bundesrat Johann Schneider-Ammann, zuständig für Wirtschaft, hat dem US-Handelsbeauftragten Robert Lighthizer bereits am 19. März ein schriftliches Gesuch für eine länderspezifische Ausnahme von den Handelsschutzmassnahmen betreffend die Schweiz unterbreitet, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schreibt.

Schliesslich sei es «offensichtlich, dass die aus der Schweiz in die USA exportierten – in aller Regel hochwertigen – Stahl- und Aluminiumprodukte nicht Ursache für das Ergreifen der Massnahmen sein können». Genützt hat das Vorgehen wenig. «Betreffend das von der Schweiz eingereichte Ausnahmegesuch für diese zusätzlichen Zölle haben die US-Behörden noch nicht reagiert. Die zuständigen schweizerischen Stellen bemühen sich weiterhin um eine Ausnahme, welche mit den einschlägigen WTO-Regeln konform ist», schreibt das Seco.

Gefährliche Folgewirkungen

Von den Folgewirkungen der jetzt beschlossenen Ausweitung der Zölle dürfte die Schweiz kaum verschont bleiben. Denn erstens haben die Zölle mit grösster Wahrscheinlichkeit Folgen für die Handelsströme und die Wertschöpfungsketten, und zweitens sind Gegenmassnahmen der Europäer und der anderen betroffenen Länder zu erwarten. Und die USA haben bereits angedroht, hohe Zölle auch auf Autos zu erheben. Das wäre eine drastische weiterere Eskalation im nun offen ausgebrochenen Handelskrieg.

Die genauen Folgen für die Schweiz lassen sich bis jetzt nur schwer abschätzen. So sieht man das auch beim Seco, das zu den Gefahren verlauten lässt: «Eine weitergehende Eskalation von Handelsschutzmassnahmen und Gegenmassnahmen (‹Handelskrieg›) birgt grosses Schadenpotenzial für alle Beteiligten sowie für das regelbasierte globale Handelssystem und muss aus Sicht der Schweiz verhindert werden.»

Betroffene Firmen könnten den Druck auf ihre Schweizer Zulieferer erhöhen.

Eine mögliche Folge ist ein verschärfter Wettbewerb und Preisdruck, der auf die Schweizer Unternehmen zukommen könnte. Unternehmen aus der EU, die neu zum Beispiel Absatzmärkte in den USA verlieren, weil sie entweder für die Abnehmer dort zu teuer werden oder weil sie zu wenig Marge erzielen, um die Zölle ohne Preisänderungen aufzufangen, könnten versuchen, auf den Schweizer Markt auszuweichen. Diese Befürchtung hat bereits der Präsident des Schweizer Aluminiumverbands, Marcel Menet, gegenüber Radio SRF geäussert.

Zu einem erhöhten Wettbewerbsdruck kommt das Risiko, dass neu von den Zöllen betroffene Unternehmen im Ausland den Druck auf ihre Schweizer und anderen Zulieferer verstärken, um so mehr Spielraum zu haben, trotz Zöllen im US-Markt bestehen zu bleiben. Möglich ist auch, dass diese Unternehmen ihre Produktion, ihre Wertschöpfungsketten und/oder ihre Absatzpläne stark anpassen. Das kann bedeuten, dass in der Schweiz Unternehmen Aufträge verlieren. Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass andere Schweizer Unternehmen dann neu zum Zug kommen.

Der Anfang einer Abwärtsspirale

In den von den US-Massnahmen nun neu betroffenen Ländern will man mit eigenen Zöllen gegen US-Produkte reagieren. Die Idee dahinter ist, Druck auf die USA zu machen und vor allem den dort negativ betroffenen US-Firmen einen Anreiz zu geben, auf die eigene Regierung einzuwirken, damit sie den Handelskrieg wieder abbricht und das Gespräch sucht.

Ähnliche Gedanken macht man sich auch in der betroffenen Industrie in der Schweiz: «Wenn überall auf der Welt solche Zölle eingeführt werden, dann muss auch die Schweiz mitziehen», erklärt zum Beispiel Marcel Menet, Präsident des Aluminiumverbands, im erwähnten Radiointerview.

Gänzlich ausschliessen will man eigene Massnahmen offenbar auch vonseiten der Schweizer Politik nicht. «Die Schweiz prüft alle Optionen, um ihre Interessen bestmöglich zu verteidigen. Aus handelspolitischer Sicht ist es wesentlich, dass die Optionen mit den WTO-Regeln konform sind», schreibt dazu das Seco.

Neben den schädlichen Folgen für Unternehmen hat ein eskalierender Handelskrieg auch Wirkungen auf das politische Klima.

Das Problem aber ist, dass die Möglichkeiten für ein kleines Land wie die Schweiz hier ziemlich beschränkt sind. Die Welthandelsorganisation WTO als Institution, die sich dem multilateralen Freihandel verschrieben hat, hat in den letzten Jahren massiv an Einfluss eingebüsst. Indem Donald Trump seine Massnahmen mit der nationalen Sicherheit begründet, zielt er ohnehin auf Ausnahmen in deren Regelwerk ab. Deshalb sind auch die Erfolgschancen der EU-Klage bei der WTO nicht allzu hoch.

Das ökonomische Problem von Gegenmassnahmen ist zudem, dass von höheren Zöllen möglicherweise in jedem Land einige Unternehmen gewinnen, andere aber auf der Verliererseite stehen werden. Aktuell zum Beispiel all jene, die auf Aluminium und Stahl für die Weiterverarbeitung in andere Produkte angewiesen sind. Das gilt auch für die USA.

Neben den schädlichen Folgen für Unternehmen hat ein eskalierender Handelskrieg aber auch Wirkungen für das internationale politische Klima. So sieht man in der EU oder auch in Kanada die Sorge um die nationale Sicherheit als Begründung für die Zölle als besonderen Affront gegenüber Ländern, die sich eigentlich als Verbündete der USA sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2018, 15:31 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir setzen den Handelskrieg aus»

Die USA und China haben sich nach zweitägigen Gesprächen geeinigt. Der genaue Inhalt der Übereinkunft ist jedoch nicht bekannt. Mehr...

In einem Handelskrieg mit China ziehen die USA den Kürzeren

Die Zeichen stehen auf Eskalation: Wie äussern sich internationale Medien zur immer schärfer werdenden Rhetorik in Washington und Peking? Mehr...

Service

Kino

Alle Kinofilme im Überlick

Kommentare

Blogs

Welttheater Mit Dosentomaten in den Brexit
Sweet Home Best of: Die 10 Gebote der Kochkunst
Geldblog Warum gelte ich als «qualifizierter Anleger»?

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Segeln hart am Wind: Die Teilnehmer der Skûtsjesilen - Meisterschaften im niederländischen Friesland schenken sich nichts. (15. August 2018)
(Bild: Siese Veenstra/EPA) Mehr...