Deshalb befinden sich die Aktienmärkte im Höhenrausch

Im Tagesrhythmus klettern die Börsen in Amerika auf neue Allzeithochs. In ihrem Windschatten folgen die europäischen Handelsplätze. Die Stimmen, die vor einem jähen Ende des Booms warnen, sind weitgehend verstummt.

Neue Rekordstände im Blick: Ein Börsenhändler verfolgt das Geschehen auf dem Handelsfloor der New Yorker Börse.

Neue Rekordstände im Blick: Ein Börsenhändler verfolgt das Geschehen auf dem Handelsfloor der New Yorker Börse. Bild: Brendan McDermid/Reuters

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Am 9. Oktober 2007 war der S & P 500, der wichtigste Aktienindex in den USA, auf einen neuen Rekordwert geklettert. Es sollte der höchste Stand vor der Finanzkrise bleiben – danach mussten die Börsianer bis zum Frühjahr 2009 einen Absturz nach dem andern verdauen. Der 9. Oktober 2017 könnte nun erneut ein Allzeithoch markieren, so überschäumend wie die Aktienmärkte in Amerika derzeit gestimmt sind. In diesen zehn Jahren hat sich der S & P 500 ziemlich genau verdoppelt. Wäre ein Anleger auf dem Tiefpunkt von Anfang März 2009 eingestiegen, hätte er seinen Einsatz sogar verdreifachen können.

Doch nicht nur in Bezug auf das Kursniveau liegen Welten zwischen dem Oktober 2007 und dem Oktober 2017. Auch die Stimmung unter den Börsianern damals und heute könnte gegensätzlicher kaum sein: keine Spur von Verunsicherung, Zweifeln oder bösen Vorahnungen mischt sich in die aktuellen Börsenausblicke. Natürlich verweisen Marktbeobachter regelmässig auf die ungewöhnlich lange Dauer des gegenwärtigen Aufwärtszyklus von über acht Jahren, auf die im historischen Vergleich hohen bis sehr hohen Aktienbewertungen und auf die Vielzahl tickender politischer Zeitbomben, angefangen in Nordkorea. Auch das baldige 30-Jahr-Jubiläum des Börsencrashs am «Schwarzen Montag» vom 19. Oktober 1987 vermag niemanden zu ängstigen.

Nicht zu viel und nicht zu wenig Wachstum

Am Ende überwiegen eben doch die Argumente, die aus heutiger Sicht für eine Fortsetzung des Börsenhochs sprechen. Das gilt sowohl für die gesamtwirtschaftliche Betrachtung als auch für die Sicht auf die Unternehmenslandschaft. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer seit dem Ende der Finanzkrise (2009/10) nicht mehr erlebten Verfassung: Sämtliche Regionen leisten ihren Beitrag zum globalen Wachstum, wir befinden uns im Idealzustand einer synchronen Aufwärtsentwicklung.

Gewiss sind die Wachstumsraten im einzelnen nicht überwältigend, aber gerade das mögen die Börsen. Die USA als die weltgrösste Wirtschaft steigern derzeit ihren jährlichen Ausstoss um die 2 Prozent im mittelfristigen Trend. Das reicht, um den Unternehmensgewinnen eine Stütze zu geben. Es reicht aber nicht, um die Teuerung anzuheizen, die Notenbank auf den Plan zu rufen und deren Geldversorgung drastisch einzuschränken.

Letzteres widerspiegelt sich auf dem Kapitalmarkt: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen – die Richtschnur für die Märkte – liegt derzeit mit 2,35 Prozent gar unter dem Stand von 2,45 Prozent zum Jahresende 2016, was damals kaum jemand erwartet hatte. Solange aber die Zinssätze auf solch tiefen Niveaus verharren, sind die Investoren wenig geneigt, ihre Portfolios von Aktien in Anleihen umzuschichten. Europa ist von steigenden Zinsen noch viel weiter entfernt als Amerika. Aktien mögen bei ihren heutigen Kursständen teuer, teils auch als überbewertet erscheinen. Doch für Investoren im Anlagenotstand stellen sie immer noch die relativ attraktivste Anlageklasse dar.

