Hintergrund

Wie die Energiewende die Wasserkraft verdrängt

Kurt Rohrbach, der oberste Stromverkäufer der Schweiz, warnt vor einer Energiepolitik à la Deutschland hierzulande.

Kaum mehr rentabel: Ein Pumpengehäuse im Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 2, an dem auch die industriellen Werke Basel beteiligt sind.

Kaum mehr rentabel: Ein Pumpengehäuse im Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 2, an dem auch die industriellen Werke Basel beteiligt sind. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE), Kurt Rohrbach, hat Sorge um die Zukunft der Wasserenergie in der Schweiz. Wasserkraftwerke sind mit 56 Prozent der wichtigste Stromlieferant des Landes. Ausgerechnet in den neuen erneuerbaren Energien (Sonne und Wind) sieht er die grösste Gefahr für die Zukunft des Wasserschlosses Schweiz in seiner Funktion als Stromlieferant.

Es brauche nicht Herrn Steinbrücks Kavallerie, um der Schweizer Wasserkraft erheblichen Schaden zuzufügen, die Subventionswalze der Energiewende tue dies schon sehr effektiv, sagte er gestern auf dem Grimsel-Hospiz, wo ABB im Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 2 den weltweit leistungsstärksten Frequenzumrichter für einen Pumpspeicherantrieb in Betrieb nahm. Die Kraftwerke Oberhasli AG (KWO), an denen die Industriellen Werke Basel mit 16,7 Prozent beteiligt sind, liefern sieben Prozent der Energie aller Schweizer Wasserkraftwerke.

Die Schweizer Wasserkraft sei seit Jahrzehnten die Säule der einheimischen Stromversorgung, hielt Rohrbach fest. Nun befinde sie sich jedoch in einer verzwickten Lage. In der bundesrätlichen Strategie zur Energiewende 2050 spiele sie zwar eine noch bedeutendere Rolle. Doch führe die massive Subventionierung von unregelmässig anfallender Energie aus neuen erneuerbaren Energien aber dazu, dass die einheimische Wasserkraft kaum noch mehr als Deckungsbeiträge erwirtschafte. Schuld daran sei vor allem der nördliche Nachbar Deutschland mit seiner massiven Förderung von Sonnen- und Windenergie. Geradezu fantasielos sei es, dass die Schweiz es Deutschland nachmache und damit auch Risse in der Versorgungssicherheit entstünden.

Verfehlter Fördermechanismus

«Mit ihren seltenen Einsätzen verdient die Wasserkraft zwar zu viel zum Sterben, aber zu wenig, um eine lohnende Investition zu sein», sagte Rohrbach. Die fehlende Rentabilität der Wasserkraftwerke mute geradezu schizophren an. So sei die Produktion von CO₂-freier, erneuerbarer Energie politisch und gesellschaftlich erwünscht und in den Schweizer Stauseen würden sich die effizientesten und geeignetsten Speichertechnologien finden, um die grossen Mengen an unregelmässig anfallender Energie aus Sonne und Wind aufzunehmen, die der Umbau der Versorgungslandschaft in Deutschland und der Schweiz hervorbringe. Eigentlich würde alles passen, findet Rohrbach, wenn nicht der verfehlte Fördermechanismus dieser Technologien, die selber auf Speicher angewiesen sind, die Wasserkraft zu negativen Zahlen führe.

Der bisher vor allem in Deutschland ungebremste Zubau an Fotovoltaik- und Windanlagen führe zu Stunden mit Überschussproduktion im Netz und reduziere das allgemeine Preisniveau. Als Konsequenz davon stünden sämtliche relevanten Ausbau- und Neubauprojekte im Bereich der Wasserkraft unter den aktuellen Marktbedingungen vor wirtschaftlich schwierigen Zeiten oder würden wie das Pumpspeicherkraftwerk Grimsel 3 sistiert. Rohrbach schliesst deshalb nicht mehr aus, dass ausgerechnet die Wasserkraft zum grössten Kollateralschaden und erstem Opfer der Energiewende werden könnte.

Zur Stützung der Schweizer Wasser­energie fordert Rohrbach gleich lange Spiesse. Denkbar für den früheren Chef der Bernischen Kraftwerke ist, dass Anbieter von Sonnen- und Windkraft für den Speicher Wasserkraft, der dauerhaft und kurzfristig einsetzbar ist, Abgaben zu leisten haben oder im Umkehrschluss mit den gleichen Kosten­deckenden Einspeisevergütungen (KEV) bedacht wird. Da Planwirtschaft aber immer zu einem Kollateralschaden führe, sei es besser, die KEV abzuschaffen und den Markt spielen zu lassen.

ABB mit Vorsprung

Während die schweizerischen Energieversorger mit der Energiewende arg zu kämpfen haben, hat für den Technikkonzern ABB die Zukunft bereits begonnen. Sein Vorsprung bei der Leistungselektronik dürfte bei zwei Jahren liegen. Der für 22 Millionen Franken auf der Grimsel eingebaute Frequenz­umrichter vergrössert beispielsweise die Nettobilanz des Pumpspeicherwerkes von Grimsel 2 spürbar.

Erst unlängst hat ABB aber auch 200 Ladestationen in Estland und Polen für Elektroautos gebaut. Gutes Geld verdient ABB aber auch mit Antriebspaketen in Zügen, wo mit dem Bremsen Energie erzeugt wird oder mit drehzahlgeregelten Antrieben für Schiffsmotoren, wie der Chef von ABB Schweiz, Remo Lütolf, bestätigt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.10.2013, 09:09 Uhr

Artikel zum Thema

«Noch kein grosses Wasserkraftwerk ist bankrottgegangen»

Die Wasserkraft steht unter Druck, zahlreiche Grossprojekte landen in der Schublade. Nun wollen die Bergkantone vom Bund Subventionen. Was von dieser Forderung zu halten ist, sagt ETH-Professor Anton Schleiss. Mehr...

«Solar- und Wasserkraft nicht gegeneinander ausspielen»

Interview Im Kampf um Fördergelder will kein Stromproduzent zu kurz kommen. Welche Rolle sollen Wasser- und Solarkraft in der Versorgung spielen? SP-Nationalrat Roger Nordmann schildert seine Sicht. Mehr...

Eine Kaverne wie gemacht für James Bond

Reportage Tief im Berg, ganz hinten im Glarnerland, baut die Axpo für 2,1 Milliarden ihr neues Pumpspeicherwerk Linthal 2015. Die riesige Maschinenkaverne würde sich perfekt als Drehort für einen Actionfilm eignen. Mehr...

Blogs

History Reloaded Warum Spanien als Nation scheitert

Sweet Home Die Farbe, die allen gefällt

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...