Ansehnliche Gewinnsteigerungen

Das gilt auch und erst recht mit Blick auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne in den USA. Im ersten und zweiten Quartal 2017 sind sie im Mittel um ansehnliche 13,9 respektive 10,3 Prozent gestiegen. Für das dritte Quartal, dessen Berichtssaison kurz bevorsteht, sind die Erwartungen zwar deutlich bescheidener: Der Konsens der Analysten liegt bei einem Plus von gut 3 Prozent beim Gewinn je Aktie im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch scheinen die Börsianer darob nicht beunruhigt zu sein, weil primär ausserordentliche Einmal-Einflüsse für das gebremste Gewinnwachstum verantwortlich zeichnen. Das gilt insbesondere für die Versicherungen, die wegen der Hurrikane Harvey und Irma milliardenschwere Schäden zu tragen haben. Deutlich schwächere Gewinnausweise im Vergleich zu den zwei vorausgegangenen Quartalen werden auch im Energiesektor vorhergesagt; Grund hierfür sind Basiseffekte, die im ersten Halbjahr die Gewinnzuwächse aufgebläht haben, nun aber an Wirkung verlieren.

Viel stärker ins Gewicht fällt, worüber die «Financial Times» mit Verweis auf die Agentur Reuters kürzlich berichtete: In den letzten vier Geschäftsquartalen haben nicht weniger als 71 Prozent der im S & P 500 enthaltenen Unternehmen die Gewinnschätzungen der Analysten übertroffen – und lediglich 19 Prozent haben sie verfehlt. Darüber hinaus lagen die ausgewiesenen Gewinne des zweiten Quartals im Mittel um 5,5 Prozent über den Schätzungen; im langjährigen Vergleich beträgt diese «Überraschungsspanne» nur gut 3 Prozent. Das ist der Stoff, der Aktienkurse beflügelt.

US-Steuerpläne beflügeln Kursfantasie

Für zusätzliche Fantasie an den Aktienmärkten sorgen die Pläne der US-Regierung, die Unternehmenssteuern merklich zu senken. Davon sollten nach Einschätzung von Marktbeobachtern kleinere Unternehmen überproportional profitieren, weil sie stärker auf den amerikanischen Heimmarkt ausgerichtet sind. Geringere Steueraufwendungen schlagen sich unmittelbar in höheren Gewinnen nieder. Fraglicher sind die Folgen für die US-Wirtschaft, die aus der Beseitigung der Hurrikan-Schäden resultieren. Manche Beobachter sehen darin ein staatliches Konjunkturprogramm, das der US-Wirtschaft bis weit ins nächste Jahr hinein zusätzliche Wachstumsimpulse bescheren dürfte.

Aus diesem Cocktail aus Hoffnungen, Erwartungen, solider Wirtschaftslage und fehlenden Anlagealternativen nährt sich der Börsenaufschwung. Sechs Tage hintereinander hat der S & P 500 zuletzt auf einem Allzeithoch geschlossen. Der Rekord datiert aus dem Juni 1997, als das Börsenbarometer acht Tage in Folge den Handel auf einem Rekordniveau beendete. Ob er egalisiert werden kann, wird sich ausgerechnet am 9. Oktober entscheiden. Bei Publikation dieses Artikels lag der S & P 500 allerdings um 0,24 Prozent unter dem gestrigen Schlussstand.

Im Kielwasser der US-Börsen klettern auch europäische Indizes in bislang unerreichte Höhen. Der deutsche Aktienindex Dax steht kurz davor, erstmals überhaupt die psychologisch wichtige Schwelle von 13'000 Punkten zu überspringen, nachdem er in den letzten Tagen neue Rekordmarken gesetzt hat. Der Swiss-Aktien-Index (SMI) ist mit aktuell 9260 Punkten noch ein Stück von seinem Allzeithoch von 9548 Zählern entfernt, das er Anfang Juni 2007 erzielte. Doch seit Anfang September verzeichnet das Blue-Chip-Barometer einen steilen Aufschwung, in dessen Verlauf es seinen Kursanstieg seit Jahresbeginn von rund 8 Prozent auf knapp 13 Prozent steigern konnte. Ob der SMI in nächster Zeit bis zu seinem Höchwert vorstossen kann, hängt von der weiteren Stimmungslage in Übersee ab.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2017, 17:39 Uhr

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